Private nehmen Flüchtlinge auf

150 Personen haben sich nach einem Aufruf in den Medien bereit erklärt, Vertriebene bei sich zu Hause aufzunehmen. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe startet nun in der Deutschschweiz ein Pilotprojekt.

Viele von ihnen werden den Weg Richtung Nordeuropa und in die Schweiz auf sich nehmen: Flüchtlinge in Süditalien.

Viele von ihnen werden den Weg Richtung Nordeuropa und in die Schweiz auf sich nehmen: Flüchtlinge in Süditalien. Bild: Keystone

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In diesen Wochen werden erstmals ­Privatpersonen Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe, die diese Art der Unterbringung fördern will, hat solche Platzierungen vorbereitet. Es handelt sich um ein Pilotprojekt. «Wir und die Gastgeber sind bereit», sagt Mediensprecher Stefan Frey. Der Zeitpunkt des Starts liege nun an Kanton und Gemeinde.

Wo genau die ersten Familien platziert werden, will Frey erst bekannt geben, wenn sie bei ihren Gastgebern an­gekommen sind. Obwohl jeweils nur eine Familie und nicht Dutzende Personen an einem Ort untergebracht werden, könnte es negative Reak­tionen aus der Nachbarschaft geben. Diese Erfahrung machten jedenfalls künftige Gastgeber, die in den Medien über ihr Vorhaben gesprochen haben. Frey sagt: «Es werden Gemeinden in der Deutschschweiz sein.»

Seit letztem Herbst, seit der Generalsekretär der Flüchtlingshilfe im «Blick» Private aufgerufen hat, Flüchtlinge aufzunehmen, haben sich 150 Personen ­gemeldet. Stefan Frey glaubt, dass es sogar mehrere Hundert sein werden, wenn sich das System etabliert hat. Mit der anstehenden Flüchtlingswelle erhält das Projekt nun zusätzlich Aktualität: Die Lage vor den Toren Europas sei zurzeit so dramatisch wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, sagte Mario Gattiker, Direktor des Bundesamts für Migration, am Dienstag im «Tages-Anzeiger». Er rechnet damit, dass in der Schweiz deshalb neue Asylunterkünfte geschaffen werden müssen. Nehmen künftig mehr Private Flüchtlinge auf, und davon geht Stefan Frey aus, kann dies die ­bestehenden Einrichtungen entlasten.

Die Bürokratie wächst

Flüchtlinge bei Privatpersonen unterzubringen scheint allerdings einfacher, als es wirklich ist. Laut Frey müssen viele Fragen geklärt werden: Wer übernimmt die Haftung? Wer betreut die Flüchtlinge? Wie werden die Gastgeber für ihre Aufwendungen entschädigt? Erschwerend kommt hinzu, dass nicht der Bund, sondern die Kantone für die Flüchtlinge zuständig sind und dass jeder Kanton anders vorgeht. So muss die Organisation diese Frage mit jedem einzelnen Kanton für jeden Fall individuell klären.

Dabei ist es nicht das erste Mal, dass Private einem Aufruf folgen und Vertriebene beherbergen. Zuletzt geschah dies 1973 nach dem Militärputsch in Chile durch Augusto Pinochet gegen den so­zialistischen Präsidenten Salvador Allende. Die Asyl-Hilfsorganisation Frei­platzaktion rief über ­einen Rundbrief die Gemeinden auf, je fünf Chilenen eine Unterkunft zu bieten – worauf sie mit Hilfsangeboten aus der Bevölkerung überhäuft wurde. Heute nach mehreren Asylgesetzrevisionen sei alles viel stärker reglementiert, der bürokratische Aufwand habe sich vervielfacht, sagt Stefan Frey. «Wenn Private heute unter denselben Umständen wie damals Flüchtlinge aufnehmen würden, handelten sie illegal.» Insbesondere mit der Haftpflichtfrage sei man früher viel lockerer umgegangen. Heute werde ein grosser Teil der Asylausgaben für die Sicherheit ausgegeben.

Projekt soll Vorurteile abbauen

Die Flüchtlingshilfe will mit ihrem Projekt aber nicht nur die bestehenden Unterkünfte entlasten. «Wir möchten auch, dass die humanitäre Schweiz wieder stärker in Erscheinung tritt», sagt Frey. In den letzten Jahren hätten politische Gruppen das Thema Asyl gezielt be­wirtschaftet und das Klima so stark vergiftet, wie es nicht einmal während des Balkankriegs war. Auch damals waren überdurchschnittlich viele Menschen in die Schweiz geflüchtet.

Im direkten Kontakt könnten viele Vorurteile und Missverständnisse ab­gebaut werden, sagt er. «Das Gros der Flüchtlinge ist weder kriminell noch komisch. Sie sind Menschen wie wir», sagt er. Diese Erkenntnis lasse sich nicht verordnen, sie müsse im alltäglichem Umgang mit den Flüchtlingen wachsen. Setzte sie sich in der breiten Bevölkerung durch, würde es für die lokalen ­Behörden künftig wohl einfacher, Unterkünfte für Flüchtlinge zu finden.

Es hat genug Platz

Bund und Kanton werden aber auch ohne das Projekt der Flüchtlingshilfe alle Menschen unterbringen können, die in der Schweiz Schutz suchen, wie ­Martin Reichlin, Sprecher des Bundesamts für Migration, sagt: «Auch in der Vergangenheit musste die Schweiz Ausnahmesituationen bewältigen.» Das war etwa der Fall, als in den 90er-Jahren viele Flüchtlinge aus dem ehemaligen ­Jugoslawien hierherkamen. Zwar lösen Ankündigungen von neuen Asylzentren in den betreffenden Gemeinde regelmässig abwehrende Reaktionen aus. Wenn Menschen in Not waren, so sagt Reichlin, hätten sich Schweizerinnen und Schweizer aber immer solidarisch gezeigt. Und jene Flüchtlinge, welche die Schweiz in den nächsten Monaten ­erwarte, seien erwiesenermassen auf Schutz angewiesen. Sie kämen hauptsächlich aus Eritrea und Syrien, und dort sei die Lage sehr ernst.

Im Juni ist die Zahl der Asylgesuche spürbar gestiegen: Rund 2200 Personen haben eines eingereicht, im Mai waren es noch 1680 Gesuche. Zum Anstieg im Juni haben vor allem Personen aus ­Eri­trea beigetragen. Ob sich die Zahl der Gesuche auf dem hohen Niveau des Juni stabilisiert oder ob sie noch weiter steigt, ist laut Martin Reichlin schwierig abzuschätzen, ebenso, wie viele zusätzliche Plätze erforderlich sein werden. Der Bund plane nicht sofort Kapazitätserweiterungen, sondern treibe erst seine bestehenden Projekte vorwärts. Die nächsten Asylzentren des Bundes werden in den Kantonen Neuenburg, Zug und Tessin eröffnet. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.07.2014, 20:05 Uhr)

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