«Pro Kindergarten ist ein Kind noch nicht trocken»

Vielerorts sinkt das Einschulungsalter. Das stellt Kindergärten vor ein Problem: Nicht alle Kinder können selbstständig auf die Toilette.

Im Kindergarten generell verboten: Ein Kind mit Windeln. (Symbolbild) Quelle: Getty

Im Kindergarten generell verboten: Ein Kind mit Windeln. (Symbolbild) Quelle: Getty

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Kinder werden in der Schweiz immer früher eingeschult. Die Faustregel besagt zwar, dass Kinder mit etwa drei Jahren tagsüber keine Windeln mehr benötigen. «Es kommt aber immer wieder vor, dass auch Vierjährige noch nicht trocken sind», sagt der Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl zur «SonntagsZeitung».

Einige der Kinder müssen gar noch Windeln tragen. Und das stellt die Kindergärten vor ein Problem. Kindergärtner müssten immer alle Kinder im Auge behalten und können sich nicht zurückziehen, um ein Kind zu wickeln, erklärt Lisa Lehner in der Zeitung. Die Leiterin Kindergarten der Schule Baden spricht einen sensiblen Punkt an: «Ganz kritisch wird es, wenn Männer im Kindergarten arbeiten und Windeln wechseln sollen. Das hätte einen Aufstand in der Öffentlichkeit zur Folge.»

Ausnahmen aus medizinischen Gründen

Würde das Wechseln der Windeln zur Aufgabe der Kindergärtner, würde mehr Personal benötigt. Denn für Kindergärten gälten die gleichen rechtlichen Bestimmung wie im Hort, wie Brigitte Fleuti erläutert. Das heisst: «Beim Windelwechseln gilt das Vieraugenprinzip, es müssen immer zwei Personen anwesend sein», sagt die Präsidentin beim Kindergartenverband des Kantons Zürich. Und das könne ein Kindergarten schlicht nicht bieten.

Deshalb: «Wir erwarten, dass die Kinder selbstständig auf die Toilette gehen können», macht Bruno Glettig, Schulleiter in Obersiggenthal AG, klar. «Zum Windelnwechseln haben wir schlicht keine Zeit.» Die Schule habe sogar Informationsschreiben in mehreren Sprachen an die Eltern verschickt. «Trotzdem», so Glettig, «haben wir im Schnitt immer ein Kind pro Kindergarten, das noch nicht trocken ist.»

Mit dem Problem ist Glettig nicht allein. Immer wieder komme es vor, dass Kinder mit Windeln in den Kindergarten kommen. Es gebe sogar Eltern, die ihrem Nachwuchs unauffällig dünne Windelhöschen anziehen, schreibt die Zeitung.

Alle Kinder aufnehmen, aber nicht mehr Personal

Die Kindergartenverbände Zürich, Aargau und Bern schliessen sich der Haltung von Schulleiter Glettig an. Auch bei ihnen heisst es: «Wir wechseln keine Windeln.» Ausnahmen würden bloss gemacht, wenn Kinder aus medizinischen Gründen Windeln tragen müssen.

Viele Kindergärten haben gemäss der Zeitung eine pragmatische Linie eingeschlagen und bieten Eltern telefonisch auf, wenn die Windel voll ist. Die Idee dabei sei, «einen gewissen Druck» entstehen zu lassen, erklärt Glettig. Das sorge bei den Eltern oft auch für ein grosses Aha-Erlebnis.

Einerseits müssen die Kindergärten also alle Kinder aufnehmen, die das Schulalter erreicht haben – egal, ob die Kinder die nötige Reife haben. Andererseits müssten Kindergärtner Kinder zu zweit wickeln, haben dazu aber nicht das nötige Personal. Und so befinden sich die Schulen gewissermassen in der Mangel.

«Harmos ändert in den meisten Kantonen nichts»

Gemäss «SonntagsZeitung» ist der Hauptgrund für die Senkung des Einschulungsalters, dass das Harmos-Konkordat den Kindergarten obligatorisch macht und den Stichtag für den Kindergarteineintritt vereinheitlicht – nämlich den 31. Juli. Alle Kinder, die bis dann das vierte Altersjahr erreicht haben, müssen den Kindergarten besuchen.

Harmos führte aber bei weitem nicht überall zu einer Senkung des Einschulungsalters, als das Konkordat 2009 mit der Ratifikation durch den Kanton Tessin als zehnter Kanton in Kraft trat. Wie der «Beobachter» damals schrieb, besuchten bereits vor Harmos etwa 86 Prozent aller Kinder in der Schweiz während zweier Jahre den Kindergarten und traten meistens mit vier Jahren ein. Das Fazit der Zeitschrift zum Einschulungsalter: «Harmos ändert an der heutigen Praxis (2009) in den meisten Kantonen also nichts.»

(mch)

Erstellt: 04.09.2016, 16:22 Uhr

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