Punkte sammeln geht über Studieren
Von Monica Müller und Florian Leu. Aktualisiert am 18.11.2009 3 Kommentare
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Sie besetzten Vorlesungssäle in Österreich, in Deutschland gingen sie zu Tausenden auf die Strassen, letzte Woche schwappte die Welle in die Schweiz über. Studenten nahmen die Aula der Universität Basel in Beschlag, forderten Veränderungen und stempelten die Bologna-Reform auf Stellwänden ab als: Bürokratisierung, Verschulung, Verhinderung von Mobilität.
Sechs, sieben, acht Klausuren pro Semester, drei Hausarbeiten zu 10, 20, 25 Seiten, zwei Blockseminare mit Prüfungen am Wochenende: So sieht heute ein Studium in Zürich aus. Für jede Veranstaltung gibt es Punkte, 180 sind für den Bachelor nötig, nochmals 120 für den Master, ein Punkt soll 30 Arbeitsstunden entsprechen. Studenten können ihr Konto im Internet abrufen und ständig nachschauen, wie viele Punkte sie noch brauchen.
Die Idee
Vor zehn Jahren entwarfen die Bildungsminister Europas die Reform und kündigten an, sie bis 2010 umzusetzen. Die Vereinheitlichung soll es Studenten erleichtern, im europäischen Ausland zu studieren und sich auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Von Anfang an fand sie Kritiker. Einer ist der Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof, der das Studium nach Bologna in drei Worte fasst: «Reinfuttern, rauskotzen, vergessen.» Ein anderer ist Bernd Roeck, Dekan der Philosophischen Fakultät in Zürich. Er meint: «Die Reform zwingt die Faulen zum Fleiss, doch die Universität darf nicht nur die Effizienten bedienen, sonst verliert sie ihren Charakter als Laboratorium für Neues.»
Welche Wirkung hat die Reform für Studenten und Assistenten? Was halten Hochschulpolitiker und Studienberater vom Wandel? Was sagt der Leiter der psychologischen Beratungsstelle? Und was der Prorektor?
Die Hochschulpolitikerin
Sylvie Fee Michel, Präsidentin des Studierendenrats, vergleicht die Reform mit Zürichs Strassen: Viele kleine Baustellen führen zu einem grossen Stau. Mangelnde Mobilität, geringe Chancengleichheit, schlechte Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt und sinnlose Prüfungen – das sind für sie die Bologna-Baustellen. Zur Mobilität sagt sie: «Das Programm ist so gedrängt, dass kein Semester im Ausland mehr möglich ist, ohne ein Semester zu verpassen.» Zur Chancengleichheit: «Neben dem Studium zu arbeiten, ist schwieriger geworden. Das begünstigt Studenten aus reichem Haus.» Zur Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt: «Trotz eines dichten Lehrplans sollte man noch Vorträge halten und üben, vor Leuten zu reden. Denn ohne praktische Fähigkeiten hat man es in der Arbeitswelt schwer.» Zu den Prüfungen: «Es gibt immer mehr Multiple-Choice-Prüfungen, doch die regen kaum zum Denken an. Wenn Anwälte nicht mehr zu argumentieren lernen, sondern nur noch Kreuzchen machen, haben sie es in den Gerichtssälen schwer.» Mit der Reform übernahm die Schweiz ein angelsächsisches System, doch nur zur Hälfte. Jenseits des Atlantiks erhält man auch für Engagements ausserhalb des Studiums Punkte. Darüber, sagt Michel, müsse man auch in der Schweiz reden.
Der Studienberater
Inhaltlich, findet Klaus Rink, der die Studienberatung der Uni Zürich leitet, habe sich die Hochschule kaum verändert: «Meist lehren dieselben Dozenten dieselben Fächer mit ähnlichen Inhalten.» Eine Veränderung seien die Prüfungen am Ende des Semesters, viele klagten darüber, doch brächten sie auch Vorteile: «Zielvorgaben und Rückmeldungen spornen an. Und die Anforderungen sind nicht unmenschlich.» Die Freiheit im Denken und Lesen sei dieselbe, nur in den Fächern Wirtschaft, Psychologie und Recht kämen jene Veranstaltungen zu kurz, die selbstständiges Lernen fördern. Das liegt allerdings an der hohen Studentenzahl, nicht an der Reform.
Ein Problem ist für Rink die Koordination: An der Uni Zürich kann man 70 Hauptfächer studieren und nochmal so viele Nebenfächer, was zu über 4000 Kombinationsmöglichkeiten führt. Nur wer sich gut informiert, weiss vor der Fächerwahl, ob die Wunschkombination in der Regelstudienzeit machbar ist. Viele Verknüpfungen funktionieren nicht, weil vier von fünf Veranstaltungen zur gleichen Zeit stattfinden. Früher, als man Veranstaltungen problemlos nachholen konnte, war das System flexibler. «Die Studienordnung schränkt die Bewegungsfreiheit ein», sagt Rink. Wenn ein Student aus Zürich an eine Uni wechseln will, wo man Einzelfächer studiert, hat er zu wenig Hauptfachpunkte. Kommt ein Student einer solchen Uni nach Zürich, fehlen ihm die Punkte in den Nebenfächern.
Der Assistent
Die Reform bedeutet für Julian Führer mehr Papierkram, mehr Prüfungen, mehr Sitzungen. Er arbeitet als Assistent am historischen Seminar der Uni Zürich und ist Kopräsident des Mittelbaus, einer Vereinigung von Assistenten. Heute müssen er und seine Kollegen öfter unterrichten als früher, mehr Geld gibt es nicht dafür. Eine Folge der Reform ist auch, dass der Mittelalterkenner heute Veranstaltungen von der Antike bis zur Zeitgeschichte leiten muss und weniger Zeit für die Forschung hat. Bologna, sagt er, schaffe für die Assistenten keinen Mehrwert.
Dennoch gewinnt er der Reform einen Vorteil ab: «Die Studenten wissen besser als früher, was sie erwartet und wann sie was leisten müssen.» Ein Problem sieht er darin, dass weniger Zeit für ihre Arbeiten bleibt. Früher waren die Semesterferien dafür vorgesehen, heute müssen die Studenten ihre Arbeiten während der Vorlesungszeit verfassen. Das wirke sich kaum auf das Niveau der Arbeiten aus. Der Zeitmangel führe allerdings dazu, dass nur wenige noch die Klassiker ihres Fachs läsen. Zeit bleibe nur für Zusammenfassungen, für ein Best of Marx, für ein Best of Freud, nicht für die kiloschweren Originale.
Der Student
Die Verschulung als Folge der Reform sei das Schlimmste, sagt Benjamin Schlüer, der in Bern Germanistik und Soziologie studiert. Früher war er in Zürich immatrikuliert und erlebte noch das alte System; seit seinem Wechsel in die Hauptstadt erlebt er die Unterschiede zwischen Lizenziat und Bologna: «Die meisten Kommilitonen richten sich nicht mehr nach ihren Interessen. Sie besuchen nur noch die Veranstaltungen, die ihnen bei kleinstem Aufwand die meisten Punkte bringen.» Viele Dozenten stünden deshalb vor fast leeren Rängen. Und in Seminaren, wo die Punkte leicht zu holen seien, fänden keine Diskussionen mehr statt, weil sich da zu viele Studenten drängten.
Schlüer fühlt sich in die Sekundarschule versetzt, wenn ständig die Hände hochschnellen und die Studenten fragen, welche Aussagen des Professors nun prüfungsrelevant seien. Es stört ihn auch, dass er immer wieder Gesuche stellen muss, weil er neben dem Studium arbeitet und die vorgesehene Studienzeit als zu knapp empfindet. Er sagt: «Bologna benachteiligt Arbeitstätige.»
Der Seelsorger
Ulrich Frischknecht leitet die psychologische Beratungsstelle der Uni und der ETH Zürich, wo letztes Jahr 800 Leute Hilfe suchten, dieses Jahr waren es bis heute bereits hundert mehr. Frischknecht beobachtet eine Atemlosigkeit: «Alles findet während des Semesters statt, die Ferien bieten den Studenten keine Pufferzone mehr. Sie fühlen sich gestresst.» Vor allem Fächer wie Wirtschaft und Recht hätten sich verändert. Keine Zeit für Durchhänger und Krisen, kaum Zeit auch für die persönliche Entwicklung: «Studieren ist heute etwas für gesunde Leute mit vollem Konto.»
Geprägt von der Forderung nach Effizienz, schätzten die meisten Studenten eine Verzögerung als Drama ein und wollten ein makelloses Studium im Lebenslauf haben. Dass moderne Arbeitsplätze mit Bewegungsmeldern ausgestattet seien, sage eigentlich schon alles, meint Frischknecht in einer Nebenbemerkung: «Wer einfach dasitzt und liest, sitzt bald im Dunkeln. Lesen ist nicht mehr vorgesehen. Lesen ist out.»
Der Prorektor
Otfried Jarren, Prorektor der Uni Zürich, ist zehn Jahre nach Einführung der Reform noch unzufrieden. Die Umstellung sei schlicht zu gross. Es gebe mehr Bürokratie zu bewältigen, weil man die Buchungen für Kurse, Seminare und Vorlesungen aufschalten und das System im Internet betreuen müsse. Professoren, Administratoren und ältere Studenten seien skeptisch gegenüber Unbekanntem. «Doch die jüngeren Bologna-Studenten schätzen es, nicht mit Belegen zur Kanzlei rennen zu müssen, sondern ihr Profil online zu aktualisieren – sie sind im Netz gross geworden.»
Die Verschulung habe ihre positiven und negativen Seiten: Dozenten sind gezwungen, ihre Ziele zu umreissen, stufengerecht zu lehren, ihre Studenten laufend zu prüfen. «Etappenläufe sind sinnvoller als ein Marathon am Schluss», sagt Jarren. Multiple-Choice-Prüfungen dürften nicht zum Standard werden, Professoren müssten sich kluge Alternativen ausdenken. Noch seien die Bachelor-Programme zu überfrachtet, weil jeder Professor sein Fachgebiet einbringen wolle.
Der Handlungsbedarf
Jarren sagt, die Studenten müssten neben dem Pflichtprogramm genug Raum für ihre Interessen haben; man sollte auch für Sprachkurse Kreditpunkte bekommen und genug Zeit für einen Job haben. Dass zwei Drittel der Studenten von geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern die Vorbereitung auf die Berufswelt bemängeln, hält Jarren für absurd: «Wer ein Fach studiert, das keinen klaren Beruf anstrebt, darf nicht erwarten, für diesen perfekt gewappnet zu werden. Jeder muss sich selbst entwickeln.»
Es sieht Handlungsbedarf vor allem bei der Mobilität. Denn jede Universität hat ihre eigenen Vorgaben entwickelt, sodass ein Studium in Zürich eine andere Punktezahl verlangt als eines in Basel. Alle Fächer müssten Standards aushandeln, sagt Jarren, hier müsse man nachbessern und Misstrauen abbauen. «Wir machen Fehler und Erfahrungen, aber wir sind gut unterwegs.» In zehn Jahren, glaubt er, werde die Reform funktionieren.
Heute ist der internationale Tag der Studenten. Aktionen, Konzerte und Diskussionen in Zürich, Bern und Basel. Informationen unter www.unsereuni.ch und www.sub.unibe.ch. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.11.2009, 10:36 Uhr
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3 Kommentare
Lieber Herr Abächerli, Schön, dass sie es einsehen, aber offenbar sind sie einer der wenigen. Für die Arbeitswelt ist es einfacher Menschen anhand ihres Punktekontos einzuteilen, denn als Menschen mit einer eigenen Entwicklung, eigenen Stärken und Schwächen. Die 180 bzw. 300 Punkte implizieren, dass alle Studierende, von egal welcher Uni gleiche Kompetenzen haben. Gleichschaltung lässt grüssen. Antworten
So langsam beginne ich zu verstehen, warum die Studenten den Aufstand proben! Und muss mich immer wieder fragen: Gibt es eigentlich auch etwas vernünftiges, was von den EU-Behörden kommt? Etwas, was nicht nur eine enorme, nicht zu bezahlende und völlig ineffiziente Bürokratie zur Folge hat? Wie dem auch sei: Studenten, wehrt Euch! Antworten





