Radikale Impfkritiker rufen zum bewaffneten Widerstand auf
Am Anfang der Virengeschichte stand die Sorge um die Kühe. Der Schwyzer SVP-Parlamentarier Peter Föhn sagt: «Viele Tiere sind wegen der Impfung gegen die Blauzungenkrankheit auf grausame Weise verendet.» Bauern hätten ihm davon berichtet. Als Volksvertreter wollte er sich für ihre Anliegen engagieren. Das vernahmen auch radikale Impfkritiker. Es sei ein gefährlicher Mythos, an Viren zu glauben, die Blauzungenkrankheit, Vogel- oder Schweinegrippe verursachten, sagten sie Föhn. Mit der Virentheorie würden die Bürger in Angst und Schrecken versetzt und die Bevölkerung manipuliert.
Föhn wurde hellhörig und reichte diesen Frühling eine Interpellation ein. Der Bundesrat solle den Beweis erbringen, dass der Erreger der Blauzungenkrankheit wirklich existiere. Seine Zweifel verpackte er in sechs Fragen, die mit einem wissenschaftlichen Vokabular durchsetzt sind. Ihre versteckte Botschaft: Virologen können das Virus nicht isolieren und nicht fotografieren.
Woher bezieht Möbelfabrikant Föhn das wissenschaftliche Hintergrundwissen? Argumente lieferte ihm unter anderem der deutsche Aktivist Stefan Lanka von der «Klein-Klein-Bewegung». Diese Organisation ist eine internationale Vernetzung radikaler Impfgegner und Verschwörungstheoretiker. Ihr Ziel: die angeblichen Lügen der Wissenschafter, Gesundheitsbehörden und Politiker bezüglich Krankheitserregern zu entlarven. Ihre Verschwörungstheorie: Geheime Mächte würden mit der Virenangst einen Krieg gegen die Menschheit führen.
«Eine ordentliche Spritze»
Stefan Lankas Appell an die Schweizer: «Warum habt ihr eure Souveränität aufgegeben? Warum wollt ihr nicht mehr leben? Warum macht ihr eure Kinder kaputt?» Indirekt ruft er zum gewaltsamen Widerstand des Volkes gegen die Regierung auf, indem er daran erinnert, dass «fast jeder Wehrfähige eine ordentliche Spritze zu Hause» hat, nämlich ein Sturmgewehr.
Um die eidgenössischen Parlamentarier aufzurütteln, haben sich die Impfgegner zu einem «Aktionskomitee Interpellation Peter Föhn» zusammengeschlossen. Dieses lud die National- und Ständeräte zu einem Vortrag von Stefan Lanka ein: «Virusnachweis, Grippe und internationaler Wissenschaftsbetrug» Untertitel: «Peter Föhn hatte die Idee zum Vortrag.» Weiter wird erklärt, dass der Deutsche «geistiger Urheber» von Föhns Interpellationsfragen ist.
Zum Komitee gehört auch Stephan Bützberger. In einem Aufruf an die Bevölkerung behauptet der Aktivist, diese schlucke unter Todesangst hochgiftige Medikamente. Antivirale Mittel wie Tamiflu würden das Blut «dick und zäh» machen. «Kein Sauerstoff kann mehr durch den Körper fliessen. Wir vergiften uns und ersticken zusehends.»
Versuchter Hochverrat
Bützberger ist ausserdem Vorstandsmitglied der Partei «Leben mit Zukunft». Auf ihrer Homepage schreibt Stefan Lanka, die Demokratie sei in der Schweiz de facto abgeschafft, Wahlen würden gewohnheitsmässig gefälscht. Das sei versuchter Hochverrat.
Weder Swissmedic, Polizei noch Behörden und Politiker würden etwas gegen die Verletzung der Menschenrechte unternehmen: «Du kannst mit diesen Kriminellen machen, was du willst, sie sind vogelfrei», ruft Lanka den «wehrhaften Schweizer Bürgern» zu. Die Parlamentarier liessen sich aber nicht aufschrecken, der Vortrag fiel ins Wasser, wie Föhn bestätigt.
Inzwischen hat der Bundesrat die Interpellation Föhn beantwortet. Die Impfkampagne gegen die Blauzungenkrankheit habe die Ausbreitung der Seuche verhindert, schreibt die Regierung. Seit mehr als 20 Jahren werde das weltweit anerkannte Verfahren der Polymerasen-Kettenreaktion angewendet. Ausserdem sei das Blauzungenvirus mehrfach mit der Elektronenmikroskopie nachgewiesen worden. National- und Ständerat werden die Interpellation zu einem späteren Zeitpunkt behandeln.
Davon lässt sich Peter Föhn nicht beirren. Auch nicht vom Umstand, dass die Personen des Aktionskomitees radikale Impfkritiker sind, die Politiker und Behörden als korrupt und kriminell bezeichnen. Mit der Antwort des Bundesrats ist Föhn nicht zufrieden: «Er ist gar nicht auf meine Fragen eingetreten», sagt Föhn. Die Schweinegrippe bezeichnet er als gewöhnliche Grippe. «Es ist eine Geschäftemacherei.»
Absprache mit Medizinern
Föhn bestätigt, dass er die Schriften der Impfkritiker teilweise kenne. Sie würden ihre Argumente und Forderungen eben «fadengerade» formulieren. Der SVP-Nationalrat sieht aber keinen Grund, sich deshalb von den Aktivisten zu distanzieren. Diese seien erst an ihn herangetreten, nachdem er sich für die impfkritischen und impfgeschädigten Bauern aus der Region eingesetzt habe. Ausserdem habe er die Interpellationsfragen mit Medizinern besprochen und ihre Anregungen berücksichtigt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.10.2009, 13:41 Uhr
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