Reiche Ausländer dürfen die schönsten Steinböcke schiessen
Von Felix Maise. Aktualisiert am 12.09.2011 85 Kommentare
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Der September ist der Monat, der die Jägerherzen höher schlagen lässt. In den Bergkantonen erwarten die Waidmänner die Eröffnung der Hochjagd auf Hirsche und Gämsen mit Ungeduld. Noch begehrter sind die an sich geschützten Steinböcke, von denen es in der Schweiz heute in genau beobachteten Kolonien eine stabile Population gibt. Um die Zahl des sogenannten Steinwilds nicht weiter ansteigen zu lassen, werden jährlich eine Anzahl Tiere zum Abschuss für die Jäger freigegeben. Das sind in der Regel knapp 10 Prozent des Bestands einer Kolonie. Im Wallis werden so pro Jahr etwa 400 bis 450 Tiere zur Strecke gebracht, in Graubünden 500.
Obwohl die Jäger ständig betonen, dass sie ihrer Leidenschaft in erster Linie aus Freude am Naturerlebnis nachgehen, ist es auch der Wunsch nach besonders schönen Jagdtrophäen, der die meisten antreibt. Dabei sind die alten Steinböcke mit ihren mächtigen, zum Teil über einen Meter langen Hörnern das besondere Objekt der Begierde. Und so enden die schönsten Schweizer Steinböcke regelmässig irgendwo an einer Salonwand über dem Cheminée.
Nachfrage ist immens
Im Wallis muss man dafür im Unterschied zu den Kantonen Bern oder Graubünden tief in die Tasche greifen. Die kantonale Jagdverwaltung stellt jährlich eine Tarifliste auf, die den Preis der Steinbockabschüsse nach Hornlänge genau festlegt. Ein Bock mit Hörnern bis 55 Zentimeter kostet in diesem Jahr 3000 Franken, einer mit 85 Zentimeter langen Hörnern bereits 8000 Franken, einer mit 95 Zentimetern 10 000 Franken und ein seltener, ganz kapitaler Bock mit 110 Zentimetern sogar 20 000 Franken.
Im Unterschied zu den übrigen Bergkantonen vergibt das Wallis Einzel-Abschussbewilligungen auch an ausserkantonale und ausländische Jagdgäste. Jagdinspektor Peter Scheibler schätzt, dass jährlich etwa 50 Böcke so verkauft werden, rund die Hälfte davon an reiche Ausländer, die sich ihre Trophäe in Begleitung eines einheimischen Wildhüters holen dürfen.
«Die Nachfrage nach alten Böcken ist immens gross», sagt Scheibler. Tatsächlich gibt es für den Steinbock-Abschuss lange Wartelisten und eine jährliche Auslosung der Bewilligungen unter den Interessenten. Dabei bleiben die schönsten Böcke fast ausschliesslich den zahlungskräftigen auswärtigen Jägern vorbehalten. Auf rund 400 000 Franken schätzt Scheibler die jährlichen Einnahmen des Kantons aus der Steinbockjagd. Dazu tragen auch die einheimischen Jäger bei, die sich mit den rund zwei Dritteln des weniger begehrten Steinwilds, den billigeren Jungböcken und den noch weniger gesuchten Steingeissen, begnügen müssen.
Lange Warteliste im Graubünden
«Dieses System würden unsere Jäger nie akzeptieren», sagt Georg Brosi, Chef der Bündner Jagdverwaltung. «Bei uns gilt das Motto Bündner Wild für Bündner Jäger». Der Abschuss eines schönen Steinbocks koste den Jäger in Graubünden mit allen Gebühren rund 1000 Franken, sagt Brosi. Rund 500 Tiere sind heuer zum Abschuss freigegeben, die Hälfte davon müssen Geissen sein. Dabei werden einem Jäger in Graubünden wie in Bern und allen übrigen Kantonen ausser dem Wallis zwei Tiere fest zugeteilt. «Erst wenn er die Geiss abgeschossen hat, darf der Jäger auch den ihm zugeteilten Bock schiessen», erklärt Brosi. Nur das garantiere, dass die Regulierung des Steinwildbestands genau im gewünschten Rahmen erfolge.
Wie in Graubünden gibt es auch im Kanton Bern eine lange Warteliste von einheimischen Jägern, wie der Berner Jagdinspektor Peter Juesy sagt. Zugelassen zur Steinbockjagd sind nur Jäger mit grosser Erfahrung. Erst nach 18 gelösten Gämsjagdpatenten, das heisst Hochjagdjahren, darf ein Berner Jäger seinen Bock und seine Geiss schiessen, wenn er bei der Auslosung zum Zuge kommt.
Im Angebot der Reisebüros
Wie begehrt Steinböcke sind, zeigt der Preis, den ausländische Jagdreisebüros für den Abschuss von Böcken aus den Schweizer Alpen verlangen: «Alpen-Steinbock in der Schweiz» kostet beim österreichischen Reisebüro Mistral «Arrangement inklusive Lizenz, Pirschführung und Revierfahrten für bis zu 3 Tage und 1 Steinbock bis 80 cm» 9775 Euro, «plus pro cm über 80 cm 220 Euro». Jochen Sudbrack vom Kölner Jagdreisebüro SB, das die Walliser Steinbockjagd ebenfalls anbietet, sagt allerdings, dass die meisten deutschen Jäger ihren Steinbock einfacher und günstiger in Sibirien schiessen würden, wo die Trophäen in der Regel zwar etwas weniger schön, dafür bereits für 3000 bis 4000 Euro alles inklusive zu haben seien. «Das Schweizer Angebot wird bei uns deshalb nur selten gebucht.»
Dass die gemäss Bundesgesetz und Berner Konvention an sich geschützten Steinböcke in der Schweiz überhaupt abgeschossen werden dürfen, liegt daran, dass ihr Bestand insgesamt stabil ist. Erst seit 1990 erlaubt der Bund die Regulierung der Bestände. «Man hat mit den Hegeabschüssen begonnen, weil man mit dem Einfangen nicht mehr nachkam», erklärt Georg Brosi. 2010 gab es in der Schweiz laut dem Bundesamt für Umwelt in genau kontrollierten Kolonien 16 300 Tiere, die man in freier Wildbahn statt an der Wand über dem Cheminéefeuer bewundern kann.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.09.2011, 06:48 Uhr
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85 Kommentare
Dass man den Wildbestand unter Kontrolle halten muss und daher Tiere töten muss, kann ich verstehen und akzeptieren. Aber dafür quasi dem Meistbietenden eine Knarre in die Finger zu drücken, damit er ein bisschen Rambo spielen kann, habe ich kein Verständnis. Das ist kein Hobby sondern einfach die Lust am Töten, welche legal ausgelebt werden darf und jemand macht damit noch Geld. Traurig. Antworten


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