Remo Stoffel kauft in Vals weitere Hotels

Der Investor erhöht die Eintrittspreise zur Felsentherme deutlich. Darunter leiden die Betreiber kleinerer Häuser. Bereits hat deshalb einer sein Hotel verkauft – an Remo Stoffel.

Die Gemeinde Vals – im Bild der Dorfkern – baute die Therme einst, um die Wirtschaft im Bergdorf anzuschieben. Die ganze Bevölkerung sollte davon profitieren. Foto: EQ Images

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Als die Valser Felsentherme im August 2014 nach einem Umbau wieder öffnete, hatten sich die Eintrittspreise verdoppelt. Erwachsene bezahlen 80 statt wie bis anhin 40 Franken, Kinder 52 Franken. Eine vierköpfige Familie muss demnach seither 264 Franken zahlen, wenn sie in den Thermen des Architekten ­Peter Zumthor baden will. «Eine Frechheit», machten sich darauf Besucher in Leserbriefen Luft. Und: «Es war definitiv mein letzter Besuch.»

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Als der Valser Hotelier Koni Schnider von der Preiserhöhung hörte, war ihm klar: So geht es nicht mehr. Er gelangte an Remo Stoffel, den neuen Besitzer der Therme und des dazugehörigen Hotels, und bot ihm sein kleines Garni zum Kauf an. Stoffel griff zu. «Ich habe mich schon länger mit dem Gedanken getragen, das Hotel zu verkaufen. Ich wollte es aber tun, solange die Zahlen noch gut sind», sagt Schnider. «Wenn einmal passiert, was ich befürchtete, hätte ich es später für ein Trinkgeld verkaufen müssen.»

Dadurch, dass Remo Stoffel die Eintrittspreise erhöhte, verschaffte er sich gegenüber anderen Hotels einen Preisvorteil: Während die Gäste seines Thermehotels weiterhin das Bad gratis nutzen können, zahlen jene der anderen Hotels mehr, nämlich 45 statt wie bis anhin 29 Franken. «Das spüren die kleinen Hotels», sagt Bruno Berni, Besitzer des Hotels Rovanada, und rechnet vor: Wenn ein Paar einmal in Vals übernachtet und zweimal die Therme besucht, dann zahlt es bei ihm allein für das Bad 180 Franken – plus die Übernachtungskosten. Diese Rechnung würden wohl auch viele Gäste machen und stiegen deswegen gleich im Thermehotel ab

Bald schon 60 Franken?

Dabei können kleinere Hotels neben diesem nur bestehen, wenn sie ein sehr vorteilhaftes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten, denn ihre Gäste können nicht im Bademantel in die Therme gelangen. «Ein direkter Zugang zum Bad ist Millionen wert», sagt Berni. Die Kleinen geraten aber immer mehr ins Hintertreffen; Stoffel will die Preise für Hotelgäste in einem zweiten Schritt von 45 auf 60 Franken erhöhen.

Bis heute hat Remo Stoffel schon zwei Hotels gekauft, neben dem Schnider das Hotel Glenner. Beim zweiten Kauf ist man im Dorf erschrocken. Niemand hat damit gerechnet, dass er neben dem grossen Thermehotel auch kleine Hotels kaufen will und so seine Macht weiter ausdehnt. «Man sieht es mit Unbehagen, wenn jemand immer grösser und einflussreicher wird», sagt Berni. «Viele Hoteliers haben Angst vor der Zukunft.» Das sei eine gute Zeit für Investoren.

Familien bleiben weg

Stoffel selber wollte sich nicht äussern. Er lässt sich lediglich mit zwei Sätzen zitieren. Darin nimmt er Bezug auf einen Bericht von Tagesanzeiger.ch/Newsnet Ende März, in dem Staatsrechtsprofessor Rainer J. Schweizer Korruptionsvorwürfe zum Thema machte: «Rainer Schweizer ist von Remo Stoffel nach seinen Vorwürfen im ‹Tages-Anzeiger› eingeklagt worden. Nach Beendigung des Verfahrens gibt Remo Stoffel gerne wieder Auskunft auf alle Fragen des Tagesanzeiger.ch/Newsnet», lässt er ausrichten. Die Direktorin des Thermehotels erklärte die höheren Eintritte gegenüber Bündner Medien im Februar 2014 damit, dass man die Qualität erhöhen wolle. Man setze auf gestresste Städter, die ihre Ruhe geniessen wollten. Das vertrage sich nicht mit hohen Besucherzahlen.

Diese Neuausrichtung bekommen auch die Besitzer von Ferienwohnungen zu spüren. Der Bauer Marcel Rieder hat vor zehn Jahren ein Haus mit zwei Ferienwohnungen gebaut. Er musste sie nie ausschreiben, die Gäste haben ihn immer angefragt. Diesen Frühling aber standen beide zum ersten Mal leer, eine noch heute. Familien, die über Generationen Ferien in Vals gemacht hätten, kämen nicht mehr, sagt Rieder. Nach seiner Einschätzung ist der Ruf von Vals daran schuld, der durch die Querelen bei der Übernahme der Therme durch Stoffel gelitten hat, aber auch die hohen Eintrittspreise. «Damit hat man viele Feriengäste verärgert.» Was ihn besonders stört: «Die Valserinnen und Valser haben mit ihren Steuergeldern die Therme finanziert. Aber heute haben sie nichts mehr zu sagen und profitieren immer weniger.»

Tatsächlich baute die Gemeinde Vals die Therme einst, um die Wirtschaft im abgelegenen Bergdorf anzuschieben; die ganze Bevölkerung sollte profitieren. Über die Jahre investierte sie über 30 Millionen Franken in das Projekt. Bund und Kanton leisteten eine Investitionshilfe im Wert von 3,75 Millionen Franken. Einen so hohen Beitrag sprachen sie aber nur unter der Bedingung, dass die Therme als «Projekt von regionaler Bedeutung» konzipiert werde. Diese Vorgabe wurde erfüllt: Gäste mit kleinem Budget, Familien etwa oder Architektur­studenten, übernachteten in günstigeren Hotels in den Dörfern um Vals oder mieteten Ferienwohnungen.

«Dass die Eintrittspreise nun derart erhöht werden, ist ein Affront gegenüber der ganzen Talschaft, gerade auch wegen der Investitionshilfe von Bund und Kanton», kritisiert Peter Schmid, früherer Präsident der Therme-Baukommission, heute Vertreter der Gruppe «Besorgter Valser Stimmbürger». «So macht man alles kaputt, was die Gemeinde aufgebaut hat.» Beim kantonalen Amt für Wirtschaft und Tourismus wollte man erst keine Stellung nehmen. Einen Tag später meldete sich der Amtsleiter dennoch und sagte, die Auflagen aus dem Jahr 1993 seien nach Ansicht des Kantons erfüllt und hätten sich mittlerweile erledigt. «Der Betrieb muss sich heute dem Markt stellen.»

Es tönte auch schon anders

Als Stoffel 2011 der Gemeinde ein Investitionsangebot unterbreitete, tönte es noch ganz anders: «Der Investor garantiert der Gemeinde, dass die Zugangsmöglichkeiten der Bevölkerung und der Gäste von Vals zur Therme im heutigen Rahmen aufrechterhalten werden.» So stand es in der «Zusammenfassung für die Öffentlichkeit», die den Valserinnen und Valsern im September 2011 an der Präsentation von Stoffels Plänen verteilt wurde. Jene Gäste, die heute das Doppelte bezahlen, waren also ausdrücklich auch gemeint. Stoffel hat diese Zusicherung nie widerrufen, auch nicht an jener Gemeindeversammlung im März 2012, als die Valser in aufgeheizter Stimmung diskutierten, ob sie die Therme Remo Stoffel oder einer Gruppe um ­Peter Zumthor verkaufen. In der Botschaft, die ihnen vorgelegt wurde stand: «. . . das Bad bleibt offen für das Publikum.»

Vertrag unter Verschluss

Im späteren Kaufvertrag, den der neue Gemeinderat mit Stoffel abschloss, musste sich dieser nur noch dazu verpflichten, der Öffentlichkeit «unter Berück­sichtigung der Bedürfnisse des Hotel­betriebs» Zutritt zu gewähren. Von dieser Änderung wusste die Bevölkerung allerdings lang gar nichts; der Vertrag wurde unter Verschluss gehalten. Nur weil die Gruppe besorgter Stimmbürger Beschwerde gegen den Verkauf einreichte, bekam sie als Beschwerdeführerin das Recht, ihn einzusehen. Nach Ansicht Schmids verstösst Stoffel mit seiner Preispolitik klar gegen den Geist der Abmachung; faktisch könnten es sich heute viele Leute nicht mehr ­leisten, die Therme zu besuchen.

Schon seit einigen Jahren sinkt in Vals die Zahl der Übernachtungen. Verkauften die Hoteliers 2011 noch 85'000 Logiernächte, waren es 2014 noch 61'000. Zwar sank die Zahl im ganzen Kanton, in Vals aber stärker. Diese Schere begann sich 2009 zu öffnen, just zu jenem Zeitpunkt, als die Differenzen zwischen den damaligen Co-Hoteldirektoren Annalisa Zumthor und Pius Truffer an die Öffentlichkeit drangen. Heute ist Truffer Partner von Remo Stoffel. Vor allem 2014 sind die Übernachtungszahlen nochmals deutlicher gesunken als im Kanton. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2015, 19:30 Uhr

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