Rezepte gegen die «Bevölkerungsexplosion»

Im Jahr 2100 könnten 12 Milliarden Menschen auf der Welt leben. Die «Bevölkerungsexplosion» ist in der Geschichte der Menschheit eine Episode, die es in sich hat. In diesem Punkt hat Ecopop recht – aber nur in diesem.

Der Politgeograf Michael Hermann wechselt sich in dieser Kolumne mit dem Autoren Bruno Ziauddin und dem Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm ab. Foto: Robert Huber

Der Politgeograf Michael Hermann wechselt sich in dieser Kolumne mit dem Autoren Bruno Ziauddin und dem Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm ab. Foto: Robert Huber

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Initianten von Ecopop haben recht: Nicht nur der Ressourcen-Verbrauch pro Kopf ist entscheidend. Es kommt auch auf die Zahl der Köpfe an. 1970 lebten 3,6 Milliarden Menschen auf der Welt, heute sind es doppelt so viele. Die Bevölkerungsexplosion ist eine Tatsache. Sie stellt die Erde vor eine einzigartige Belastungsprobe und zählt zu den grössten Herausforderungen der Menschheit. Hoffnung auf deren Bewältigung besteht nur, weil die Fruchtbarkeit seit Jahren sinkt: In den meisten Teilen der Welt ist die Zweikindfamilie zum Standard geworden.

Maximale Grösse erst 2100

Bereits heute nimmt die Zahl der Kinder nicht mehr zu: «Peak Child» ist erreicht. Dennoch geht das Bevölkerungswachstum rasant weiter. Die maximale Grösse dürfte unsere Spezies nach Schätzungen der Uno erst 2100 erreichen: mit etwa 12 Milliarden Menschen. Massnahmen der Familienplanung helfen wenig. Mit Wachstum ist zu rechnen, auch wenn die heranwachsende Generation die Kleinfamilie bevorzugt. Entscheidend ist die immense Zahl an Kindern, die heute auf dem Planeten lebt. Es sind 2 Milliarden, die ihrerseits 2 Milliarden Kinder haben dürften.

Es wird eine riesige technische und organisatorische Herausforderung sein, alle diese Menschen zu ernähren. Allein mit einer gerechteren Verteilung der Ressourcen ist das nicht zu stemmen. Glücklicherweise gibt es in Afrika, wo das Bevölkerungswachstum am stärksten sein wird, die grössten landwirtschaftlichen Potenziale. Doch dafür braucht es Fortschritt und nochmals Fortschritt.

Naturromantik verfehlt

Es gibt keinen Weg zurück, es gibt nur einen Weg nach vorn. Der Bauer, der sich in Einklang mit der Natur selbst versorgt, ist ein Trugbild. In ländlichen Regionen der Dritten Welt herrscht nicht nur die grösste Armut, hier haben die Menschen teilweise auch noch immer sechs, sieben Kinder. Für Naturromantiker mögen die schnell wachsenden, chaotischen Grossstädte Afrikas die schlimmsten Schreckensbilder sein. Doch die Frauen haben hier weniger als zwei Kinder.

Mehr Wohlstand und vor allem weniger Armut sind das Fundament für eine langfristige Stabilisierung der Weltbevölkerung. Mehr noch: In den meisten Ländern macht der Rückgang der Fruchtbarkeit nicht beim Reproduktionsniveau halt. Ist die Kinderzahl erst einmal unter zwei pro Frau gefallen, lässt sie sich auch mit Familienförderung nicht mehr über den Schwellenwert heben. Wenn dies so bleibt, leben im Jahr 2200 nur noch 4 Milliarden Menschen auf der Erde.

Die «Bevölkerungsexplosion» ist in der Geschichte der Menschheit eine Episode von nicht mehr als 300 Jahren. Eine Episode, die es allerdings in sich hat. Mehr landwirtschaftliche Produktivität und weniger Kinder bedeuten unweigerlich mehr Ressourcenverbrauch. Seit Beginn der Industrialisierung werden im Eiltempo fossile Brennstoffe abgebaut, deren Aufbau Jahrmillionen dauerte. Die Sehnsucht nach Entschleunigung ist verständlich. Es ist aber eine Sehnsucht, die Tag für Tag in warmer Luft aufgeht. Wir zeigen mit dem Finger auf kinderreiche Familien in Mali, obgleich unsere eigenen Kinder 100-mal so viel CO2 produzieren werden. Eigentlich müsste sich Ecopop vor allem gegen den hiesigen Trend zur Dreikindfamilie stellen.

Wettlauf mit der Zeit

Egal, wie man es dreht und wendet: Ohne ein immenses Mass an Innovation nimmt die Entwicklung kein gutes Ende. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Nur wenn wir uns beeilen, schaffen wir es durch den Flaschenhals, der uns Ende des 21. Jahrhunderts erwartet, wenn sich Bevölkerungsmaximum, versiegende fossile Ressourcen und Klimawandel kumulieren. Eine zentrale Rolle in diesem Wettlauf spielen hoch produktive Wirtschaftszentren wie Singapur, Kalifornien und die Schweiz. Hier wird die organisatorische und technologische Entwicklung der Welt vorangetrieben. Was lernen wir daraus? Wenn Menschen aus weniger produktiven Regionen in diese Knotenpunkte der Innovation ziehen, sind sie nicht Teil des Problems, wie Ecopop behauptet. Sie sind Teil der Lösung. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.10.2014, 23:14 Uhr)

Artikel zum Thema

«Diesmal sind wir nicht zu spät»

Die Gegner der Ecopop-Initiative haben laut eigenen Aussagen aus ihrer Niederlage bei der SVP-Zuwanderungsinitiative von Anfang Jahr gelernt. Mehr...

Auns sagt Ja zur Ecopop-Initiative

Doch noch Unterstützung von rechts für die Ecopop-Initiative. Anders als die SVP unterstützt die Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz die Vorlage. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Werbung

Blogs

Mamablog Die Untersuchung der Zukunft

Welttheater Palma. Sonst nichts.

Werbung

Hudora Kickertisch

Der Spielspass für Kinder und Erwachsene. Jetzt bequem im OTTO’S Webshop bestellen!

Die Welt in Bildern

Trauer: Donnapha Kladbupha weint während der Zeremonie zum Gedenken an den Geburtstag des verstorbenen thailändischen Königs Bhumibol Adulyadej (5. Dezember 2016).
(Bild: Rungroj Yongrit) Mehr...