Ritalin boomt auch bei den Grossen

Von Maurice Thiriet. Aktualisiert am 23.03.2009

Nicht nur Kinder, immer mehr auch über 20-Jährige erhalten die Diagnose ADHS. Der Ritalin-Konsum bei Erwachsenen nimmt massiv zu – auch wegen Missbrauchs, so die Vermutung.

Erwachsene erhalten nicht nur öfter Ritalin verschrieben, sondern auch höhere Dosen.

Erwachsene erhalten nicht nur öfter Ritalin verschrieben, sondern auch höhere Dosen.
Bild: Keystone

Dass sich die Verkaufszahlen von Ritalin und verwandten Präparaten innert zehn Jahren verachtfacht haben, ist bekannt. Nun haben die Gesundheitsökonomen der drei grössten Krankenkassen exklusiv für den TA errechnet, welche Altersgruppen wie viele Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat, der zur Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (ADHS) eingesetzt wird, konsumieren.

Das Resultat: Die Zahl der Bezüge von Ritalin, Concerta und Medikinet nimmt auch in der Altersgruppe der 21- bis 40-Jährigen massiv zu. Eine Hochrechnung der Helsana, bei der rund 1,4 Millionen Personen grundversichert sind, zeigt, dass im vergangenen Jahr drei von tausend erwachsenen Schweizern mindestens einmal Methylphenidate bezogen haben. Gegenüber dem Jahr 2005 sind die Bezüge um 67 Prozent angestiegen. «Die Kosten für diese Medikamente haben sich in dieser Altersgruppe innert dreier Jahre sogar um 124 Prozent erhöht», sagt Pius Gyger, Leiter Gesundheitsökonomie und -politik bei der Helsana. Damit wächst der Anteil erwachsener Konsumenten im Ritalin-Markt rasant.

Auch bei Kindern steigt der Konsum

Die Hochrechnung der Helsana zeigt ausserdem: Auch bei Kindern und Jugendlichen steigt der Konsum weiter, allerdings nicht so stark wie bei den Erwachsenen. Seit 2005 sind die Bezüge der bis 20-Jährigen um 19 Prozent gestiegen, womit im vergangenen Jahr 1,2 Prozent aller Schweizer Kinder und Jugendlichen Ritalin verschrieben bekommen haben.

Die CSS mit rund 1,3 Millionen Versicherten hat eine interne Kostenrechnung erstellt, ebenso die Groupe Mutuel (875'000 Versicherte). Die Zahlen bestätigen die Hochrechnungen der Helsana. Bei der CSS hat die Anzahl erwachsener Ritalin-Bezüger innerhalb von drei Jahren um 70 Prozent zugenommen, die Leistungskosten sind gar um 134 Prozent gestiegen. Altersunabhängig haben sich die Bezüge von Ritalin seit 2005 um 60 Prozent erhöht. Der Kostenanstieg beträgt 112 Prozent. Dass die Kosten stärker zunehmen als die Bezüge, erklärt Groupe-Mutuel-Sprecher Christian Feldhausen so: «Aus den Zahlen lässt sich ableiten, dass die durchschnittliche Grösse der bezogenen Packungen zugenommen hat, da die Preise im fraglichen Zeitraum gleich geblieben sind.» Mit anderen Worten: Es wird nicht nur öfter Ritalin verschrieben, sondern auch mehr aufs Mal.

Missbrauch als Aufputschmittel

«Ich finde das beunruhigend. Es gibt keine plausiblen Gründe für einen derart schnell steigenden Bedarf», sagt der Präventivmediziner Felix Gutzwiller. Für den Gesundheitspolitiker und FDP-Nationalrat fusst eine solch massive Zunahme der Verschreibungen bei Erwachsenen kaum auf seriösen Diagnosen. «Man muss annehmen, dass diese Zunahme auf Off-Label-Use, sprich auf Missbrauch als Stimulans, beruht», sagt Gutzwiller. Bei Personen, deren Stoffwechsel im Gehirn keine ADHS-typische Auffälligkeit zeigt, wirken die Medikamente nämlich aufputschend. Die Wirkung ist bei gesunden Menschen mit derjenigen von Amphetaminen vergleichbar. Studenten oder Manager, die mithilfe von Methylphenidaten die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit zu steigern versuchen, sind in den letzten Jahren auch vermehrt in den Fokus der Massenmedien gerückt.

Daneben setzt sich in der ADHS-Forschung je länger, je mehr die Ansicht durch, dass sich ADHS nicht mit der Pubertät auswächst, sondern auch im Erwachsenenalter bestehen bleibt. Während dies bis vor wenigen Jahren noch kaum ein Thema war, tragen nun vermehrt Bücher, Artikel und Exponenten von ADHS-Selbsthilfegruppen dazu bei, das Erwachsenen-ADHS ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Und das durchaus zielgerichtet: Neben der Pharmaindustrie ist auch eine Vielzahl selbst ernannter ADHS-Coaches an der Verbreitung der Diagnose ADHS bei Erwachsenen interessiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2009, 09:12 Uhr

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