Rive-Reine: Die geheimste Konferenz der Schweiz

Einmal im Jahr treffen sich seit 35 Jahren die Topmanager der Schweiz mit Toppolitikern. Ohne jede Publizität. Dieses Jahr kam zum ersten Mal Protest. Und damit die Presse.

Rive-Reine: Nach 35 Jahren der erste Protest.

PD

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Das Sicherste, was man über die exklusivste Konferenz der Schweiz sagen kann, ist: Nach dem Essen gibt es Nespresso.

Sonst weiss man fast nichts. Ausser dass sich die Elite der Schweiz sich am Anfang jedes Jahres für eineinhalb Tage trifft. Eingeladen sind nur Chefs: die 40 mächtigsten Schweizer Konzernbosse plus einige Politiker: nur Partei- oder Fraktionschefs der Bundesratsparteien. Dazu ein einsamer Gewerkschaftsboss. Zwei Priester. Und zwei Bundesräte.

Nie sonst im Jahr trifft sich so viel Schweizer Macht an einem einzigen Ort. Zutritt erhalten strikt nur die Nummern 1 der Konzerne. Die Exklusivität zeigt sich darin, dass die Geheimhaltung klappt. Teilnehmerliste und Traktanden sind geheim. In 35 Jahren Rive-Reine-Tradition erschien darüber nur ein ausführlicher Zeitungsartikel.

Königin am Ufer

«Es ist schon verblüffend, wie viel Schweigen man organisieren kann», sagte der Autor des Artikels, der Bundeshauskorrespondent Viktor Parma.

So findet sich die Geschichte der Konferenz nur in Parmas 2007 erschienenem brillanten Politikerportrait-Buch mit dem Titel «Machtgier».

Rive-Reine ist nach dem Tagungsort benannt: ein Privathotel am Genfersee, mit etwa 65 Zimmern, direkt an der Strasse zwischen Montreux und Vevey. Erbaut wurde es um 1800 von der Gattin eines preussischen Königs. Deshalb auch der Name: Königin am Ufer. Nach ihrem Tod wurde es ein Nobelhotel. 1969 kaufte es der Nestlé-Konzern als Schulungszentrum.

Nestlé ist Gastgeber

Gastgeber ist also Nestlé: ein Unternehmen, das international operiert und zwecks Kitt Rituale und Förmlichkeiten schätzt. Und so hat auch die Rive-Reine-Tagung strenge Regeln: um 16 Uhr trifft man sich am gläsernen Nestlé-Hauptsitz im sechsten Stock. Sämtliche Tische stehen in einem grossen Kreis. Zunächst werden kurz die Ergebnisse der letzten Tagung referiert, dann diskutieren die Top-Shots zwei Stunden das Tagungsthema: Landwirtschaft, Globalisierung, Finanzplatz, EU oder was immer.

Halb sieben wird die Gesellschaft nach Rive-Reine ins Konzernhotel chauffiert. Es folgt das Diner und bis tief in die Nacht Bargespräche. Am nächsten Morgen geht es mit den Debatten weiter.

Als Animatoren im offiziellen Teil arbeiten seit Jahren der Chef des konzernnahen Thinktanks Avenir-Suisse, Thomas Held, und der Chef der NZZ-Wirtschaftsredaktion, Gerhard Schwarz, assistiert vom NZZ-Kolumnisten Beat Kappeler. Für die Seele sind neben der Küche der oberste Evangele, Pfarrer Thomas Wipf, und der Abt von Einsiedeln, Martin Werlen, geladen.

Schokolade für den Bundesrat

In Rive-Reine geht es locker zu. Aber es wird durchaus Politik gemacht. Auf der Agenda des Nestlé-Konzerns steht etwa das Thema Landwirtschaft: Ihre Zukunft war auch das Thema der Tagung 2007. Hier fordert Nestlé dringend eine möglichst radikale Liberalisierung der Märkte, Öffnung der Grenzen, also Verbilligung ihrer Rohstoffe. Und droht dem Bundesrat, die Schokoladenfabriken zu verlagern: mit der Begründung, dass etwa die Franzosen keine teure Schokolade kaufen würden, egal ob Schweiz darauf stünde oder nicht.

Ebenso sind Europa und Steuern Dauerthemen. In Rive-Reine wurde – laut Parma – das grösste Steuererleichterungspaket der Geschichte unter dem heutigen Economiesuisse-Chef Gerold Bührer aufgegleist: ein Milliardengeschenk für Vermögende, Hausbesitzer und Grosskonzerne. (Allerdings: Zu enthusiastisch geplant fiel es 2004 an der Urne durch.)

Ebendort wurde etwa ein harter Konfikt zwischen Marcel Ospel und dem Bundesrat gelöst: Ospel wollte bei den Bilateralen das Zinsbesteuerungsabkommen mit der EU sofort und seperat zur Abstimmung bringen. Chefdiplomat Michael Ambühl konnte ihn davon abbringen. Andere Themen sind Freihandelsrunden und Kürzungen im Sozialwesen.

Das Factssheet für die Bar

«Das offizielle Thema 2010? Globalisierung. Finanzkrise. Die Toujours-Themen, wie üblich», sagte ein Top-Berater, der seit Jahren Konzernchefs auf die Rive-Reine-Tagung vorbereitet. «Es gibt dieses Jahr bei Rive nur zwei wirklich wichtige Themen: die Bekämpfung der Abzocker-Initiative. Davor fürchtet man sich sehr. Und die Frage, wie Taxen für Boni und Banken zu vermeiden sind.»

Man müsse sehen: «Die wirklichen Chefs sind: Brabeck. Vasella. Humer. Grübel. Dörig. Also Nestlé, Pharma, Banken. Der Rest, die Schweizer Firmenchefs, sind gut drauf, aber nervös. In Rive-Reine dabei zu sein ist wie geadelt zu werden: Für viele ein klares Upgrading. Die Industrie hat wenig zu sagen: Sie spielt nur die zweite Geige.

Typen, die den Bankern an den Karren fahren, wie Hayek, werden nicht eingeladen. Man sieht ihn als Clown, trotz seiner Milliarden. Blocher übrigens wird 2010 auch nicht mehr eingeladen, nur seine Tochter, die Martullo. Andere Banken-Kritiker wie Schneider-Ammann sind zwar dabei: aber nicht richtig ernst genommen. Wer ernst genommen sind will, muss mit den Wölfen heulen. Aber das nur nebenbei.» Und die Hauptsache? «Mein Job war dieses Jahr für meinen Klienten ein Facts-Sheet vorzubereiten: mit den geschäftlichen Zielsetzungen für Gespräche an der Bar mit den anderen Teilnehmern. Mein Mann will überzeugen.»

Der Tiger- und der Katzentisch

Die Teilnahme an der Rive-Reine-Konferenz ist eine Ehre. Aber nicht ganz ohne Gefahren: 2002 etwa wurde der Zürich-Versicherung-Chef Rolf Hüppi zum ersten Mal vom besten Tisch (jenem mit Rainer E. Gut) an einen Katzentisch versetzt. Eine Quittung dafür, dass Zürich sich mit Derivaten verzockt hatte: Kurz danach trat er zurück.

Noch schlimmer erging es angeblich Marcel Ospel 2008. Laut Presse wurde er von Bundesrat Hans-Rudolf Merz derart zusammengestaucht, dass er Türe schlagend den Saal verliess.

Diese – die einzige über Rive-Reine bekannte Anekdote – ist bezeichnenderweise erfunden: «Ein nackter Mythos», laut einem Tagungsteilnehmer. Angegriffen hätte Ospel nicht Merz, sondern Nationalbankpräsident Philippe Hildebrand. Dieser hätte bei Rive-Reine erstmals die Zahl veröffentlicht, dass die UBS mit nur 1,5 Prozent Eigenkapital gefahren sei. «2008 war auch sonst sackspannend. Danach sagte Finma-Präsident Haltiner, dass er die Banken überhaupt nie kontrollieren könne, weil er seinen Leuten zu tiefe Löhne zahle. Dann kam Merz, aber der sagte zur Bankenkrise nichts als: Eigenverantwortung. Von wegen: zusammengestaucht. Und Ospel ist nie durch die Tür gestürmt. Er war nur bleich und aufgedunsen und kam nicht mehr zum Abendessen.»

Rive-Reine ist selten dramatisch. Aber es setzt Zeichen. Als 2002 plötzlich Christoph Blocher eingeladen wurde, wurde einem Teilnehmer «schlagartig klar, dass jetzt die SVP bei uns wichtig geworden ist.» Es war damals das Zeichen für den Machtgewinn von Marcel Ospel, der mit einem UBS-SVP-Parallelfilz die Oberhand gewonnen hatte.

Die drei Chefs

Eigentlich ist Rive-Reine ein Instrument des Konkurrenz-Clans: des Traditionsbündnisses von Nestlé, Credit-Suisse und Swiss-Life. Der Mann, der Rive-Reine lange dominierte, war der CS-Chef und Nestlé-Vize Rainer E. Gut. Er war der Mann, der das Investmentbanking, die Top-Löhne und die internationalen Manager in die Schweiz importierte, aber auch als Patriot einen dichten Filz förderte: neben über hundert Top-Jobs war das Rive-Reine-Einladung eine Belohnung für Getreue.

Ihn beerbte als Organisator Kaspar Villiger: einst ein ehrgeiziger Stumpen- und Velofabrikant, dann biederer Finanzminister und danach Verwaltungsrat bei Nestlé, Swiss Life und NZZ. Er legte die Biederkeit ab. Bei der Finanzkrise behauptete er, nicht die Banker, sondern die Regulierungen der Politik seien schuld. Als UBS-Chef sagte er, die Boni seien nichts für die Laien aus der Politik. Man solle die Profis machen lassen.

Heute ist Peter Brabeck Hausherr und Organisator. Das zeigte auch eine Szene aus der Nestlé-Betriebskultur. Dort sind Parkplätze hoch symbolisch. Angestellte parkieren weit draussen, Kader im Parkhaus, Direktoren neben der Tür, Generaldirektoren dürfen ihre Limousine dabei schräg stellen. Brabeck parkierte diesen Montag mit schwarzem Sportwagen nur zwei Meter vor der Rive-Reine-Privathoteltür.

Das Schweizer Davos

Die Kameraleute von «10 vor 10» riefen ihm eine Frage zu: Brabeck ignorierte es und ging mit den sportlichen Storchenschritten ins Hotel. Währenddessen warfen die Leute vom Public Eye, dem Anti-WEF-Protestforum von Greenpeace und der Erklärung von Bern, einen Laser an, der ein grosses Auge auf die Fassade projizierte und die Schrift: «public eye is watching you»

Das Einzige, was neben dem Auge zu sehen war, war die Nacht, die Kälte und FDP-Ständerat Rolf Schweiger, der zum Rauchen vor der Tür stand. Er sagte: «Diese Konferenz ist nicht geheim. Sondern vertraulich!» Das war alles. Schliesslich kamen vier gemütliche Polizisten. «10 vor 10» filmte. Es waren nach 35 Jahren die ersten Aufnahmen und der erste Protest gegen Rive-Reine.

Smalltalk und Viersternluxus

Und die Politik? Irrt sich der zitierte Berater nicht, so wird dieses Jahr vor allem CVP-Präsident Christoph Darbellay bei Rive-Reine Rat erhalten: Die CVP hatte am Morgen noch angekündigt, einen Gegenvorschlag zur Abzocker-Initiative ausarbeiten zu wollen, um diese zu verhindern. Mit dabei waren dieses Jahr Fulvio Pelli und Gaby Huber von der FDP. Die SVP vertrat Caspar Baader. (Die Chefs der SP kamen nicht – angeblich aus Terminschwierigkeiten.)

Teilnehmende Politiker sagten, es herrsche bei Rive-Reine «die normale Konferenzatmosphäre: Smalltalk und Viersternluxus». Sie hörten zu. Und ihnen würde auch bei Kritik zugehört.

Der Rive-Reine-Berater lachte bitter, als er das hörte: «Die Politik ist für die Wirtschaftsbosse wie ein Baby. Man lacht, wenn es einem die Knie nass macht.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.01.2010, 04:00 Uhr)

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