TV-Kritik: Roger Köppel diskutiert mit «Rabenmüttern»
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 22.07.2009
«Bin ja noch der grösste Theoretiker»: Roger Köppel. (Bild: Club/Schweizer Fernsehen)
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Der Weltwoche-Chefredakteur setzte gleich zu Beginn der Sendung die Agenda. Die Rolle als Geschäftsführer in einem grossen Unternehmen lasse keine extremen Zusatzbelastungen zu, wie eine Mutterschaft sie bedeute, sagte er. Köppel hatte bereits in einem Editorial die Entscheidung der ABB-Chefin Jasmin Staiblin kritisiert, in den aktuell schwierigen Zeiten 16 Wochen Mutterschaftsurlaub einzuziehen. «Wenn eine Frau ein Unternehmen leitet, muss sie sich dem 100 Prozent unterordnen», sagte er jetzt.
Köppel räumte ein, dass seine Meinung auch von persönlichen Erfahrungen herrühre. «Meine beiden Eltern waren berufstätig», erzählte Köppel der Runde. «Es war für mich der Horror, in den Hort zu gehen.» Wenn er ganz ehrlich zurückdenke, dann habe er die Mutter vermisst, weniger den Vater. «Zu ihr hatte ich den persönlicheren Bezug.» Ein Vater, und das sei keine repräsentative, sondern eine rein persönliche Aussage, bewege sich nicht in derselben Intimsphäre.
Das symbolische Pflästerli...
Rösli Zuppiger, Hausfrau und Mutter, und Claudia Deuber, Teilzeit-Stillberaterin und Mutter, pflichteten dem Chefredakteur bei. Eine Mutter müsse für ihr Kind da sein.
Diese Aussage war der Dreh- und Angelpunkt der gesamten Diskussion: Die Teilnehmer drehten sich lange Zeit um die Frage, was das genau bedeutet. Zum Sinnbild wurde im Laufe der Debatte das Pflästerli, ein Verbandspflaster, das eben eine berufstätige Mutter dem Kind nicht selber aufkleben könne.
«Das ist richtig», sagte Andrea Degen, Ärztin und Unternehmerin dazu. Ein Pflästerli klebe jeweils nicht sie auf. «Aber ganz ehrlich: Das würde mich auch sehr bemühen.» Für sie sei vielmehr zentral, das sie ihren Kindern vermittle, dass ihre Mutter immer wieder heimkomme. «Ich sage meinen Kindern, ich fliege jetzt ins Ausland, aber ich komme immer zu euch zurück.»
...die Grimm'schen Märchen
Köppel verwies auf die Urangst des Kindes, von seinen Eltern getrennt zu sein. In seiner Generation sei viel zu wenig bedacht worden, was die Berufstätigkeit der Mutter für das Kind bedeute.
«Sie geben damit einen Schlag ans Schienbein der Nachkriegsgeneration, in der die Mütter arbeiten mussten – haben denn all diese Kinder einen Schaden davongetragen?» antwortete ihm die Unternehmerin Michèle Etienne. Moderator Röbi Koller unterbrach, bevor Köppel antworten konnte. Degen hatte schon zu Anfang gesagt: «Ich bin eine Rabenmutter. Damit musste ich zu leben lernen.»
...und die Konsequenzen für den Betrieb
Im zweiten Teil des «Clubs» kam die Diskussion auf das angesetzte Thema: Auf die Konsequenzen, die die Mutterschaft von Managerinnen für das entsprechende Unternehmen hat.
Es sei ganz einfach, sagte Unternehmensberater Matthias Mölleney: Mutterschaft neben Managertum müsse möglich sein. Wenn ein Unternehmen keine Möglichkeit biete, Teilzeit zu arbeiten, werde es unattraktiv für junge, gut ausgebildete Frauen. Und diese brauche die Wirtschaft dringend.
«Wo liegt der Unterschied?»
Köppel teilte diese Ansicht nicht: «Wenn du ganz nach oben willst, musst du dich voll und ganz dieser Herausforderung widmen.» Verantwortung sei unteilbar, und wer Teilzeit arbeite, zeige, dass er entbehrlich sei.
Keiner von all den Managern, die er kenne, sei 100 Prozent anwesend, konterte Mölleney. Wenn sie auf drei Tage Anwesenheit kämen, sei das schon viel. «Wo liegt der Unterschied, ob ich vier Tage arbeite und einen an einer VR-Sitzung verbringe oder vier Tage arbeite und einen beim Kind verbringe?»
«Das macht den Kopf frei»
Die Elternschaft sei ausserdem, ergänzte Degen, etwas, das den Kopf frei mache, neue Ideen bringe und einen zu einem selbst und seiner eigenen Natürlichkeit zurückbringe. Das sei für eine Führungsposition ganz besonders wichtig – und davon profitiere auch das Unternehmen. «Ich habe von zu Hause für meinen Beruf gelernt, und ich habe von meinem Beruf für zu Hause gelernt.»
So hätten ihr – die anfangs ganz zu Hause blieb – viele männliche Mitarbeiter signalisiert, dass sie sehr gerne ihre Pensen reduzieren würden. «Wir hätten viel weniger Egomanen an den Unternehmensspitzen», so Michèle Etienne, «wenn wir als Männer und Frauen mehr im Team arbeiten könnten.»
Köppel, der selber bald Vater wird, meinte, ein Kind zu betreuen, habe ja wohl nicht denselben Effekt wie Golf zu spielen oder zu wandern. «Meinen Sie? Das habe ich auch mal gedacht», so Degen. Köppel hörte aufmerksam zu und meinte schliesslich: «Ich bin ja hier noch der grösste Theoretiker.» Man darf gespannt sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.07.2009, 10:52 Uhr
































