Rückblende in ein Schicksalsjahr

Die Zuwanderung lässt sich nicht einfach per Knopfdruck steuern. Sie ist von unzähligen Faktoren abhängig und mit fast allem verflochten.

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Die Studierenden im Herbstsemester 2024 sind hartnäckig: «Wie war das vor zehn Jahren?» – «Wie konnte es 2014 zu diesen fatalen Weichenstellungen kommen, mit denen die bis dahin so erfolgreiche Schweiz bis heute zu kämpfen hat?»

Mit den Worten «Im Rückblick erscheinen die Dinge oft in anderem Licht» versuche ich, Verständnis für die Gemengelage in jenem Schicksalsjahr zu schaffen. «Kaum jemand glaubte, dass die hohe Zuwanderung nicht unbegrenzt weitergehen würde. So ist es immer in Boomphasen: Erst wenn sie zu Ende sind, wollen es alle schon immer gewusst haben.» Dabei gab es durchaus Anzeichen: Hochqualifizierte Fachkräfte liessen sich nicht mehr so leicht ins Land holen. Die Zuwanderung aus Deutschland war bereits rückläufig. Auch das Interesse für den Standort Schweiz war am schwinden, die Firmenansiedlungen gingen zurück.»

Die Symptome des Abschwungs wurden freilich überdeckt. Noch brummte die Bauwirtschaft, und es wurde eifrig konsumiert. Die Nachfrage liess sich noch leicht mit Arbeitskräften aus Südeuropa decken.

Ich gebe zu: «Aus der Optik des Jahres 2024 wirkt das alles seltsam. Jetzt, da überall in Europa die Überalterung beklagt wird und sich die Länder um ausländische Fachkräfte reissen, lässt sich mit dem Begriff ‹Massenzuwanderung› keine Politik mehr machen. Solche Zyklen gab es schon früher. Bereits die grosse Boomphase der 50er- und 60er-Jahre löste eine intensive Überfremdungs­debatte aus. Nach deren Ende war das Thema jahrzehntelang erledigt.»

Metaphern des Verlorenen

Die Studierenden geben sich damit nicht zufrieden: «Wir Schweizer waren doch immer wirtschaftsfreundlich. Wie konnte es zu dieser Konfrontation kommen?» Ich antworte: «Die letzte Krise war lange her, der Wohlstand wurde für selbstverständlich genommen, wir fühlten uns als die Herren der Welt.» Es gibt allerdings noch einen zweiten Grund: «Personenfreizügigkeit und Zuwanderung beherrschten die politische Debatte so sehr, dass sie zu Metaphern des Verlorenen wurden. Alles, was sich wirklich oder vermeintlich zum Schlechten veränderte, schien kausal damit verknüpft zu sein: nicht nur steigende Wohnungspreise und volle Strassen, was einigermassen nachvollziehbar ist, sondern auch der Wandel am Arbeitsplatz, die mangelnde Wertschätzung der Berufsbildung und der älteren Arbeitnehmer, schlicht der Niedergang des Mittelstands. Ihnen kommt vieles davon sicher bekannt vor?», wende ich mich an die nickenden Studierenden. «Die Schuld an der Misere wird nun einfach der Immobilienkrise zugeschoben, dem Konkurrenzdruck aus dem Ausland und dem Bundesrat, der nach dem Fall der alten Bilateralen schlechte Vertragsbedingungen mit der EU ausgehandelt hat.»

Das bringt mich zur besonderen politischen Dynamik 2014: «Der Bundesrat stand natürlich schon damals in der Kritik. Die klar und einfach formulierten Initiativen zur Begrenzung der Zuwanderung erweckten in der Bevölkerung den Eindruck, die Zuwanderung lasse sich per Knopfdruck steuern. So, wie sich Verkehrs­ströme nur schwerlich und schon gar nicht von einem auf den anderen Tag lenken lassen, verhält es sich aber auch mit der Zuwanderung. Sie ist von Hunderten Faktoren bestimmt und mit fast allem verflochten. Das geht nicht ohne Geduld (und auch nicht ohne Nebenwirkungen). Diese Geduld fehlte in der aufgeheizten Stimmung jenes Jahres. Die Initianten warfen dem Bundesrat Untätigkeit vor. Die von einer Machbarkeitsillusion ergriffene Bevölkerung war nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative frustriert von der nicht sofort eintretenden Veränderung. Kurz: Je mehr man von der Zuwanderung sprach, desto stärker beherrschte sie das Denken und desto bedrohlicher erschien sie. Natürlich ist die Zukunft nicht vorhersehbar», schliesse ich die Ausführungen, «doch manchmal wäre es besser, die Gegenwart hielte uns bei unseren Einschätzungen etwas weniger gefangen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2014, 18:26 Uhr

Michael Hermann

Der Politgeograf wechselt sich mit dem Autor Bruno Ziauddin und mit dem ehemaligen Nationalrat und Preisüberwacher Rudolf Strahm ab.

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