Schweiz

Rumänen besorgt über die Plakate der SVP

Rumänen und Bulgaren in der Schweiz sind «ideale Ausländer»: gut qualifiziert und unauffällig. Gestern protestierten sie allerdings beim Bundesrat.

Provokative Abstimmungsmache: Das Rabenplakat.

Provokative Abstimmungsmache: Das Rabenplakat.

Die Deutschen sind in aller Munde, die Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien immer wieder in den Schlagzeilen. Über Rumänen und Bulgaren allerdings spricht in der Schweiz kaum jemand - ausser, sie werden wie jetzt vor der Abstimmung über die Personenfreizügigkeit als Roma thematisiert. Man kennt vielleicht Christian Ianu, einen erfolgreichen rumänischen Fussballer beim FC Aarau. Oder man weiss, dass zwei angesehene Opernsängerinnen aus Rumänien und Bulgarien hier leben: Elena Mosuc und Vesselina Kasarova. Aber sonst?

Am Donnerstag sind Rumänen und Bulgaren erstmals an die Öffentlichkeit gelangt. Sie überreichten Aussenministerin Micheline Calmy-Rey einen von 600 in der Schweiz lebenden rumänischen und bulgarischen Bürgern unterzeichneten offenen Brief an den Bundesrat. Darin zeigen sie sich besorgt «bezüglich der Plakatkampagne der SVP», die ihre Landsleute «als Unglücksvögel beleidigt», und fordern vom Bundesrat, dass die Plakate zurückgezogen werden.

Laut Cosmin Paun, einem der Initiatoren des Briefes, habe sich Calmy-Rey gefreut, dass Rumänen und Bulgaren auf die SVP-Kampagne reagiert haben. Paun ist sich indes bewusst, dass sich die Plakate nicht verbieten lassen. «Der Brief ist eine symbolische Geste. Wir wollen damit vor Zerrbildern warnen», sagt er.

Weniger als Mexikaner

Laut Bundesamt für Statistik leben derzeit rund 4400 Rumänen und ungefähr 2500 Bulgaren in der Schweiz, weniger als Mexikaner. Die Entwicklung der Zahlen zeigt, dass der Grossteil vor dem Fall der Berliner Mauer in die Schweiz eingewandert war, als es noch einfach war, politisches Asyl zu bekommen. Seit der Wende ist deren Zahl nur leicht gestiegen. Paun, der ein Internetportal für Rumänen in der Schweiz betreibt, glaubt zu wissen, dass überwiegend Fachkräfte gekommen sind: vor 1989 Ärzte, Künstler und Geschäftsleute, später Krankenschwestern, Ingenieure und IT-Spezialisten. Seine Einschätzung wird vom rumänischen Botschafter in der Schweiz geteilt: «Die Rumänen sind hochqualifiziert», sagt Ionel Nicu Savu.

Dass Rumänen und Bulgaren hierzulande kaum auffallen, belegt auch die Kriminalitätsstatistik: Seit Jahren wird nur ein Bruchteil wegen Vergehen oder Verbrechen verurteilt. 2006 beispielsweise entfiel lediglich ein Prozent aller von Ausländern verübten Delikte auf Rumänen. Ähnlich tief war die Zahl bei den Bulgaren. In dieser Statistik sind ausschliesslich die Straftaten von in der Schweiz lebenden Ausländern erfasst. Über Kriminaltouristen, so ein Sprecher des Bundesamtes für Statistik, lasse sich deshalb nichts Gesichertes sagen.

Mehr bettelnde Roma-Kinder?

Trotzdem haben Fälle von Einbruchsserien, die von Bulgaren verübt wurden, und bettelnde Roma-Kinder Ängste geschürt, was die Schweiz im Falle einer Ausdehnung der Personenfreizügigkeit erwarten könnte. «Die Angst ist unbegründet», sagt dagegen Stéphane Laederich, Präsident der Roma-Foundation in Zürich. Seine Begründung: Rumänische und bulgarische Bürger benötigten schon seit 2004 kein Visum mehr, um in die Schweiz einzureisen. Mit Ausnahme von Einzelfällen sei seither weder die Zahl der Roma in der Schweiz noch die von Rumänen und Bulgaren verübten Delikte gestiegen.

Laederich ist überzeugt, dass die SVP-Kampagne weit an der Realität vorbeiziele. Die Furcht vor einer Masseneinwanderung sei ein Hirngespinst, laufe doch die Wirtschaft in Rumänien und Bulgarien auf Hochtouren. Allein in Rumänien belief sich das Wachstum letztes Jahr auf 8 Prozent. «Die Lage der Roma in den beiden Ländern hat sich deutlich verbessert», sagt er. Sie finden heute leichter eine Arbeitsstelle als zur Zeit der Wende. «Die Roma sind daran, in die Gesellschaft integriert zu werden.» Das Bild von fahrenden Zigeunern sei eine Erfindung des Westen: 98 Prozent seien sesshaft. Und die Fahrenden, die man in der Schweiz hin und wieder antrifft, stammten aus Frankreich oder Deutschland.

«Wer auswandern wollte, hat das schon längst getan», ist auch Botschafter Sava überzeugt. Heute dagegen würden der Wirtschaft sogar Arbeitskräfte fehlen, sodass rumänische Unternehmen in den traditionellen Auswanderungsländern Italien und Spanien Jobbörsen veranstalteten und Inseratekampagnen schalteten, um Rumänen zur Rückkehr in ihre Heimat zu bewegen.

Dass kaum jemand aus Rumänien und Bulgarien auswandern will, weiss die Schweiz jetzt schon: Die Kontingente, die den beiden Ländern zur Verfügung stehen, sind nicht ausgeschöpft worden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2009, 07:17 Uhr

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