SBB: Keine Rücksicht auf italienischen Schlendrian
Von René Lenzin, Lugano. Aktualisiert am 14.01.2009
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Abfahrt in Mailand: 7.10 Uhr, Ankunft in Zürich: 10.51 Uhr. So steht es im Fahrplan. In der Realität ist das allerdings fast immer graue Theorie. Seit dem Fahrplanwechsel vom 14. Dezember fuhrwerken die SBB auf der Gotthardlinie mit einem Provisorium. Weil Alstom die neuen, grenzüberschreitend einsetzbaren Neigezüge noch nicht geliefert hat, setzt die Bahn ab Lugano teilweise eigene Neigezüge ein. Damit kann sie zwar die verkürzte Fahrzeit zwischen dem Tessin und Zürich gewährleisten, aber Reisende aus Mailand müssen in Lugano umsteigen. Und weil die Pendolini der Cisalpino fast immer verspätet in Lugano eintreffen, müssen die Passagiere im Tessin zusätzlich eine unfreiwillige Pause einlegen. In Zürich kommen sie eine Stunde später an. Zudem müssen sie auch noch in Arth-Goldau umsteigen.
Chronische Verspätung
Um die Stabilität des Fahrplans zu gewährleisten, könnten die SBB-Züge «in Lugano höchstens sieben Minuten warten», sagt Cisalpino-Sprecher Renzo Cicillini. Am Montag hatte der 7.10-Uhr-Zug aus Mailand 25 Minuten Verspätung, heute Dienstag 12 Minuten. Beide Male war der Anschluss weg. Er sei sich bewusst, dass das «für unsere Kunden sehr unangenehm ist», ergänzt Cicillini. Mitarbeiter der Cisalpino nähmen die Reisenden in Empfang und offerierten ihnen ein Getränk. Als «kleinen Trost» könnten sie ausserdem 30 Prozent des Billettpreises zurückverlangen.
Der Frühzug aus Italien kommt praktisch nie pünktlich in Lugano an. Als Grund dafür führt Cicillini den erstaunlich hohen Zeitbedarf für den Lokführerwechsel in Chiasso sowie Probleme in Mailand an: Der Zug werde «spät auf dem Abfahrtsgleis platziert», und: «Aufgrund der Komplexität verspäteter Regionalzüge in Italien kann der Cisalpinozug durch die italienische Betriebsführung weniger prioritär behandelt werden.» Auf Deutsch heisst das: Cisalpino hat in Mailand nur dritte Priorität und muss ständig Regionalzügen den Vortritt lassen – was zeigt, welche Bedeutung Cisalpino für die italienische Bahn hat.
Diese betrieblich bedingten Verspätungen gesellen sich zu den häufigen Pannen der Cisalpino-Neigezüge. Bereits sind diese auf der Lötschbergachse vom Netz genommen worden, was ein zusätzliches Umsteigen in Domodossola und längere Fahrzeiten zwischen Mailand und der Schweiz nach sich zieht. Cicillini verspricht Abhilfe: Zusätzliche fünf Millionen investiere man in den Unterhalt der «pannenanfälligen Züge». In der Zwischenzeit liessen sich aber Einschränkungen und das Umsteigen nicht verhindern. Ab dem Sommer will Cisalpino dann die neuen Neigezüge schrittweise in Betrieb nehmen.
Italienische Pendler drohen mit Klage
Ungemach droht dem Unternehmen nun vonseiten italienischer Pendler, die in Lugano arbeiten. In einem geharnischten Brief an Cisalpino beschweren sie sich über «verspätete, schmutzige, schlecht beheizte Züge», in denen die Toiletten kaum je funktionierten. Indirekt drohen sie Cisalpino gar mit einer Klage: Kürzlich habe ein Mailänder Gericht Entschädigungen für Pendler verfügt, weil deren Züge ständig verspätet gewesen seien, heisst es im Brief.
Für zusätzlichen Ärger sorgt die Preispolitik der italienischen Bahn. Auf 2009 hin hat das Monats-Abo Mailand-Chiasso um 14 Prozent aufgeschlagen. Gegenüber 2007 beträgt die Teuerung gar 25 Prozent. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.01.2009, 06:18 Uhr
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