SBB-Mitarbeiter nehmen den Bahn-Kunden die Sitzplätze weg
Von Andreas Valda. Aktualisiert am 27.05.2009 170 Kommentare
Für 13.80 mit Halbtax nach Bern
Wer gestern den Onlinefahrplan von Zürich nach Bern konsultierte, stiess auf ein grosses Prozent-Zeichen. Daneben stand «Nach Bern ab 17.40 Franken» und darunter «Beschränkte Anzahl Sparbillette verfügbar. Jetzt zugreifen!». Der billigste Preis war gestern für Freitagmittag eine Halbtaxfahrt einfach für 13.80.
Die SBB sagten gestern, dass bis zu 100'000 Sparbillette pro Tag angeboten würden. «Die Kunden profitieren von Rabatten bis zu 60 Prozent. Diese Angebote sind hauptsächlich auf SBB-Direktverbindungen und Züge erhältlich, die ausserhalb der Stosszeiten verkehren.» Der Haken: Die Käufer müssen sich zuerst bei der SBB registrieren lassen.
Der ehemalige SBB-Mitarbeiter schrieb dem «Tages-Anzeiger»: «Im IC 810 ab 7 Uhr von Zürich nach Bern ist es am schlimmsten: Die erste Klasse ist voll von Eisenbahnern und Parlamentariern! Beide Kategorien fahren mit dem Gratis-Generalabo.» Der Mann schätzte den Anteil der Mitarbeiter des öffentlichen Verkehrs auf 25 Prozent und ärgerte sich über ihr Verhalten: «SBB-Mitarbeiter können ein ganzes Abteil unterhalten und Informationen liefern, was im Betrieb läuft oder geplant ist und sich über andere Mitarbeiter sowie Kunden auslassen.»
Er hat sich nur wenig getäuscht. Nicht der 7-Uhr-Zug ist «am schlimmsten», sondern ein Zug zuvor: «Der Frühzug um 6 Uhr ab Zürich weist in der 1. Klasse einen Anteil von 19 Prozent aus», schreiben die SBB in einer Stellungnahme. Im 7-Uhr-Zug stammen immerhin 14 Prozent aller Erstklassbillette von Mitarbeitern des öffentlichen Verkehrs. Die durchschnittliche Auslastung zwischen 6 und 9 Uhr beträgt laut SBB 11 Prozent. In der zweiten Klasse sind es 2,4 Prozent.
Brisante Befunde
Diese Befunde sind brisant. Denn Passagiere klagen über randvoll ausgelastete Züge, sodass manche ihre Fahrt stehend im Gang oder auf der Treppe sitzend absolvieren müssen. Die SBB präzisieren, dass es sich nicht nur um eigene Mitarbeiter handle, sondern generell um Angestellte des öffentlichen Verkehrs. Die Zahlen basieren auf der Erfassung des sogenannten Generalabonnements Fahrvergünstigung Personal (GA-FVP). Seit 2007 erhalten es alle Angestellten, die bei einem ÖV–Betrieb zu mindestens 50 Prozent arbeiten. Sie bezahlen mehrheitlich nichts dafür. Die SBB betonen, dass der Ausweis «nicht gratis ist», sondern Teil des Gehalts und als solcher werde er «als Einkommen versteuert».
Klar ist: Die Morgenspitze wird nicht nur von SBB-Mitarbeitenden verursacht. Von den 3800 Stellen der Bundesbahnen in Bern sind lediglich 198 von in Zürich wohnhaften Leuten besetzt. «Würden alle ‹Zürcher› SBB-Mitarbeiter den Intercityzug ab 7 Uhr in Zürich nehmen, würden diese maximal 13 Prozent der verfügbaren Plätze belegen», schreibt die SBB.
Laut internen SBB-Quellen ist auf Konzernebene eine heftige Debatte entbrannt, wie der hohen Auslastung mit FVP-Fahrausweisen zu begegnen sei. «Mitarbeiter sind aufgefordert, den Sitzplatz freizugeben, wenn zu wenig Plätze für die Kunden zur Verfügung stehen», schreiben die SBB. Das Mitarbeitermagazin «SBB-Zeitung» wollte in seiner jüngsten Ausgabe einen Bericht publizieren, der diese Regel in Erinnerung ruft. Doch der Artikel wurde im letzten Moment gestoppt, «auf Einwirken von ganz oben», so ein Insider. Dem Vernehmen nach, «weil der Konzern eine offizielle Haltung zu diesem Problem erst erarbeiten muss».
Gruppen und Rentner verlagern
Die Sorge ist vor dem Hintergrund zu verstehen, dass die SBB mit Hochdruck nach Lösungen suchen, wie die Spitze zur Hauptverkehrszeit zu brechen wäre. Zum einen prüfen sie günstigere Tarife für Fahrten nach 9 Uhr, mit dem Ziel, den Verkehr auf schwach ausgelastete Tageszeiten zu verlagern. Bereits lanciert worden sind Billigtickets.
Zum anderen besteht Potenzial für die Verlagerung nach 9 Uhr bei Gruppenreisen, für Rentnerausflüge und für Fahrten von Käufern eines Tages-GA der Gemeinden, das für 35 bis 40 Franken verkauft wird und «viel zu günstig ist im Vergleich zu einfachen Streckenbilletten». Die SBB verhandeln dem Vernehmen nach auch mit Schulen und mit dem Militär: Bei Schulen steht ein späterer Schulbeginn zur Diskussion, beim Militär besser koordinierte Truppenabgänge, damit Freitagabendzüge weniger überfüllt sind. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.05.2009, 11:46 Uhr
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170 Kommentare
Ich habe weder ein Problem mit den Bähnlern noch den Parlamentariern, sondern viel mehr mit jenen Fahrgästen, welche für ihe Koffer und Taschen ebenfalls einen Sitzplatz benötigen. Am vergangenen Freitag im überfüllten Zug von Domodossola nach Sion wurde ich auf meine Frage nach zwei mit Gepäck belegten Plätzen sehr unfreundlich in den hinteren oder vorderen (ebenfalls überfüllten) Wagen verwiesen Antworten

































