SBB-Modell ist für KMU «gefährlich»

Wirtschaftsverbände wollen ältere Mitarbeiter länger im Arbeitsmarkt halten. Doch ist das Rezept für KMU anwendbar?

Mehr arbeiten, weniger Lohn: Älteren Arbeitnehmern weht auf dem Arbeitsmarkt ein kalter Wind entgegen.

Mehr arbeiten, weniger Lohn: Älteren Arbeitnehmern weht auf dem Arbeitsmarkt ein kalter Wind entgegen. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Mit flexiblen Arbeitszeitmodellen wollen Arbeitgeberverband und Economiesuisse ältere Mitarbeiter länger in den Arbeitsmarkt einbinden. So soll die Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt und der drohende Fachkräftemangel behoben werden. Konkrete Modelle präsentierten die SBB, Novartis und die Migros im Rahmen der Strategie «Zukunft Arbeitsmarkt Schweiz».

Bei den drei Botschaftern der Initiative handelt es sich um äusserst robuste Unternehmen mit 30'000 bis 120'000 Mitarbeitern. Gut 97 Prozent aller Schweizer Unternehmen beschäftigen jedoch weniger als 50 Mitarbeiter. Grundsätzlich teilen auch KMU-Vertreter das Ziel von Economiesuisse und Arbeitgeberverband. Oliver Müller ist Direktor von Swissmechanic, dem Arbeitgeberverband für KMU in der MEM-Branche, dem 1400 Firmen angehören. Müller sagt: «Auf lange Sicht führt der Fachkräftemangel zu Problemen. Es muss unser Ziel sein, die Mitarbeiter möglichst lange im Arbeitsmarkt zu halten.» Nur: Bei der Frage nach dem Wie ist es schwieriger, einen Konsens zu finden.

Die Modelle, mit denen die grossen Unternehmen ältere Arbeitnehmer einbinden wollen, sind in vielen KMU kaum umsetzbar. Bei den SBB etwa können fitte, motivierte Angestellte ab 60 weniger arbeiten, dafür Teilzeit oder projektbezogen bis 67 im Unternehmen bleiben. Der Lohn sinkt dadurch, doch ihre Rente bleibt gleich. Müllers Skepsis: «Wenn, wie jetzt, grosse wirtschaftliche Probleme auf uns zukommen, dann beginnen Unternehmen damit, ihre Mitarbeiter nach rein ökonomischen Aspekten zu beurteilen.» Und rein ökonomisch betrachtet, seien Mitarbeiter ab 50 oft teurer als jüngere. Auch flexible Arbeitszeitmodelle, wie sie die SBB propagierten, änderten dies kaum.

«So machen wir Mitarbeiter ab 50 extrem teuer»

Das Problem: Je älter Mitarbeiter werden, desto mehr verdienen sie; je länger sie bei einem Unternehmen sind, desto eher kommen sie in den Genuss von zusätzlichen Ferien. «So machen wir Mitarbeiter ab 50 extrem teuer», sagt Müller. Doch nur in Arbeitsbereichen, in denen Erfahrung und Know-how eine bedeutende Rolle spielten, seien ältere Mitarbeiter auch in der Lage, ihre Effizienz zu steigern. Wenn jedoch die Produktivität eines Mitarbeiters massgebend sei, dann entscheide sich ein Unternehmen eher für jüngere, günstigere Mitarbeiter.

Eines der gestern vorgestellten Modelle bezeichnet Müller gar als «gefährlich». Bei den SBB können flexible junge Mitarbeiter ihre Überstunden auf einem Zeitkonto gutschreiben lassen, anstatt sie zu kompensieren. Später können sie dafür eine längere Auszeit nehmen, ohne eine Lohneinbusse in Kauf zu nehmen. Das Modell funktioniere nur, wenn die Arbeitnehmer mehr oder weniger ihr ganzes Leben für dasselbe Unternehmen arbeiteten, ist Müller überzeugt. Wenn aber ein Mitarbeiter mit einem Konto von mehreren Monaten Überzeit die Stelle wechseln wolle, dann führe das für alle Beteiligten zu Schwierigkeiten. Das Guthaben des Mitarbeiters – oder die Schuld des Arbeitgebers – müsse am Ende eines Arbeitsverhältnisses übertragen werden. «Ein Unternehmen müsste immer dafür sorgen, dass es genügend liquide ist, um diese angehäuften Werte zu transferieren. Selbst für den Fall, dass mehrere Mitarbeiter gleichzeitig kündigen.» Die Folge wäre laut Müller ein starrerer, unflexiblerer Arbeitsmarkt.

Mehr arbeiten und weniger Lohn ab 50

Für den Swissmechanic-Direktor ist eine Voraussetzung, die Chancen von über 50-Jährigen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, die «Entwicklung der Lohnkosten jenen der Lebenskosten anzupassen». Lohn und Arbeitszeit sollen während des gesamten Arbeitslebens gleich gross bleiben, jedoch anders verteilt. Arbeitnehmer sollen dann den höchsten Lohn erhalten, wenn ihr Budget am stärksten belastet ist, etwa durch Kinder oder Hypotheken. Ähnlich solle es sich mit den Ferien verhalten: Zwischen 40 und 50 erfordere oft auch die Familie viel Aufmerksamkeit, weshalb die Mitarbeiter dann auch eher von einer zusätzlichen Ferienwoche profitierten als kurz vor der Pensionierung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.01.2015, 19:58 Uhr)

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