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SP-Gesundheitsdirektor bringt Pharma in Rage

Von Richard Diethelm. Aktualisiert am 09.07.2011 20 Kommentare

Pierre-Yves Maillard empfiehlt den Augenärzten ein Krebsmedikament gegen Altersblindheit – um massiv Kosten zu sparen. Pragmatisch oder verantwortungslos?

«Bloss eine Empfehlung»: Pierre-Yves Maillard wirbelt Staub auf im Gesundheitswesen.

«Bloss eine Empfehlung»: Pierre-Yves Maillard wirbelt Staub auf im Gesundheitswesen.
Bild: Keystone

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Der Interessenverband der Schweizer Pharmaindustrie, Interpharma, ist schlecht auf den Waadtländer SP-Staatsrat Pierre-Yves Maillard zu sprechen. Grund des Ärgers ist eine Empfehlung des Präsidenten der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren an alle Augenärzte in der Waadt: Sie sollen eine bestimmte Form der Altersblindheit mit dem Arzneimittel Avastin statt dem viel teureren Lucentis behandeln.

«Wir sind entsetzt über diese Empfehlung. Das ist unverantwortlich», sagt Thomas Cueni von Interpharma. In Bezug auf die Sicherheit von Arzneimitteln dürfe es keine doppelten Standards geben. In der Schweiz ist Avastin nur als Mittel gegen bestimmte Krebsleiden zugelassen. Als einziges Medikament gegen die feuchte altersbedingte Makuladegeneration (AMD) hat die Zulassungsbehörde Swissmedic Lucentis anerkannt, das Novartis in Lizenz herstellt und ausserhalb der USA vertreibt. Cueni wirft Maillard vor, er setze Ärzte unter Druck, ein Medikament einzusetzen, das mehr Risiken berge. «Läuft etwas schief, lässt er sie jedoch im Regen stehen.»

Riesige Preisunterschiede

Vor acht Jahren hatte ein Augenarzt in den USA, der einen Krebspatienten mit Avastin behandelte, zufällig die Wirkung des Medikament gegen die feuchte AMD-Krankheit entdeckt. Dazu genügt eine 50- bis 80-mal geringere Dosis, als wenn Avastin gegen Darmkrebs eingesetzt wird. Daher klaffen die Kosten weit auseinander. Eine Spritze ins Auge mit einer kleinen Dosis Avastin kostet in der Schweiz etwa 140 Franken, eine Spritze mit Lucentis mehr als 1500.

In der Schweiz werden jährlich rund 60 000 Spritzen gegen AMD verabreicht – Maillard erkannte ein Sparpotenzial von 80 bis 100 Millionen Franken. Roche (ROG 152.4 0.26%) war dagegen nie interessiert, das Krebsmittel Avastin auch als kostengünstige Behandlung der Altersblindheit zu vermarkten. Der Konzern setzte letztes Jahr mit Avastin weltweit 6,5 Milliarden Franken um und mit Lucentis, das Roche ausschliesslich in den USA vertreibt, 1,5 Milliarden Franken.Die Schweizerische Ophthalmologische Gesellschaft hatte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bereits vor vier Jahren ersucht, Avastin als kassenpflichtiges Medikament für die Behandlung der feuchten AMD anzuerkennen. «Avastin ist eine interessante Alternative zu Lucentis», sagt der Verwaltungssekretär des Verbands der Augenärzte, Christoph Egli.

Alleinige Verantwortung beim Arzt

Doch das BAG winkte ab mit der Begründung, es dürfe nur Medikamente kassenpflichtig erklären, die Swissmedic zugelassen habe. Ärzten und Spitälern steht es in der Schweiz allerdings frei, Avastin als «Off-Label»-Medikament gegen die AMD-Krankheit zu verwenden. Dann tragen allerdings die Mediziner die Verantwortung, falls etwas bei der Behandlung schiefläuft. Darauf verweist Maillard in seinem Schreiben an die Augenärzte. «Mit der blossen Empfehlung machen wir nichts Illegales», weist er den Vorwurf der Interpharma zurück.

In der Waadt spritzen mehrere Augenärzte das kostengünstige Avastin gegen AMD. «Ich wollte diesen Ärzten einen sichereren Rahmen geben und führte daher Bedingung für die Behandlung auf», rechtfertigt Maillard sein Vorgehen. So dürfen Augenärzte Avastin keinem Patienten mit Herzproblemen verabreichen, und sie müssen die grossen Avastin-Dosen im Handel unter den aseptischen Bedingungen eines Operationsraums in die viel kleinere Dosis für die AMD-Behandlung umfüllen.

Druck auf Bern

Maillard will den Bundesbehörden Beine machen. «Ich warte seit zwei Jahren vergeblich, dass sie entweder Avastin für die AMD-Behandlung zulassen oder Novartis dazu bringen, den Preis für Lucentis deutlich zu senken», sagt der SP-Staatsrat. Er vermisse auch eine Reaktion aus Bern auf die erste wissenschaftliche Vergleichsstudie zwischen der Behandlung von AMD mit Lucentis oder Avastin, die das renommierte «New England Journal of Medecine» im April publizierte.

Diese Gatt-Studie interpretieren die beiden Lager gegensätzlich: Maillard, der vom Chefarzt der Augenklinik des Waadtländer Universitätsspitals unterstützt wird, hebt hervor, die Wirkung beider Medikamente gegen die Altersblindheit sei vergleichbar. Interpharma-Sprecher Cueni betont, bei Avastin seien in 24 Prozent, bei Lucentis nur in 19 Prozent der Fälle schwerwiegende Nebenwirkungen aufgetreten. Somit müssten In der Schweiz von den rund 8000 AMD-Patienten zusätzlich 400 mit Nebenwirkungen rechnen. Ophthalmologen-Sekretär Egli stärkt Maillard den Rücken: «Aufgrund der Ergebnisse dieser Studie ist sein Akt der Ungehorsamkeit legitim.» Mitarbeit: Urs P. Gasche (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2011, 09:40 Uhr

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20 Kommentare

Heinz Butz

09.07.2011, 10:49 Uhr
Melden 125 Empfehlung

Es fällt immer mehr auf, dass das BAG zu einer Hilfsorganisation für die Pharmaindustrie verkommt. Die Medi-Preise in der Schweiz sind stark überteuert und das mit dem ausdrücklichen Segen des BAG, obwohl dieses Bundesamt eigentlich für die Belange der Patienten zuständig sein sollte. In der Swissmedic ist die Pharmaindustrie in der Überzahl und deren Empfehlungen werden einfach blind übernommen. Antworten


Ursula Jungo

09.07.2011, 11:53 Uhr
Melden 46 Empfehlung

Für Geld geht man über Leichen!Ob ein Medi hilft oder nicht.interessiert die Pharmaindustrie nicht,aber kosten muss es und zwar wie üblich viel zu viel!!!Dass Cannabis bei grünem Star hilft als einziges Medi!,sagt niemand!Aber Hanf wird weiterhin verboten und verfolgt!So eine Idiotie!!! Antworten



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