SVP macht Stimmung mit falschen Zahlen

Für die Volkspartei ist klar: Die Hälfte aller Asylsuchenden in der Schweiz ist kriminell. Sie hat falsch gerechnet.

«Jeder zweite Asylbewerber ist kriminell», sagt Christoph Mörgeli: Mörgeli mit Christoph Blocher (Archivbild).

«Jeder zweite Asylbewerber ist kriminell», sagt Christoph Mörgeli: Mörgeli mit Christoph Blocher (Archivbild). Bild: Keystone

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Nationalrat Christoph Mörgeli schrieb in seiner «Weltwoche»-Kolumne Mitte März: «Am verheerendsten sieht es im Asylwesen aus: 2010 wurden von 36'116 Asylanten 17'251 strafrechtlich verurteilt. Jeder zweite Asylbewerber ist kriminell.» Alt-Bundesrat Christoph Blocher doppelte drei Wochen später auf seinem Sender Teleblocher nach: «50 Prozent von den Asylsuchenden sind kriminell.

Gewusst haben wir das schon lange, aber es wird nicht gesagt. Das ist durch das Bundesamt für Statistik herausgekommen.» Und der Winterthurer Kantonsrat René Isler twitterte: «Nationalrat Alfred Heer lag halt doch nicht so weit daneben. Fast 50 Prozent aller Asylanten waren 2012 kriminell, vor allem Tunesier und Afrikaner!»

Falsche Zahl abgeschrieben

Mörgeli hat die Zahlen einem Referat von Christian Schwarzenegger und David Studer entnommen. Der Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Zürich und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter haben den Vortrag an einer Tagung der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Kriminologie Anfang März in Interlaken gehalten.

Nur: «Christoph Mörgeli hat die falsche Zahl abgeschrieben: Bei den 17'251 handelt es sich um die Verurteilungen von Ausländern ohne Wohnsitz in der Schweiz», sagt Studer. Die korrekte Zahl der verurteilten Personen aus dem Asylbereich ist 3167. Das entspricht bei 36'116 Asylbewerbern knapp 9 Prozent.

Häufigkeit falsch berechnet

In der «Weltwoche»-Kolumne schreibt Mörgeli weiter, dass bei den verurteilten Delikten gegen Leib und Leben, begangen von 18- bis 29-jährigen Männern, etwa 70 Prozent Asylbewerber seien. Bei Drogendelikten liege deren Anteil bei etwa 85 Prozent. Bei Gewaltdelikten seien es etwa 70 und bei Vermögensdelikten etwa 80 Prozent Asylsuchende.

Auch diese Zahlen sind falsch. Sie wurden von den beiden Kriminologen kürzlich in der «NZZ» berichtigt. «Die korrekten Anteile der jungen Asylbewerber sind: 7 Prozent bei den Delikten gegen Leib und Leben; 16,5 Prozent bei den Betäubungsmittel-; 7,8 Prozent bei Gewalt- und 13,8 Prozent bei den Vermögensdelikten.» Mörgeli habe von der Summe der Häufigkeitsziffern die relativen Anteile pro Gruppe errechnet. Das wäre aber nur richtig, wenn es in der Schweiz gleich viele Schweizer wie junge niedergelassene Ausländer und junge Asylbewerber gäbe. Dem sei offensichtlich nicht so.

Ähnliche Polizeistatistik

In einer ähnlichen Grössenordnung bezüglich krimineller Asylbewerber bewegt sich auch die jüngste polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Diese Statistik zählt aber nicht die verurteilten Personen, sondern Leute, die einer Tat beschuldigt werden – also noch nicht verurteilt sind.

Laut PKS vom letzten Jahr verstiessen 81'682 Personen gegen das Strafgesetzbuch. Davon waren 38'161 Schweizer (47 Prozent) und 43'521 Ausländer (53 Prozent). Die Zahl der beschuldigten Personen aus dem Asylbereich beträgt 5875 (7 Prozent). Der Rest sind Ausländer mit festem Wohnsitz in der Schweiz (28 Prozent) und übrige Ausländer (18 Prozent). Dies betrifft Kurzaufenthalter, Grenzgänger, Touristen, an der Grenze Zurückgewiesene, Asylsuchende mit Nichteintretensentscheid, abgewiesene Asylsuchende mit Sozialhilfestopp, illegal Anwesende, Personen, deren Aufenthaltsstatus unbekannt oder fehlend ist.

Anteil an kriminellen Asylbewerbern: 13 Prozent

Wie hoch der Anteil der klassischen Kriminaltouristen in dieser Kategorie ist, wird in der Statistik nicht angegeben. Insgesamt befanden sich laut Asylstatistik 2012 des Bundesamts für Migration in der Schweiz 44'863 Personen im Asylprozess, inklusive Personen, die im Verfahrensprozess sind, vorläufig aufgenommene Personen und Spezialfälle.

Davon wurden, wie oben erwähnt, 5875 Personen einer Straftat nach dem Strafgesetzbuch beschuldigt. Der Anteil an kriminellen Asylbewerbern beträgt damit 13 Prozent. Das ist eine Zunahme gegenüber 2010, wobei die neusten Zahlen die Beschuldigten betreffen und nicht wie bei Schwarzenegger und Studer die Verurteilten. Bei Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz wurden im letzten Jahr 2804 Personen aus dem Asylbereich beschuldigt – 6 Prozent aller Asylbewerber. Zu beachten ist, dass die Personen, die gegen das Strafgesetzbuch und gegen das Betäubungsmittelgesetz verstossen haben, auch identisch sein können. Weder Christoph Mörgeli noch Christoph Blocher wollten sich auf Anfrage zu den Zahlen äussern. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.04.2013, 06:08 Uhr)

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