SVP-Nationalrätin ist ihren Doktortitel los

Der Schweizer Ärzteverband VSAO hat Yvette Estermann das Recht abgesprochen, sich Dr. med. zu nennen. Ihr fehlt die Dissertation.

Slowakischer Doktortitel: Nationalrätin Yvette Estermann.

Slowakischer Doktortitel: Nationalrätin Yvette Estermann. Bild: Keystone

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Yvette Estermann ist von ihrer Vergangenheit ein bisschen eingeholt worden. Ende 2008 fragte die «Weltwoche» die Luzerner SVP-Nationalrätin rein theoretisch, ob sie als Ärztin, erfreut wäre, wenn «plötzlich jeder mit einem ‹Dr. med.› herumlaufen könnte». Anlass für die Frage war, dass ihr Mann Richard Estermann im appenzellischen Teufen eine «Titelmühlen»-Universität mit käuflichen akademischen Titeln betrieb und Yvette Estermann in der Firma einmal im Verwaltungsrat sass, wie der «Blick» herausgefunden hatte.

Seither äusserten Politiker und Ärzte immer wieder Zweifel, ob sie ihren Doktortitel wohl zu Recht trägt. Im Oktober 2011 erklärte Yvette Estermann, sie sei dem «Tages-Anzeiger» keine Rechenschaft darüber schuldig. Offenbar wurde die Standeskommission des Verbands Schweizerischer Assistenz- und OberärztInnen (VSAO) damals auf Estermann aufmerksam. Gemäss Recherchen des TA hat der VSAO kürzlich entschieden: Der jahrelang von Yvette Estermann öffentlich verwendete akademische Titel Dr. med. ist «nicht rechtens».

Ein slowakischer Abschluss

VSAO-Geschäftsführer Simon Stettler wollte den Fall gestern nicht kommentieren: «Unsere Entscheide werden nicht publiziert, deshalb kann ich dazu nichts sagen.» Yvette Estermann bestätigte den Entscheid allerdings auf Anfrage: «Ich bin froh darüber, dass endlich Klarheit herrscht.» Der Berufsverband der Schweizer Ärzte FMH selbst habe ihr 1994 empfohlen, ihren in der Slowakei erworbenen Doktortitel der Schweizer Titelführung anzupassen. «Das kann ich beweisen, die entsprechenden schriftlichen Unterlagen habe ich noch», so Estermann.

Mit dem Entscheid des Ärzteverbandes darf die Luzerner Politikerin ab sofort nur noch den in der Slowakei erworbenen Titel «MU Dr., Comenius-Universität in Bratislava» führen. Dieser Titel beruht allerdings nicht – wie an Schweizer Universitäten – auf dem Abschluss einer Forschungsarbeit mit Dissertation (Dr. med.). Es handelt sich vielmehr um einen sogenannten Berufsdoktor, der in der Slowakei allen Absolventen des Medizinstudiums zusammen mit dem Abschlussdiplom verliehen wird.

Eigene Websites angepasst

Wie ein Blick auf ihre Websites yvette-estermann.ch und yvette-estermann-stiftung.ch zeigt, hat die SVP-Politikerin die meisten Dokumente bereits entsprechend angepasst. Ausserhalb ihres Einflussbereichs finden sich online noch zahlreiche Sites mit veralteten SVP-Dokumenten, wo sie als Dr. med. Yvette Estermann aufgeführt wird.

Obwohl seit der EU-Osterweiterung auch vermehrt Ärzte aus osteuropäischen Ländern in die Schweiz kommen, sehen die Schweizer Ärzteverbände keinen Handlungsbedarf, die Echtheit akademischer Titel zu prüfen. Sie verlassen sich weiterhin auf die Selbstangaben ihrer Mitglieder. Das gilt auch für das Bundesamt für Gesundheit, das lediglich die Befähigung zur Berufsausübung kontrolliert. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.09.2012, 06:52 Uhr)

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