SVP-Politiker liebäugelt mit Verschwörungstheorien

Anian Liebrand, der neue Präsident der Jungen SVP Schweiz, will sich nicht von Freunden distanzieren, die antijüdische Propaganda betreiben.

Hat auffällige Freunde: Anian Liebrand (Foto: Pius Amrein, Neue Luzerner Zeitung).

Hat auffällige Freunde: Anian Liebrand (Foto: Pius Amrein, Neue Luzerner Zeitung).

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Mit der Wahl zum Parteipräsidenten der Jungen SVP Schweiz hat der 24-jährige Luzerner Anian Liebrand eine steile Politkarriere hingelegt. Doch nun holt ihn die Vergangenheit ein. Denn der forsche Jungpolitiker, der am rechten SVP-Rand politisiert, vertritt teilweise ein eigenartiges Weltbild und umgibt sich mit auffälligen Freunden. Manche von ihnen gehören zur umstrittenen Szene der Verschwörungstheoretiker, die behaupten, die Mächtigen der Welt – vor allem Politiker, Konzernbosse und jüdische Grossbanker – würden eine geheime diktatorische Weltregierung anstreben. Einer dieser Geheimbünde seien die Bilderberger, die sich jährlich inkognito zu Tagungen treffen.

Als sich die Bilderberger im Juni 2011 in St. Moritz trafen, hatte Anian Liebrand seinen grossen Auftritt. Zusammen mit Manfred Petritsch, einem Meinungsführer der deutschsprachigen Verschwörungstheoretiker, hatte er eine Gegenveranstaltung mit den drei SVP-Nationalräten Dominique Baettig, Lukas Reimann und Pirmin Schwander organisiert. Auch Petritsch alias Freeman hielt eine Rede. Über die Demonstration seiner Gesinnungsfreunde verfasste Liebrand einen enthusiastischen Bericht. «Es war ein unvergessliches, brillantes Wochenende. (…) Ich habe tolle neue Menschen aus ganz Europa kennen gelernt und dazu hatte ich eine wunderbare, erlebnisreiche Zeit mit Freunden und Weggefährten. (…) Überhaupt war das bunt durchmischte Publikum einfach der Hammer. (…) Alles ganz normale, sympathische Leute. Von wegen Verschwörer oder was weiss ich.»

«Ja, Anian ist ein Truther»

Der Auftritt der SVP-Nationalräte in St. Moritz löste auch beim Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) Unbehagen aus, denn viele Verschwörungstheoretiker haben eine antisemitische oder antiisraelische Schlagseite. Doch die SVP-Politiker liessen sich von den Bedenken nicht verunsichern.

Liebrand ist persönlich eng verbunden mit Manfred Petritsch, der den deutschen Blog «Alles Schall und Rauch» führt, die grösste Plattform der Verschwörungstheoretiker. Kaum war Liebrand vor Wochenfrist zum Präsidenten gewählt worden, gratulierte «Freeman» dem SVP-Politiker. Es sei für ihn eine Überraschung, dass «‹einer von uns› es an die Parteispitze geschafft» habe. «Ja, Anian ist ein ‹Truther› und wir haben zusammen schon viele besondere Veranstaltungen und Aktionen organisiert», schrieb Petritsch auf seiner Plattform. Truther sind Verschwörungstheoretiker, welche die offiziellen Erklärungen zum Terroranschlag vom 11. September 2001 auf die Twin Towers in New York als Täuschungsmanöver der Politik bezeichnen.

Die enge persönliche Beziehung von Liebrand und Petritsch dokumentiert auch der Umstand, dass die beiden im letzten Jahr zusammen zum Treffen der Bilderberger nach Watford in England gereist waren. Ausserdem wollten sie gemeinsam zu den Olympischen Spielen nach Sotschi reisen. Nach der Wahl habe er Wichtigeres zu tun, schreibt Petritsch. Liebrand bestätigte dies.

Pikant ist, dass ausgerechnet Petritsch Christoph Blocher als Bilderberger enttarnt hatte. Tatsächlich hat auch schon der SVP-Übervater an dem geheimen Treffen der Reichen und Mächtigen teilgenommen. Die SVP-Nationalräte Reimann, Baettig und Schwander sowie Anian Liebrand demonstrierten also indirekt auch gegen den Strategiechef ihrer Partei.

Die Wahl von Liebrand hat in der Szene Begeisterung ausgelöst. Mehrere deutsche Plattformen der Verschwörungstheoretiker gratulierten auf ihren Plattformen und Blogs dem jungen SVP-Politiker, als sei er tatsächlich einer von ihnen, wie Petritsch schrieb.

Dass Liebrand die Verschwörungstheorien nicht suspekt sind, beweist auch ein Artikel auf der Internetplattform www.info8.ch von Anita Nideröst. Das SVP-Mitglied schreibt, die Bilderberger verfolgten das Ziel, «eine Weltregierung und eine globale Armee durch die UNO einzusetzen». Es sei «offensichtlich, dass deren Interessen unter Umgehung der nationalen Parlamente koordiniert werden sollen. So sei beispielsweise die EUVerfassung mehr oder weniger von Giscard d’Estaing als Konventspräsident diktiert worden.

«Wir dulden verschiedene Ideen»

Er sei kein Verschwörungstheoretiker und könne mit dem Begriff nichts anfangen, erklärt Liebrand, wenn man ihn damit konfrontiert. Dass diese Kreise ihm zu seiner Wahl gratulierten, stört ihn nicht sonderlich. «Ich distanziere mich nicht von Manfred Petritsch und seinem Blog ‹Schall und Rauch›», sagt er. Er verrate auch niemanden und habe keinen Einfluss darauf, was im Internet über ihn geschrieben werde. Dass Christoph Blocher an einer Bilderbergerkonferenz teilgenommen habe, müsse dieser mit sich selbst ausmachen. Liebrand bestätigt aber, dass Blocher sein Vorbild sei. Auf die Frage, weshalb er Artikel mit Verschwörungstheorien auf seiner Plattform stehen habe, antwortete Liebrand: «Wir dulden verschiedene Ideen.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.02.2014, 07:42 Uhr)

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