Santésuisse bricht auseinander

Der seit Jahren drohende Showdown steht bevor: CSS und Helsana verlassen den Kassenverband Santésuisse und gründen mit der Sanitas einen neuen Verband, der keine Doppelmitgliedschaften zulässt. Präsident wird FDP-Nationalrat Ignazio Cassis.

Bald gibt es in der Schweiz drei Verbände, welche die Interessen der Krankenkassen vertreten: Instrumente (Symbolbild).

Bald gibt es in der Schweiz drei Verbände, welche die Interessen der Krankenkassen vertreten: Instrumente (Symbolbild). Bild: Simon Tanner

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Die Unruhe im Krankenkassenverband Santésuisse ist chronisch. Zu unterschiedlich sind die Interessen der gut 60 im Verband zusammengeschlossenen Kassen. Vor zwei Jahren gründeten deshalb Sanitas, Helsana und Groupe Mutuel den Konkurrenzverband Allianz Schweizerischer Krankenversicherer (ASK). Die Sanitas kündigte die Mitgliedschaft bei Santésuisse, die Helsana und die Groupe Mutuel blieben Doppelmitglieder.

In den letzten Monaten haben die Differenzen weiter zugenommen. Die Verärgerung ist besonders über die Groupe Mutuel gross. Die Kasse hat vor kurzem in einem Brief an Parlamentarier die geplante Verschärfung des Risikoausgleichs kritisiert – obwohl Santésuisse diese Reform begrüsst. Der Hintergrund: Groupe Mutuel setzt stark auf Risikoselektion, was durch einen besseren Ausgleich weniger lukrativ würde.

Ultimatum an Groupe Mutuel

Um die Lage zu klären, wird nun zur Radikalmassnahme geschritten. Gemäss TA-Recherchen haben Sanitas und Helsana gestern der Groupe Mutuel ein Ultimatum gestellt: Entweder verlässt die Kasse bis Ende Woche freiwillig die ASK – oder Helsana und Sanitas treten aus und pulverisieren damit die Allianz. Ziel der Übung: Helsana und Sanitas werden zusammen mit der CSS einen neuen Verband ohne Groupe Mutuel gründen. Zu diesem Zweck werden Helsana und die CSS auf Ende Jahr Santésuisse verlassen. Kündigungsfrist ist der 30. Juni.

Der neue Verband wird seine Tätigkeit voraussichtlich zu Beginn des nächsten Jahres aufnehmen. Als Präsident konnte der Tessiner Arzt und FDP-Nationalrat Ingnazio Cassis gewonnen werden. Das Nachsehen hat der aktuelle ASK-Präsident Heinz Locher. Die Ablösung des Gesundheitsökonomen Locher durch den Politiker Cassis deutet darauf hin, dass der neue Verband politisch mehr Einfluss nehmen will. Von Cassis wird unter anderem ein schlagkräftiges Auftreten im Kampf gegen die Einheitskasseninitiative der SP erhofft.

Im Gegensatz zu Locher kann ASK-Direktor Reto Dietschi seinen Posten behalten. Er wird dieselbe Funktion auch im neuen Verband ausüben. Dem Vorstand gehören die Verwaltungsratspräsidenten und CEO von CSS, Sanitas und Helsana an.

Kassen müssen sich entscheiden

Entscheidend für den neuen Verband ist, dass keine Doppelmitgliedschaften mehr möglich sind. Die Kassen müssen sich also entscheiden, ob sie bei Santésuisse verbleiben oder zum neuen Verband wechseln wollen. Für Santésuisse ist dies ein herber Schlag: Ohne die Branchenführerin CSS und die beiden Grosskassen Helsana und Sanitas kann Santésuisse kaum mehr als Dachverband auftreten. Zudem wird der Verband finanziell erheblich geschwächt. Allein Helsana bezahlt Santésuisse pro Jahr einen Mitgliederbeitrag von 2,5 Millionen Franken.

Der neue Verband versucht, weitere Kassen als Mitglieder zu gewinnen – mit Ausnahme der Groupe Mutuel. Gespräche mit anderen Kassen haben bereits stattgefunden. Doch offenbar ist noch keine Zusage erfolgt. Wegen der fehlenden Möglichkeit von Doppelmitgliedschaften müssen die Kassen einen solchen Schritt gut abwägen. Unsicher ist zudem, ob die Groupe Mutuel in einer geschrumpften Santésuisse verbleibt. Dafür spricht, dass die Walliser Kasse einen solchen Verband klar dominieren würde.

Nicht immer derselben Meinung

Die beteiligten Kreise gaben sich gestern auf Anfrage des TA bedeckt. Der als Präsident vorgesehene Ignazio Cassis sagte, er könne sich derzeit nicht äussern, und stellte Informationen für morgen Freitag in Aussicht. ASK-Präsident Heinz Locher erklärte bloss, es sei nicht sein Lebensziel, Verbandspräsident zu bleiben. Er habe sein Amt bei der ASK stets als «Interims-Management» verstanden.

Groupe-Mutuel-Sprecher Yves Seydoux räumt ein, dass man nicht immer derselben Meinung sei wie die übrigen Mitglieder von Santésuisse und der ASK: «Doch damit muss ein Verband leben können.» Zum Ultimatum an die Adresse von Groupe Mutuel nimmt er keine Stellung und sagt: «Wir bleiben Santésuisse und der ASK treu.» Von den drei beteiligten Kassen CSS, Helsana und Sanitas wollte niemand Stellung nehmen. «Es handelt sich um verbandsinterne Diskussionen», sagte Helsana-Sprecher Rob Hartmans. Santésuisse-Präsident Christoffel Brändli war nicht zu erreichen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.04.2013, 06:09 Uhr)

Kommentar

Die Fronten werden geklärt
Die Groupe Mutuel ist eine wirtschaftlich erfolgreiche Krankenkasse. Seit Anfang Jahr zählt sie neu 1,2 Millionen Grundversicherte und hat damit die Helsana als Nummer zwei hinter der CSS abgelöst. Doch innerhalb der Branche gilt sie als rotes Tuch. Die Kasse aus Martigny, die während der Amtszeit des ebenfalls aus Martigny stammenden Gesundheitsministers Pascal Couchepin stark gewachsen ist, verfolgte als eine der ersten eine Billigkassen-Strategie. Auch heute versucht sie, möglichst viele «gute Risiken» anzulocken: junge und gesunde Prämienzahler, die kaum Kosten verursachen.

Aus diesem Grund ist die Walliser Kasse nicht an einer Verschärfung des Risikoausgleichs interessiert. Das Parlament will damit erreichen, dass Versicherer wie die Groupe Mutuel mehr Ausgleichszahlungen an Kassen leisten müssen, die viele alte und kranke Personen versichern. Der Dachverband Santésuisse unterstützt diese Reform. Groupe Mutuel hingegen schert einmal mehr aus und übt Kritik.

Weil sich solche Vorkommnisse häuften, ist es nachvollziehbar, dass CSS, Helsana und Sanitas einen neuen Verband gründen. Denn auch der Konkurrenzverband ASK konnte sich nie als Alternative zu Santésuisse etablieren, zu uneinig waren sich deren Mitglieder. Politisch ist die Klärung der Fronten zu begrüssen: Verbände, die sich intern blockieren, sind keine glaubwürdigen Akteure.

Santésuisse wurde in den letzten Jahren denn auch zunehmend marginalisiert. Kommt hinzu, dass der aktuelle Präsident Christoffel Brändli wie bereits sein Vorgänger Claude Ruey kaum wahrgenommen wird. Eine gute Wahl ist hingegen der als Präsident für den neuen Verband vorgesehene FDP-Nationalrat Ignazio Cassis. Dem versierten Gesundheitspolitiker ist zuzutrauen, dass er Akzente setzt.

Unklar sind die Folgen für die Prämienzahler und die Debatte über die Einheitskasseninitiative. Gut möglich, dass der nun offen ausgebrochene Streit unter den Kassen noch mehr Stimmbürger daran zweifeln lässt, ob die Kassenvielfalt tatsächlich so vorteilhaft ist für das Gesundheitswesen. (daf)

Ignazio Cassis (Bild: Dominique Meienberg)

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