Scharlatane bedrängen Alternativmedizin

Von Daniel Friedli. Aktualisiert am 12.06.2010

Der Fall des Berner «Heilers» verstärkt den Ruf nach mehr Kontrolle in der Alternativmedizin. Doch der Trend geht vorerst in die andere Richtung.

Für unsere Kultur fremd anmutige alternative Heilmethode: Behandlung in einer MediQi-Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin.

Für unsere Kultur fremd anmutige alternative Heilmethode: Behandlung in einer MediQi-Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin.
Bild: Keystone

Die Komplementärmediziner sind ebenso verärgert wie nervös. Seit bekannt wurde, dass ein ominöser Berner «Heiler» 19 Menschen mit dem HI-Virus angesteckt haben soll, fürchten sie um ihren Ruf und sehen eine alte Forderung bestätigt: Es braucht endlich eine bessere Qualitätskontrolle für nichtärztliche Therapeuten.

Dieser Alarm mag insofern erstaunen, als das Volk vor Jahresfrist einen neuen Verfassungsartikel zur Stärkung der Komplementärmedizin gutgeheissen hat. Und mit diesem beabsichtigten die Befürworter explizit, den Schutz der Patienten zu verbessern: Eine Praxisbewilligung soll nur noch erhalten, wer über einen kantonal anerkannten Abschluss oder ein nationales Diplom verfügt, lautete eine ihrer Kernforderungen.

Die Situation hat sich diesbezüglich aber seither nicht verbessert, im Gegenteil. Der Trend zum Laissez-faire gehe unvermindert weiter, kritisiert der Dachverband Komplementärmedizin. So kann heute in zehn Kantonen jeder beliebige Laie eine nichtärztliche Praxis eröffnen, ohne Ausbildung, Diplom und Kontrolle. Mit Schaffhausen plant ein elfter Stand diese Freigabe der Praxistätigkeit, in Zürich soll sie bald auf die Akupunktur ausgeweitet werden. In Luzern schliesslich werden die Stimmbürger diesen Sonntag über die Frage entscheiden, wobei die Behörden lediglich eine Meldepflicht einführen wollen.

Verbandspräsidentin Edith Graf-Litscher kann dies nicht verstehen. «Die Kantone müssen endlich aufhören, die Gesundheit der Patienten leichtfertig aufs Spiel zu setzen», sagt die Thurgauer SP-Nationalrätin. Deren Passivität öffne Tür und Tor für Scharlatane und widerspreche, wie auch die Föderation Alternativmedizin Schweiz moniert, dem an der Urne geäusserten Volkswillen.

Warten auf nationale Diplome

Die freimütigen unter den Kantonen berufen sich indes auf andere Instanzen. Seit dem Jahr 2000 empfiehlt die Konferenz der Gesundheitsdirektoren (GDK), die Bewilligungspflicht nur restriktiv anzuwenden. Es sei schlicht nicht möglich, alle Spielarten der Alternativmedizin zu kontrollieren, begründet der damalige GDK-Sekretär Franz Wyss die Empfehlung. «Man käme aus dem Regulieren nicht mehr heraus.»

Für die Alternativmediziner sind diese Argumente spätestens jetzt zu revidieren. Die Praxisfreigabe müsse an klare Qualitätsvorgaben geknüpft werden, fordern sie. Und solange es noch keine nationalen Diplome gebe, müssten sich die Kantone dazu mit anderen Kriterien behelfen. Den Fall des Berner «Heilers» hätte freilich auch dies kaum verhindert: In Bern ist die Zulassung zur Akupunktur bereits reguliert, nur hat sich der Verdächtige offenbar nicht daran gehalten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2010, 15:51 Uhr

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