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«Schatten über der Schweiz»

Von Michael Wrase, Beirut. Aktualisiert am 30.11.2009

Das Schweizer Ja zur Minarett-Initiative ist auch im Nahen Osten eines der beherrschenden Themen. Die Reaktionen fallen teils sehr heftig aus: Von einer Verschwörung gegen den Islam ist gar die Rede.

Al Jazeera, der grösste und wahrscheinlich einflussreichste Fernsehsender in der Region, meldete die Annahme des Volksbegehrens zunächst als «Breaking News» und platzierte diese Nachricht dann an erster Stelle der halbstündlichen Bulletins. Als «Headline» wählte Al Jazeera «Dunkle Schatten über der Schweiz», ehe Korrespondenten relativ nüchtern auf die «verheerenden Konsequenzen» des Schweizer «Ja» aufmerksam machten.

«Diese Initiative» werde die Alpenrepublik noch lange verfolgen, hiess es in ersten Einschätzungen, welche von den Bildern jener polarisierenden Plakate unterlegt wurden, auf denen Minarette mit Raketen gleichgestellt werden.

«Eine Verschwörung»

Abu Dhabi TV erinnerte im Zusammenhang mit dem Schweizer «Ja» an das islamische Opferfest Eid el Adha, das gegenwärtig in der islamischen Welt gefeiert wird. Die Annahme der Initiative am höchsten Feiertag von mehr als einer Milliarde Muslime werde bestimmt nicht folgenlos bleiben. Wegen des Feiertages könnte es noch einige Tage dauern, bis Regierungsreaktionen vorliegen. Sicher sei jedoch, dass die meisten arabischen Offiziellen «die Angelegenheit nicht politisieren werden», sagte der in London lebende palästinensische Islamwissenschaftler Adel Darwish. Allerdings müsse man damit rechnen, dass einige Geistliche in der Region das Schweizer «Ja» als «Verschwörung gegen den Islam interpretieren werden».

«Unbegreiflich»

Hinweise darauf gibt es bereits. Im Chatroom der BBC sprach ein pakistanischer Muslim nicht nur der Schweiz, sondern «ganz Europa» das moralische Recht ab, «Angelegenheiten wie Religions- und Meinungsfreiheit in der Dritten Welt künftig zu kommentieren». Eine ägyptische Studentin äusserte sich erschüttert und erinnerte daran, dass in ihrem Land die Glocken in den Türmen der Kirchen seit Jahrhunderten läuteten. Warum die angeblich so tolerante Schweiz dies verbieten wolle, sei ihr unbegreiflich.

Vor der Annahme der Anti-Minarett-Initiative hatte der libanesische Politologe Souhail Natour das Volksbegehren mit den dänischen Mohammed-Karikaturen verglichen. Sollte die Schweizer dazu «Ja» sagen, warnte er, könnte die Predigt eines einzigen Geistlichen genügen, um eine verheerende Kettenreaktion auszulösen. «Derartige Geschenke», fügte Natour hinzu, «sollte man den Fundamentalisten in der Region nicht machen.»

«Ein Makel»

Ein in Damaskus lebender Schweizer Geschäftsmann, der ungenannt bleiben will, äusserte sich nach der Annahme der «Volksinitiative» bestürzt. Bislang habe die Schweiz im Nahen Osten einen hervorragenden Ruf genossen. Dieser sei nach dem «Ja» der Schweiz gänzlich zerstört wurden. «Dieses Makel» werde die Eidgenossen noch lange verfolgen. Erste Auswirkungen, das sei sicher, würden jetzt die Schweizer Geiseln in Libyen spüren. Obwohl in dem nordafrikanischen Land keine Religionsfreiheit herrsche, sei das Abstimmungsergebnis «Wasser auf die Mühlen der Ghadhafis». Sie dürften sich in ihren Hass auf die Schweiz bestätigt sehen.

Michael Wrase/Beirut

> (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.11.2009, 07:56 Uhr

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