Schweiz
Schneckenpost: 16 Tage für 11 Kilometer
Berlingen TG - Konstanz
In unserer schnellen Zeit sind Sendungen aus der Schweiz oft bis zu zwei Wochen und mehr unterwegs, bis sie beim Empfänger auf der deutschen Seite ankommen. Es ist eine alte Geschichte, aber sie erhält immer wieder neue Nahrung: Briefe aus der Schweiz nach Deutschland, zum Beispiel aus dem Thurgau ins deutsche Bodenseegebiet, sind in aller Regel mindestens sechs Tage unterwegs, es kann aber auch schon mal zehn Tage oder länger dauern.
Rekordhalter ist in jüngster Zeit eine Sendung aus Berlingen nach Konstanz. Der DIN-C4-Brief brauchte für diese Entfernung von rund 15 Kilometern ganze 16 Tage. Aber auch in der umgekehrten Richtung ist es nicht besser: Eine Sendung aus dem Landkreis Konstanz nach Bern war stattliche 33 Tage unterwegs, ein Brief aus Konstanz nach Zürich immerhin 18 Tage.
Keine logische Erklärung
Dabei war alles mal so einfach. Post Richtung Deutschland wurde in Kreuzlingen dem Zug mitgegeben, in Konstanz wieder ausgeladen und dort weiterverteilt. Doch diese Zeiten des freundnachbarschaftlichen kleinen Grenzverkehrs sind lange vorbei. Das Zauberwort heisst auch hier Rationalisierung. An die Stelle von lokalen und regionalen Postämtern, wo die Sendungen sortiert und dann weitertransportiert wurden, traten die grossen Verteilzentren wie beispielsweise das Briefzentrum Zürich-Mülligen, das «modernste Briefzentrum der Welt», das täglich rund 7 Millionen Sendungen verarbeitet, darunter alle internationalen Sendungen von der und in die Schweiz. Auch in Deutschland wird die Post über solche Verteilzentralen geleitet. Diese moderne Art der Briefverteilung sei wirtschaftlicher, effizienter und schneller, heisst es.
Von wegen schnell. In der Praxis bedeutet das vor allem lange Wege, zum Beispiel für Briefe aus Frauenfeld, St. Gallen, Berlingen in die deutsche Grenzregion – oder auch umgekehrt. Am Beispiel der Sendung aus Berlingen wurde dieser Weg nachvollzogen: Vom Untersee also ging es zunächst nach Zürich-Mülligen, dann über Basel ins Service Center Logistik in Dietzenbach bei Frankfurt/Main, wo die Sendungen aus der Schweiz von der Deutschen Post oder ihren Partnern übernommen werden. Nun wieder zurück Richtung Bodensee über ein weiteres regionales Verteilzentrum im südlichen Baden-Württemberg nach Konstanz. Macht alles in allem rund 850 Kilometer, per LKW auf der Strasse.
Ganz anders als im Prospekt
Doch warum die Sendung 16 Tage unterwegs war, ist damit noch nicht erklärt. Für Briefpost aus der Schweiz nach Deutschland gibt die Post folgende durchschnittliche Laufzeiten an: A-Post Absendetag plus zwei bis drei Werktage, B-Post Absendetag plus vier bis acht Werktage. Und auch das war vom Kundendienst der Post zu erfahren: «Postsendungen nach Deutschland sollten die Schweiz normalerweise innerhalb von zwei bis drei Tagen verlassen.» Das deutsche Logistik-Unternehmen aber hat den Brief aus Berlingen nach eigenen Angaben erst nach 13 Tagen übernommen, und braucht dann zum Weitertransport auch noch mal zwei bis drei Werktage.
«Für eine solche Verspätung kann ich Ihnen keine logische Erklärung anbieten», so Mirco Lombardi vom Kundenzentrum der Post in Bern auf Anfrage. Das Contact Center International der Schweizer Post hat immerhin herausgefunden: «Höchstwahrscheinlich verspäteten sich die Sendungen bei der Aufgabe in Zürich-Mülligen oder beim Transport nach Deutschland.»
«Nicht akzeptabel»
Keine konkreten Erklärungen also, aber immerhin einige Entschuldigungen, wie etwa diese: «Eine solche Verspätung ist natürlich nicht akzeptabel und darum entschuldigen wir uns für diese verspätete Zustellung», so Mirco Lombardi vom Post-Kundendienst. «Wir sind bestrebt, unsere Produkte stets weiterzuentwickeln und die Zusammenarbeit mit unseren Partnern im Ausland ständig zu verbessern.» Ob das auf das endgültige Ende des Postkutschenzeitalters hoffen lässt? (ThurgauerZeitung)
Erstellt: 22.06.2009, 15:40 Uhr
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