Schweiz
Schöne Volksvertreter
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 05.10.2011 116 Kommentare
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Aha, da will eine in die gehobene Parlamentskammer, da will eine ins Stöckli! Mit ihrem neuen Look zeigt sie es: Pascale Bruderer Wyss, Aargauer SP-Nationalrätin, hat sich fürs Plakat ihrer Ständerats-Kandidatur herausgeputzt. Die Haare sind auf Volumen und Luftigkeit geföhnt, sie trägt ein feines schwarzes Jäcklein und um den Hals eine Perlenkette.
So betont edel, so klassisch ist Bruderer zuvor nicht aufgetreten – und natürlich ruft das auch Spötter auf den Plan. Die viel beachtete Internetseite Klatschheftli.ch, von Anonymen betrieben, hämt: «Ist das eine Frisur oder ein Turban, was sie da trägt?» Und: «Wenn man schon einigermassen gut aussieht, sollte man sich nicht Stylingtipps bei Grossmama abgucken!»
So kann man sich über Geschmack streiten. Jedenfalls gehört Bruderer zu jenen Parlamentsmitgliedern, die attraktiv sind, so wahrgenommen werden und ihren Look offensichtlich bewusst steuern. Das deutsche Nachrichtenmagazin «Spiegel» erkennt einen Trend: «Optik zählt jetzt, immer mehr.»
Der «Alpenkennedy»
In der Tat ist es auffällig, wie mehr und mehr in der Politik – auf komplizierte Art und Weise – das Aussehen der Amtsträger und der Kandidaten eine Rolle spielt. Auch das gute Aussehen. Bei manchen Politikern kommt die Rede immer sofort auf die Schönheit, wenn man über sie spricht. Die junge Zürcher SVPNationalrätin Natalie Rickli ist so ein Fall. Oder auch ihr distinguiert grauhaariger Parteikollege Adrian Amstutz aus dem Bernischen, der gern mit Richard Gere verglichen oder als «Alpenkennedy» bezeichnet wird. Der Zürcher Nationalrat der Grünen Bastien Girod posierte einst als Politiknovize für eine Kampagne gegen «Striptease auf dem Polizeiposten» nackt, es war der triumphale Moment eines Athleten. Seither ist Girod der Mr. Sixpack. Und dann hat er auch noch eine Ex-Miss-Zürich als Freundin – was für ein strahlendes Paar!
Vielleicht ist es mit der äusseren Erscheinung in der Politik so: Es gibt Leute, die sind optisch einfach farblos, sie geben sich keine Mühe, auf dieser Ebene zu wirken. Dann gibt es andere, die sehen nicht gut aus, aber charaktervoll. Ihr Aussehen spielt also doch eine Rolle – und sie wissen darum; in der Kernigkeit und launigen Polterei der Fuhrhalter-Ikone Ulrich Giezendanner von der SVP verrät sich auch ein Quäntchen Berechnung und Inszenierung.
Und dann gibt es die Politikerinnen und Politiker mit dem Body und dem ebenmässigen Gesicht à la Pascale Bruderer. Sie haben in der Regel nichts dagegen, wenn man ihre Körperlichkeit wahrnimmt und schätzt, diesen evolutionären Startvorteil. Sie sehen keinen Widerspruch zur moralischen Maxime, wonach es in der Politik strikt um Inhalte gehen soll, nicht um die Verkünder dieser Inhalte – weshalb das eigene erotische Kapital nicht nutzen für die gute Sache?
Ein tabuisierter Vorteil
Vor allem die Linke tabuisiert das Thema der Äusserlichkeit allerdings traditionell, da ihr Denken um das Dogma der Gleichheit kreist. Und Schönheit ist nun einmal Ungleichheit der ungerechten Art: Sie ist einem zuteilgeworden oder eben nicht. Der in Lausanne lehrende Politologe Georg Lutz begab sich vor vier Jahren auf das Minenfeld. Er erstellte eine Studie zu den Nationalratswahlen 2007, wobei er Fotos von über 600 Kandidierenden bewerten liess, wie «attraktiv» und wie «kompetent» diese Personen wirken. Diese Bewertung verglich er dann mit der Stimmenzahl der einzelnen Kandidierenden.
Ergebnis: Gut aussehende Personen machten signifikant mehr Stimmen. Wie aussagekräftig ist dieser Befund denn aber wirklich? Lutz ordnet das Ergebnis so ein: Die Schönheit wirkt auf der Vorstufe der Politik, im Unbewussten; wenn die Leute zum Beispiel einen Parteiprospekt studieren mit Politikern, die sie noch nicht kennen. Dann holt eine schöne Person wohl mehr Aufmerksamkeit und bleibt länger im Gedächtnis.
«Manche wählen, wie sie Hosen kaufen»
«Der Schönheitseffekt spielt natürlich nicht bei Leuten, die eine unveränderte Parteiliste einlegen; und diese Leute machen knapp die Hälfte der Wähler aus», räumt Georg Lutz ein. Anderseits, gibt er zu bedenken, gehe die klassische Politikforschung stets vom bewussten, rationalen Bürger aus. Doch mancher Wähler entscheide sich nun einmal «recht schnell und manchmal so spontan und irrational für einen Politiker, wie wenn er oder sie eine neue Hose kauft».
Der Berner Politikwissenschaftler Claude Longchamp bringt den Fachausdruck «Pictorial Turn» ins Spiel, also die Wende zum Optischen. Er sieht einen «starken Medienwandel». Einst galt in der Politik das gesprochene Wort. Die Parlamentarier, die es absonderten, trugen den Einheitslook Anzug und Krawatte. Als einer wie der Sozialdemokrat Andreas Gross stattdessen in Cordhosen kam, den Pullover locker über die Schultern gelegt, war das bereits ärgerliche Stilrevoluzzerei. Frauen gab es im Berner Politbetrieb damals noch wenige, und sie mussten sich dem Diktat der Unauffälligkeit unterordnen. Die protestantisch-bilderfeindliche Leitkultur des Landes erzwang es, dass man sich der Auffälligkeiten enthielt.
Bundesrat oben ohne
Die Bundesräte waren entsprechend graue Mäuse. Undenkbar, eine attraktive und geschmackvoll gekleidete Ministerin wie Doris Leuthard, von der heute jeder Heftlileser weiss, dass sie das Modelabel Akris liebt und lebt. Immerhin bekamen auch unsere Politiker mit der Zeit einen Leib zugestanden. Jahrzehnte bevor der Trend triumphierte, zeichnete er sich ab – gerade im Bundesratsgremium. Es waren punktuelle Handlungen: Hans Peter Tschudi gumpte einst an einem Bundesratsausflug mit einer gekonnten Flanke über den Hag, das war ein politischer Sprung, die Demonstration sozialdemokratischer Fitness. Die Handballfotos von Kurt Furgler bewiesen, dass die Intelligenzbestie im Siebnergremium vormals eine Sportskanone gewesen war. Dem volkstümlichen Image des Willi Ritschard dienten jene Aufnahmen zu, die ihn beim Wandern zeigten, Arnold Koller machte an seinem Sechzigsten kameragerecht Liegestütz, Flavio Cotti köpfelte ins Wasser.
Und Kaspar Villiger setzte sich hinter dem Ringier-Journalisten Jürg Zbinden auf eine Harley. Der Aufstieg des Visuellen bedeutet dabei auch: mehr Kumpanei der Bundesräte mit den Medien, die dieses Visuelle grossteils verwalten. Adolf Ogi liess sich von SI-Chefredaktor Peter Rothenbühler mit einem einzigen Satz zur Freigabe eines Oben-ohne-Bildes überreden: «Chumm Dölf, du bisch doch so sexy!»
Ausdruck der Individualisierung
Politikkenner Longchamp deutet die Entwicklung hin zur Äusserlichkeit der Politiker als Ausdruck der Individualisierung unserer Gesellschaft, in der sich jeder selber erfinden soll: Der Amtsträger drückt mit einem eigenen Look aus, dass er ein Einzelner ist, ein Gestalter seiner selbst. Da fallen einen die Overall-Bilder der sozialdemokratischen Simonetta Sommaruga an, so bewusst proletarisch posierte noch keine Bundesrätin. Micheline Calmy-Reys MècheFrisur wiederum artikuliert ihren Eigenwillen und Trotz.
Und selbstverständlich kann es dann nicht schaden, wenn einer oder eine schön aussieht. Der Zürcher Kommunikationsberater Peter M. Wettler sagt: «Schönheit ist ein wahnsinniger Bonus.» Er persönlich findet es dennoch nach wie vor «das Wichtigste, dass die Person Vertrauen erweckt; ich kaufe doch nicht die Katze im Sack». Anderseits gelte der Konfuzius-Spruch, wonach ein Bild tausend Worte ersetzt; «es muss aber ein gutes Bild sein». Jüngere Leute, fährt Wettler fort, seien nur sehr beschränkt für Politik interessierbar. Sie, die ohnehin im visuellen Zeitalter aufgewachsen seien, ködere man mit einem attraktiven Gesicht. Gerade die mit allen modernistischen Wassern gewaschene Rechtspartei wisse das: «Die SVP stellt immer wieder eine junge Frau auf. Die SVP-Männer können hingegen aussehen wie Draculas todkranker Bruder.»
Maske und Schutz
«Unsere Natalie Rickli ist schon sehr hübsch», sagt Rita Fuhrer, vormals Zürcher SVP-Regierungsrätin. Fuhrer war selber eine schöne und schön gekleidete Politikerin. Ihr gepflegtes Äusseres, betont sie, sei ein «Zeichen von Respekt gegenüber dem Bürger» gewesen: «Ich habe das gepflegte und adäquate Daherkommen immer aus diesem Antrieb betrieben.» Stylingkurse habe sie nie absolviert: «Ich glaube ans Authentische. Ich habe immer auf meinem Mann gehört, der Gott sei Dank Geschmack hat.» Im Übrigen müsse gerade eine gut aussehende Frau «beweisen, dass sie nicht nur schöne Augen und eine schöne Nase hat, sondern auch etwas im Hirn. Sie trägt ein Handicap mit sich herum.» Umgekehrt könne die Schönheit einer Frau auch als eine Art Maske und Schutz dienen: «Wenn ein Politiker mal schlecht aussieht, heisst es positiv: Hey, der krampft einen zusammen. Bei der Politikerin heisst es: Ich habe immer gesagt, sie sei überfordert.»
Der «Spiegel» schrieb, Attraktivität ermögliche «steile politische Karrieren». Wird also eher nach Bern geschickt, wer schön ist? Die Berner Politologin Regula Stämpfli weist die krude Frage zurück: «Schauen Sie sich das Parlament in seiner heutigen Zusammensetzung an! Es ist die personifizierte Widerlegung der These.» Schönheit sei nur einer von über 40 benennbaren Faktoren. Andere Machtfaktoren wie Vernetzung seien viel wichtiger für die Wahl. Wenn jemand in einem Verband gewirkt habe, dann nütze ihm das wesentlich mehr als ein gutes Aussehen. Dass es aber in der Politik einen Trend dazu gibt, das Äusserliche ins Licht zu rücken, anerkennt auch Wissenschaftlerin Stämpfli: «Statt Wahrhaftigkeit dominiert die Bildhaftigkeit.» Stämpfli sieht eher Normierung als Individualisierung am Werk; wenn einzelne Politikerinnen und Politiker schön seien, dann im Sinn einer Mainstream-Gestyltheit: «Die Leute sehen zunehmend gleich aus.» Sie selber werde auch weiterhin Leute wählen, «von denen ich glaube, dass sie mich und meine Ansichten am besten repräsentieren. Ganz egal, wie sie aussehen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.10.2011, 09:01 Uhr
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116 Kommentare
Okay, sowohl Pascale Bruderer und Adrian Amstutz sind was Ihr Aussehen betrifft bevorteilt. Hingegen hat Herr Amstutz wohl einiges verpasst, als er durch die KInderstube sauste. Zwischen diesen beiden Politikern bzw. Politikerin sind Welten. Die eine hat absolute Klasse und Verstand, der andere ist ist und bleibt letztlich ein kleiner Berner Oberländer, der als Scharfmacher Leute verunsichert. Antworten
Die gute alte SP. Neben wirtschaftlich unmöglich umsetzbaren Sozialversprechen versucht man es nun auch noch edel herausgeputzt. Man soll ja bekanntlich nicht geizen mit seinen Reizen. Was mich an den SP Vertretern einfach stört: sie machen den Wählern was vor, haben selbst nie in der Privatwirtschaft was geleistet, sondern versuchen sich bis 65 von der öffentlichen Hand durchfüttern zu lassen. Antworten
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