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Schreiben die UBS-Aktionäre heute Wirtschaftsgeschichte?

Von Res Strehle. Aktualisiert am 14.04.2010 14 Kommentare

Decharge? Oder keine Decharge? An der Generalversammlung der Grossbank in Basel geht es um Grundsätzliches.

Wie im Oktober 2008: Die UBS-Aktionäre kommen auch heute zur Generalversammlung in die St. Jakobshalle.

Wie im Oktober 2008: Die UBS-Aktionäre kommen auch heute zur Generalversammlung in die St. Jakobshalle.
Bild: Keystone

Live-Berichterstattung aus Basel

Die Führungsmannschaft der UBS muss sich heute an der Generalversammlung in Basel den Aktionären stellen. Dabei wird es nicht nur von Kleinaktionären Kritik hageln, auch institutionelle Anleger werden gegen gewisse Anträge des Verwaltungsrates stimmen.

Namentlich sind die beantragte Décharge des Managements für weiter zurückliegende Geschäftsjahre sowie der Vergütungsbericht der Grossbank umstritten. Möglich ist, dass eine Mehrheit der an der Generalversammlung vertretenen Aktienstimmen nicht im Sinne der UBS- Führungsriege stimmen wird.

Verschiedene Aktionärsgruppen und Beratungsfirmen, darunter die Anlagestiftung Ethos oder die amerikanischen Beratungsfirmen Glass Lewis und ISS, empfehlen bei der Entlastung und beim Vergütungsbericht ein Nein.

Zahlreiche Medien haben in den letzten Tagen gemutmasst, dass eine knappen Mehrheit gegen eine Entlastung der UBS-Führungsriege für das Geschäftsjahr 2007 sein könnte. Die Generalversammlung, die um 10.30 Uhr in der Basler St. Jakobshalle beginnt, gerät zum Showdown.

Ohne Décharge sind ehemalige UBS-Grössen wie Marcel Ospel, Peter Kurer, Marcel Rohner oder Peter Wuffli vor rechtlicher Belangung wegen ihrer Tätigkeit als Verwaltungsratspräsidenten und Konzernchefs nicht geschützt. Wird aber Entlastung erteilt, könnten zivile Klagen, zum Beispiel wegen der Finanzkrise oder der US- Steueraffäre, praktisch nur noch gegen die UBS gerichtet werden.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet wird live aus Basel berichten: Mit einem Nachrichtenticker, mit Analysen und Video-Interviews.

Stichworte

Selten gab eine Generalversammlung schon im Vorfeld so viel zu reden, wie jene der UBS (UBSN 11.15 -0.89%) heute in der Basler St. Jakobshalle. Dazu beigetragen hat der Eindruck, dass die Banken zwar aus der Finanzkrise halbwegs heil davon gekommen sind, aber nur wenig gelernt haben. Wohl sind die Risiken zurückgefahren worden, die Strukturen schlanker, einzelne Köpfe ausgewechselt. Aber die Boni bewegen sich noch immer in eigenen Sphären. Vorschläge, das Eigenkapital so deutlich zu stärken, dass der Staat in der nächsten Krise nicht wieder zu Hilfe eilen muss, werden als unzulässige Eingriffe taxiert. Die Finanzkrise wird als dumme Verkettung von Umständen gesehen, einzelne Banker sehen inzwischen den Staat wegen seiner zu lockeren Geldpolitik als Hauptverantwortlichen. Geschichtsbewältigung sieht anders aus.

Die UBS-Spitze will möglichst rasch zum Alltag zurückkehren. Den Aktionären wird beantragt, die Mitglieder des Verwaltungsrates und der Geschäftsleitung für 2007 bis 2009 zu entlasten. Aber ist es richtig, die UBS-Spitze für drei der turbulentesten Jahre auf dem Schweizer Finanzplatz pauschal von der Verantwortung zu entbinden? Viele Aktionäre zweifeln, und für einmal sind es nicht nur die notorisch Unzufriedenen unter den Kleinaktionären, sondern auch die grossen institutionellen Anleger.

Schlafender Riese erwacht

National und international haben sie sich inzwischen formiert, sich ethische Richtlinien gegeben und sind damit zu einem wichtigen Gegengewicht zu Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen geworden. Der oft zitierte schlafende Riese scheint definitiv erwacht. Schon vor zwei Jahren scheiterte der Antrag auf eine externe Sonderprüfung an der UBS-Generalversammlung nur knapp an den Depotstimmen. Jetzt mobilisiert die UBS-Führung erneut die Depotstimmen, trotzdem könnte es diesmal noch knapper werden.

So werden sogar Generalversammlungen interessant. Zwar gab es schon einmal Mitte der Neunzigerjahre ein Showdown an einer Generalversammlung im Zürcher Hallenstadion, als es darum ging, ob die Gruppe um Martin Ebner/Christoph Blocher ihre Macht bei der Schweizerischen Bankgesellschaft ausbauen könnte oder ob sie von der damaligen Führung zurückgedrängt wurde. Auch die unfreundlichen Übernahmeversuche von Werner K. Rey oder Tito Tettamanti führten an Generalversammlungen einst zu spannenden Abstimmungen mit den von ihnen angegriffenen Firmenleitungen. Bloss, ging es dort um Machtkämpfe – jetzt geht es um Grundsätzliches: Wie umgehen mit der Geschichte?

Das Zeichen wäre stark

Sollten die UBS-Aktionäre ihren Verwaltungsräten die Entlastung verweigern oder den Vergütungsbericht ablehnen, dann ist das noch nicht mehr als ein Zeichen. Deswegen allein wird sich keiner der damaligen Verantwortlichen für die Pleite mit den Subprime-Papieren verantworten müssen. Keiner wegen der abenteuerlichen Off-shore-Konstruktionen für amerikanische Privatkunden gerichtlich verfolgt werden. Aber die UBS-Spitze muss zur Kenntnis nehmen, dass die Aktionäre die Vergangenheit näher ausleuchten wollen.

Das Zeichen wäre stark: Die Aktionäre zeigen, dass ihnen die bisherigen Berichte nicht genügen. Sie wollen wissen, was im Detail schief lief 2007 und in den Jahren danach, und was davon voraussehbar gewesen wäre. Und natürlich: Wer, was, wann veranlasst und wer davon gewusst hat.

Vor Wiederholung schützen

Im Grunde müsste auch die betroffene UBS-Spitze an dieser Klärung ein Interesse haben. Wenn geschichtliche Debatten und Rechtsprozesse eine gesellschaftliche Wirkung haben, dann jene, vor Vorverurteilungen zu schützen. Und zu verhindern, dass sich ähnliches wiederholt. Das war der Wert der historischen Debatte um die nachrichtenlosen Konti und das war auch der Wert der Debatte um die historische Rolle der Schweiz im 2. Weltkrieg. Wer sein Bild zuvor schon klar hatte, sah es nachher nicht anders. Wer hingegen den offenen Blick behielt, sah es anschliessend differenzierter, facettenreicher. Es wäre erstaunlich, wenn ausgerechnet die Aktionäre dazu den Stein ins Rollen brächten, nachdem die Strafjustiz schon den Anfangsverdacht verneinte und die Politik sich bis heute schwer tut, ihren Teil der Verantwortung zu untersuchen. Denn eigentlich hätte die Strafjustiz noch immer die besten Möglichkeiten, die Fakten zu ermitteln. Selbst wenn, wie im Fall Swissair, am Ende nur wenig strafrechtlich Relevantes bleibt, verhindern sie, dass für Aussenstehende das Gefühl von Dunkelkammern bleibt. Und liefern wie im Fall der Swissair die Fakten für zivilrechtliche Auseinandersetzungen.

«Aktionäre sind dumm und frech», sagte einst der deutsche Bankier Carl Fürstenberg im 19. Jahrhundert. Dumm, weil sie Aktien kaufen, und frech, weil sie dafür Dividende verlangen. Heute können die UBS-Aktionäre zeigen, dass Fürstenberg nur zur Hälfte Recht hatte. Wer die historische Aufarbeitung einer der grösseren Erschütterungen des Schweizer Finanzplatzes gegen das Establishment anschiebt, mag frech sein. Dumm ist er nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2010, 06:09 Uhr

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14 Kommentare

Alexander Hartmann

14.04.2010, 09:57 Uhr
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@Semadeni: Es geht nicht immer um alles oder nichts! Untergang der UBS oder CS ... hören Sie auf damit! Es geht darum, dass Verantwortung wahrgenommen wird, von denjenigen, die das Debakel angerichtet haben. Wie kann man nur schon darüber diskutieren ob jemandem Décharge erteilt werden soll, der sich systematisch über Jahre bereichert hat und sich nicht einen Deut um die Firma schert. Antworten


Ernst Pauli

14.04.2010, 08:37 Uhr
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Die Grossaktionäre aus Fernost sind wohl längst von der GL der Bank kontaktiert worden. Dort ist man wohl daran interessiert, dass der Wert der Aktien raschmöglichst wieder hoch geht. Viel Solidarität mit der CH-Bevölkerung und deren Bauchgefühl ist kaum zu erwarten. Die UBS ist nicht mehr "unsere" Bank, obwohl wir leider trotzdem für sie den Kopf hinhalten müssen, wenns wieder schlecht geht. Antworten



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