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Schweinegrippe: Kritik an der späten Auslieferung des Impfstoffs
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Heute sind in der ganzen Schweiz Kühltransporte mit sensibler Fracht unterwegs: Der Bund lässt den Schweinegrippe-Impfstoff verteilen. «Bis spätestens Dienstagmorgen um neun Uhr werden alle Kantone über die Schweinegrippe-Impfstoffe verfügen», erklärte Thomas Zeltner, Direktor des Bundesamts für Gesundheit gestern Abend in der «Tagesschau».
Endlich also Impfstoff. Doch nicht alle sind begeistert von der Ankündigung. Hans Binz ist einer von ihnen: «Wir sind ganz eindeutig zu spät dran.» Binz ist nicht irgendein frustrierter Arzt, sondern Vizepräsident der Schweizer Impfkommission. Er hofft, «dass wir mit einem blauen Auge davonkommen. Aber bis die Impfung wirkt, dauert es noch mindestens zwei Wochen.»
Ende Oktober hatte das Heilmittelinstitut Swissmedic, das alle Medikamente zuerst prüft, bevor sie auf den Markt kommen, die beiden Impfstoffe Pandemrix und Focetria zugelassen. In der EU brauchte die Zulassungsbehörde dafür 23 Tage weniger lang. Ein Problem, sagt Binz von der Impfkommission, «denn wir hätten für Pandemrix einfach die europäische Zulassung übernehmen können. Ich weiss nicht, warum die Schweiz selber nochmal eine grosse Analyse machen muss.»
Swissmedic wehrt sich
Dem widerspricht Christine Beerli, Präsidentin von Swissmedic in einem Interview mit der Zeitung «Sonntag»: Es gebe «aus rechtlichen Gründen keinen Austausch von Daten wissenschaftlicher Studien». Man wolle das aber ändern. Im Übrigen habe die EU einen Wissensvorsprung gehabt und darum rascher abklären können.
Die ersten Lieferungen des Impfstoffs begannen bereits Ende letzter Woche. Ist der Impfstoff einmal in den Kantonen eingetroffen, sind diese verantwortlich dafür, wie sie mit den Impfungen selbst vorgehen. Der Bund empfiehlt, Risikogruppen - das Gesundheitspersonal, Schwangere, Säuglinge und Menschen mit chronischen Krankheiten - vor den anderen zu impfen. Als erster Kanton fing am Samstag bereits Solothurn mit dem Impfen einer Handvoll Kinder an.
Der Thurgauer Kantonsarzt Max Dössegger macht sich derweil Sorgen wegen der Kinder. Für sie stehe womöglich nicht genügend Impfstoff zur Verfügung. Patrick Mathys vom Bundesamt für Gesundheit entgegnet, beim Bund sei man «nach wie vor der Meinung, der Impfstoff reiche für die erste Impfrunde». Primär sollen nur Kinder mit chronischen Krankheiten geimpft werden, für Kinder unter 9 Jahren braucht es zwei Impfungen. «Für diese zweite Impfrunde sind wir bemüht, Lösungen zu finden», so Mathys weiter.
«Alles andere als Chaos»
In den Sonntagsmedien war von Chaos die Rede, weil jeder Kanton für sich am Werk sei. Jean-Marc Crevoisier, Informationschef des Innendepartements, widerspricht: «Es herrscht alles andere als Chaos.» Die Grippe verlaufe weit weniger schlimm als befürchtet, und der Bund stehe in regelmässigem Kontakt mit den Kantonen.
Und Mathys vom BAG fügt an: «Früher zu sein mit einer Impfung wäre natürlich ideal gewesen. Aber auch jene Länder, die bereits impfen, haben lange Wartelisten - selbst bei Risikogruppen, weil noch nicht genügend Impfstoff zur Verfügung steht.» Am wichtigsten sei jetzt die rasche Verfügbarkeit der Impfstoffe hierzulande.
Wann genau diese Woche im Kanton Zürich mit Impfen begonnen wird, weiss der Kantonsapotheker Werner Pletscher zwar noch nicht im Detail. «Aber wir sind bereit.» Die Diskussion, ob die Schweiz zu spät sei, hält er für obsolet. Niemand könne sagen, ob die Grippewelle nicht gleich anrollen würde, wenn man die ersten Schweizer zwei Wochen vorher geimpft hätte. Folglich will Pletscher nicht in den Chor der Kritiker einstimmen: «Alle sind unter Druck, alle geben sich Mühe, und man kann vernünftig zusammenarbeiten.»
Samuel Steiner, Kantonsapotheker im Kanton Bern, dagegen ist über die Zusammenarbeit mit dem Bund nicht nur glücklich. Pandemrix zum Beispiel, das nur in 500er-Packungen geliefert wird, werde erst auf massiven Druck der Kantone hin in kleinere Einheiten umgepackt. Zum Teil, so Steiner, habe er sich vonseiten des Bundesamtes für Gesundheit auch unvollständig informiert gefühlt.
Wer übrigens nicht einer Risikogruppe angehört, muss sich noch etwas gedulden, falls er eine Impfung gegen die Schweinegrippe wünscht. In einem Monat werden auch diese Dosen verfügbar sein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.11.2009, 07:58 Uhr
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