Schweinegrippe trifft Kinderspitäler besonders stark
Von Iwan Städler. Aktualisiert am 30.07.2009 1 Kommentar
Die bisherige Erfahrung mit der Schweinegrippe zeigt, dass vor allem Kinder und Jugendliche betroffen sind. Das stellt die Kinderspitäler vor gewaltige Herausforderungen. Denn ihre Kapazitäten sind knapp bemessen, weil Kinder in normalen Zeiten weniger oft im Spital sind als andere Altersgruppen. Jetzt droht ein Engpass. Nächste Woche wollen die Verantwortlichen der Universitäts-Kinderspitäler das Problem mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) besprechen.
Empfang mit Schutzmaske
Bereits heute sind viele Kinderkliniken täglich mit der Schweinegrippe konfrontiert. So klärt etwa das Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) bis zu 15 Verdachtsfälle pro Tag ab. Die jungen Patienten werden gleich am Eingang mit Schutzmasken, Handschuhen und Einwegschürzen empfangen und in separaten Räumen untersucht. Bei gut einem Dutzend Basler Kindern hat sich der Verdacht auf Schweinegrippe bisher bestätigt. Zwei davon mussten im Spital bleiben, sind aber nicht lebensbedrohlich erkrankt.
Beim Morgenrapport des UKBB ist die Schweinegrippe täglich ein Thema. «Im Moment stellen wir zwar noch keinen starken Anstieg fest, müssen aber wachsam sein», sagt Ulrich Heininger, Leiter der Infektiologie. «Die Leute kommen jetzt aus den Ferien zurück.» Im schlimmsten Fall erwartet Heininger bis zu 250 Schweinegrippe-Patienten pro Tag. «Dann müssen wir improvisieren und zum Beispiel aus Zweibettzimmern Vierbettzimmer machen.»
Operationen verschieben
Betroffen wären auch Kinder, die an anderen Krankheiten leiden. Sie müssen damit rechnen, dass ihre Behandlung verschoben wird, sofern diese zeitlich nicht dringlich ist. Das gilt zum Beispiel für Mandeloperationen. «Wahleingriffe können wir verschieben, ohne dass jemand stirbt», sagt Marco Rossi, Leiter der Infektiologie am Luzerner Kantonsspital. Genauso sehen es seine Kollegen in den andern Kinderspitälern. Was einfach klingt, dürfte aber noch für Diskussionen sorgen. «Das wird rote Köpfe bei den betreffenden Abteilungen geben», prognostiziert Rossi. Entscheiden wird am Schluss ein Pandemie-Sonderstab, in dem auch die Spitaldirektion sitzt.
Durch das Verschieben von zeitlich nicht dringlichen Operationen werden auch Narkosegeräte frei, die sich laut Rossi im äussersten Notfall zum Beatmen von schwer erkrankten Schweinegrippe-Patienten einsetzen lassen. Andere Kliniken sind dagegen skeptisch, ob sich ein Mangel an Beatmungsgeräten auf diese Weise beheben lässt.
Lungenkrankheit verstärkt Gefahr
Sicher ist, dass Kinder mit Asthma oder einer chronischen Lungenkrankheit im Fall einer Grippe am meisten durch Komplikationen bedroht sind und allenfalls beatmet werden müssen. Die Kinderkliniken haben daher vorgesorgt. «Wir haben schon vor längerer Zeit alte Geräte als Reserve behalten und entsprechend gewartet», sagt etwa Infektiologin Kathrin Mühlemann vom Berner Inselspital. Genauso machten es die Kinderspitäler in Zürich, Basel und Luzern. St. Gallen hat dagegen keine Geräte in Reserve und will nun zwei bis drei neue anschaffen. Spitalleiter Marco Fischer geht davon aus, dass diese trotz Lieferfrist von acht Wochen rechtzeitig eintreffen. Danach verfügt das Ostschweizer Kinderspital über insgesamt acht Beatmungsgeräte.
Zwölf Intensivstationsplätze gibts im Basler Kinderspital. Ulrich Heininger geht eher davon aus, dass sie ausreichen, da das Komplikationsrisiko bei der Schweinegrippe gegenwärtig nicht sehr hoch sei. Aber: «Niemand weiss es.» Sollten die Plätze nicht reichen, stehen die Ärzte vor heiklen Entscheiden: Welche Kinder werden angehängt und welche nicht?
Solche Fragen werden wohl auch beim Treffen von nächster Woche mit dem BAG diskutiert. Noch reichen die meisten Pandemiepläne nicht über die jeweiligen Kantonsgrenzen hinaus. Und viele Kantone verfügen über keine eigenen Kinderspitalbetten. «Wir werden versuchen, ein Konzept zu erarbeiten», sagt Christoph Berger vom Kinderspital Zürich, der das Treffen initiiert hat. Die Kinderspitäler sollen sich gegenseitig aushelfen, wenn die Kapazitäten eng werden. So wie es heute bereits bei den Frühgeborenen der Fall ist.
Im Notfall sollen die Eltern helfen
Eine Verlagerung in Spitäler für Erwachsene ist nur beschränkt möglich, da der Kinderorganismus eigenen Gesetzen gehorcht – vor allem jener von Kleinkindern. Schulkinder könnten dagegen laut Berger durchaus auch auf Erwachsenenstationen beatmet werden, womit sich der Druck auf die Kinderspitäler wenigstens ein bisschen lindern liesse.
Beatmungen sind nämlich sehr personalintensiv. Und der Engpass beim Personal wird wohl zur grössten Herausforderung für die Kinderspitäler. Zum einen werden sie aufgrund der Schweinegrippe mehr zu tun haben. Zum andern wird ein Teil des Personals selbst erkranken und damit ausfallen. Die Kinderspitäler gehen dieses Problem mit unterschiedlichen Strategien an, wobei die Arbeiten nicht überall gleich weit fortgeschritten sind:
Schichten verlängern: St. Gallen und Basel planen, das Personal um Überstunden zu bitten und so die Schichten der Pflege zu verlängern. Arbeiten die Pflegerinnen täglich zwölf statt acht Stunden, braucht es nur noch zwei statt drei Schichten. Luzern möchte dagegen auf solche Massnahmen verzichten, da man dort skeptisch ist, ob sich dies zwölf Wochen lang durchhalten lässt.
Pensionierte wieder einstellen: Das Basler Kinderspital will seine Pensionierten anfragen, ob sie im Notfall bereit wären einzuspringen. Entsprechende Verträge werden in diesen Tagen vorbereitet. In Zürich, Bern, Luzern und St. Gallen ist dies (noch) nicht geplant.
Ferien streichen: Die meisten Kinderspitäler denken daran, im Notfall Ferien zu verschieben und hoffen auf das Verständnis ihres Personals.
In Zürich und St. Gallen könnte man sich auch vorstellen, vermehrt die Eltern um Hilfe zu bitten – etwa beim Essen. Luzern wiederum schliesst nicht aus, die Bevölkerung zum freiwilligen Einsatz aufzurufen oder gar die Armee um Hilfe zu bitten. Marco Rossi hofft allerdings, trotz allem mit dem eigenen Personal durchzukommen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.07.2009, 07:01 Uhr
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1 Kommentar
Niemand hat bis heute eine seriöse Antwort geben können auf die Frage, was im Fall einer möglichen Grippe mit dem öffentlichen Verkehr geschehen wird. Sollte die Grippe tatsächlich eintreffen, wären ja nicht nur Kinder und Schüler, sondern auch Erwachsene betroffen. Auch der öffentliche Verkehr müsste doch grundsätzlich eingestellt werden, oder etwa nicht? Antworten
































