Schweiz ruft Kosovo zum Handeln auf

Das Schweizer Aussendepartement hat den Kosovo mit deutlichen Worten aufgefordert, zur Klärung der Organhandel-Vorwürfe beizutragen. Derweil geht Serbien von 500 Opfern der Organ-Mafia aus.

Hat mit seinem Bericht einen grossen Wirbel ausgelöst: Der Tessiner Dick Marty.

Hat mit seinem Bericht einen grossen Wirbel ausgelöst: Der Tessiner Dick Marty.

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«Es müssen nun durch die zuständigen Behörden - inklusive die internationalen - die nötigen rechtlichen Schritte eingeleitet werden», hiess es beim EDA auf Anfrage. Die EU-Mission EULEX führe bereits Untersuchungen zu Vorwürfen unmenschlicher Behandlung durch. «Hier ist nun in erster Linie die Justiz gefordert», verlangte das EDA.

Das Schweizer Aussendepartement ist selbst an der Mission beteiligt und finanziert Experten, die vor allem in der Abteilung Kriegsverbrechen tätig sind. Die Schweiz unterstützt laut Angaben des EDA seit langem die Anstrengungen zur Aufklärung zahlreicher Fälle verschwundener Personen im Zusammenhang mit den Konflikten in Ex-Jugoslawien.

Das Engagement der Schweiz habe insbesondere das Ziel die Rechtsstaatlichkeit im Kosovo zu stärken. Die Vorwürfe im Marty-Bericht seien «eher Argumente dafür», dass dieses Engagement weitergeführt werde.

Internationale Untätigkeit

Marty übt in seinem Bericht harsche Kritik an der internationalen Staatengemeinschaft, die aus Rücksicht auf politische Stabilität die Verfolgung von Verbrechen durch kosovarische Einheiten unterlassen habe.

Auch der Schweizer Europaratsabgeordnete Andreas Gross (SP/ZH) kritisierte am Donnerstag die Untätigkeit der westlichen Staaten. Der Bericht Martys zeige, dass die UNO und die EU-Mission EULEX aus politischem Pragmatismus nicht gehandelt hätten.

Und dies trotz der schweren Vorwürfe, die bereits von der ehemaligen Chefanklägerin des UNO-Kriegsverbrechertribunals Carla del Ponte vorgebracht worden seien, sagte Gross der Nachrichtenagentur SDA. Auch der Nachfolger von Del Ponte beim Kriegsverbrechertribunal, Serge Brammertz, habe «die Aufgabe nicht wahrgenommen», kritisierte Gross. Nun müsse auch das UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag stärker eingebunden werden.

«Eindrückliche Arbeit Martys»

Gross lobte die Arbeit Martys als beeindruckende Leistung im Kampf für die Menschenrechte. Bei der Präsentation seines Berichts seien viele Abgeordnete von den Fakten, die Marty präsentiert habe, «erschlagen gewesen». Er rechne damit, dass der Bericht am 25. Januar an der Plenarsitzung der Parlamentarischen Versammlung des Europarats mit grosser Mehrheit angenommen werde.

«Marty arbeitet präzise wie ein Staatsanwalt», sagte Gross. Er knüpfe damit an eine Arbeitsweise an, die er aus seiner früheren Tätigkeit als Staatsanwalt des Kantons Tessin kenne. Was Marty darlege habe Gewicht. Dies habe er den USA bereits durch seine Aufarbeitung der Geheimgefängnisse und illegalen Gefangenentransporte der CIA deutlich gemacht.

Die Verbrechen, welche Marty nun aufgedeckt habe, seien von grosser Tragweite. Er habe sich mit einer mächtigen Mafia angelegt. Der FDP-Ständerat und seine Frau stünden deshalb mittlerweile unter Personenschutz, ihr Haus im Tessin werde bewacht. (pbe/sda)

(Erstellt: 16.12.2010, 23:04 Uhr)

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Serbien spricht von 500 Opfern

Dem angeblichen illegalen Organhandel in der damaligen serbischen Provinz Kosovo sind nach Angaben Serbiens etwa 500 Menschen zum Opfer gefallen. Rund 400 von ihnen seien Serben gewesen, sagte der für Kriegsverbrechen zuständige serbische Staatsanwalt Vladimir Vukcevic am Donnerstag in Belgrad. Es komme nun darauf an, die Verbrechen zu verfolgen und die Hintermänner zur Verantwortung zu ziehen.

Wer die Ermittlungen führe, sei dabei «nicht wichtig», sagte Vukcevic. «Ohne eine Zusammenarbeit zwischen den Staatsanwälten im Kosovo, in Albanien und Serbien wird es in der Untersuchung keine Fortschritte geben.» Der Schweizer Jurist Dick Marty hatte am Dienstag einen im Auftrag des Europarats verfassten Bericht veröffentlicht, in dem er den gerade wiedergewählten kosovarischen Regierungschef Hashim Thaci und andere Führer der kosovarischen Befreiungsarmee UCK beschuldigte, während der Jahre 1998 bis 2000 am Handel mit den Organen serbischer Gefangener beteiligt gewesen zu sein.

Demnach soll es Beweise dafür geben, dass die UCK im Norden Albaniens Serben und abtrünnige Kosovo-Albaner in geheimen Gefängnissen «unmenschlicher und erniedrigender Behandlung» aussetzte. Zudem sollen Gefangenen Organe entnommen worden sein, die auf dem internationalen Schwarzmarkt an ausländische Krankenhäuser verkauft wurden. (AFP)

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