Schweizer Konsumenten kaufen kistenweise in Deutschland ein

Der schwache Euro lockt Schweizer in Scharen zum Einkaufen über die Grenze nach Deutschland. Tagesanzeiger.ch/Newsnet wollte wissen, wie es um die Preisunterschiede steht, und hat in Deutschland eingekauft.

Schnäppchenjagd: Ausser der Avocado und der Mango sind diese Waren in Deutschland günstiger.

Schnäppchenjagd: Ausser der Avocado und der Mango sind diese Waren in Deutschland günstiger. Bild: Andreas Blatter

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Ja, wir spüren den starken Franken», sagt Stephan Nittel, Juwelier des Schmuckgeschäfts Nittel in Freiburg im Breisgau. Zu seiner Kundschaft gehören seit dem erneuten Absacken des Euro nicht einfach nur Schweizer Konsumenten aus den Grenzkantonen, sondern neu aus der ganzen Schweiz. Und sparen lässt sich hier viel. Beispielsweise bei einem Fingerring der Schweizer Marke Piaget: Ohne die deutsche Mehrwertsteuer kostet der Ring in Deutschland 3300 Euro. Dies entspricht nach Verzollung knapp 4000 Franken. Der Juwelier in Genf verlangt für das identische Produkt 5200 Franken. «Die Eidgenossen erkundigen sich oft nach den Preisen von Schweizer Luxusuhren», sagt Nittel. Je nach Modell und Marke könnten die Preisunterschiede bis zu 40 Prozent ausmachen.

Beim Kundenservice eines Bekleidungsgeschäfts in Freiburg im Breisgau stehen die Schweizer Kunden Schlange. Sie lassen sich Ausfuhr- und Abnehmerbescheinigungen ausstellen, wollen so die deutsche Mehrwertsteuer von 19 Prozent zurückerstattet erhalten. «Die Papiere müssen am Zoll abgestempelt werden. Den Beleg mit dem Stempel kann man an unser Geschäft senden. Wir buchen dann die Mehrwertsteuer zurück», erklärt die Verkäuferin jedem Kunden geduldig. Eine Solothurnerin hat eben für ein Fest ein Kleid der deutschen Marke S. Oliver gekauft. Auf dem Preisschild steht 129,95 Euro. Ebenfalls aufgeführt ist der Schweizer Preis von 259 Franken. Und dabei kostet mittlerweile ein Euro fast gleich viel wie ein Franken.

20 Flaschen Olivenöl

Ortswechsel, Rheincenter in Weil am Rhein. Die Garage des Einkaufstempels platzt um 15 Uhr aus allen Nähten. Sowohl beim Hinein- wie auch beim Herausfahren stauen sich die Fahrzeuge. Parkiert sind unzählige Fahrzeuge mit dem CH-Schild. Es hat viele Berner, Solothurner und Luzerner. Sie nehmen einen langen Einkaufsweg in Kauf. Kein Wunder bei den zum Teil massiven Preisunterschieden.

«Lueg mau, Mami», sagt ein Teenager zur Mutter im Geschäft Marktkauf und zeigt auf die Zeitschrift «Gala». «Das isch grad dr haub Pris.» «Gala» kostet in der Schweiz 5.10 Franken, in Deutschland 2,60 Euro. Gerade bei Non-Food-Produkten sind die Preisdifferenzen teilweise riesig. Zwei Kugelschreiber kosten in der Schweiz 4.20 Franken, in Deutschland 0,90 Euro (1 Fr.). Zähneputzen mit Elmex kostet in der Schweiz 3.95 Franken pro Tube, in Deutschland 2,29 Euro (Fr. 2.50). Auch Naschen lässt es sich beim nördlichen Nachbarn billiger. Die Schleckmäuler bezahlen 0,85 Euro (0.95 Franken) für 100 Gramm Kinderschokolade, in der Schweiz kostet das Gleiche 1.45 Franken. Deutlich sind die Preisunterschiede auch bei Kosmetikprodukten.

Doch der Einkauf braucht Zeit. Der riesige, zweistöckige Laden Marktkauf ist ziemlich überfüllt. Zwischen den breiten Gestellen hat es kaum Platz. Überall stehen randvoll gefüllte Einkaufswagen. Manche Kunden zerren zwei Wagen mit sich herum. Gestapelt werden Pampers-Windeln, Babynahrung, Teigwaren, Fleisch oder Reis. Man fragt sich, ob an gewissen Orten eine Hungersnot droht. Wer braucht schon 20 Flaschen Olivenöl?

Schlechtes Gewissen

Im Gespräch mit Schweizern stellt man fest, dass sie sich beim Shoppen in einem Interessenkonflikt befinden. Einerseits bezahlt keiner gern mehr für das gleiche Produkt als andere. Andererseits ist eine Ohnmacht zu spüren gegenüber der alltäglichen Abzockerei in Schweizer Geschäften, vor allem bei den Markenartikeln. Doch trotz des massiv gesunkenen Eurokurses halten die Anbieter stur an den Preisen fest. «Geärgert habe ich mich schon bei einem Eurokurs von 1 Franken 50, wie dreist Europrodukte mit Faktor 2 oder teilweise noch mehr in Franken umgerechnet und verkauft wurden», sagt ein Berner. Jetzt, da der Kurs bei etwa 1.10 Franken liegt, würden Schweizer noch viel mehr über den Tisch gezogen. Eine Zürcherin sagt: «Ich habe zwar schon ein schlechtes Gewissen, an der Grenze einzukaufen. Vor allem wegen der Arbeitsplätze in der Schweiz.» Doch warum solle sie für Markenprodukte das Doppelte bezahlen, fügt sie rechtfertigend an.

An den unzähligen Kassen legen die Kunden ihre eingekauften Lebensmittel auf das Förderband. Die Kassiererinnen arbeiten speditiv. Man merkt, dass sie Übung haben. Einige Schweizer Kunden verpacken das Ganze in die mitgebrachten Coop- und Migros-Säcke.

Bis um 22 Uhr geöffnet

An der Grenze stehen die Schweizer Schlange, um ihre Formulare abzustempeln. Der Einkaufsbummel über die deutsche Grenze ist nichts Neues. «Neu ist, dass Schweizer aus allen Kantonen einkaufen, um den schwachen Euro zu nutzen», stellt ein Grenzwächter in Weil am Rhein fest. Der Einkaufsverkehr habe enorm zugenommen. Nicht nur am Wochenende würden die Schweizer vermehrt zum Einkaufen zum nördlichen Nachbarn gehen, auch an Werktagen. Das erstaunt nicht, sind doch viele Geschäfte an der Grenze bis um 22 Uhr geöffnet.

Viertel vor fünf in einer Coop-Filiale in Basel, nur ein Katzensprung entfernt von der Grenze. Die Filiale ist leer. Zwei Verkäuferinnen füllen gelangweilt Teigwaren in den Regalen auf. An der Kasse wartet ein Kassierer auf Kundschaft. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 10.08.2011, 11:45 Uhr)

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Zollbestimmungen

Die Limiten Pro Tag und Person dürfen Waren im Wert von 300 Franken abgabenfrei in die Schweiz eingeführt werden. Übersteigt der Gesamtwert der mitgeführten Produkte oder der im Ausland ausgeführten Reparatur- und Unterhaltsarbeiten – etwa am eigenen Auto – diesen Betrag, sind alle Waren und Kosten abgabepflichtig. Ein Zusammenrechnen für mehrere Personen ist bei Dienstleistungen gemäss der Zollverwaltung ausgeschlossen. Auch Nahrungsmittel sind im Rahmen der Wertfreigrenze von 300 Franken grundsätzlich abgabenfrei. Für sogenannte «sensible landwirtschaftliche Erzeugnisse» gibt es allerdings Limiten zu beachten. So darf ein Konsument beispielsweise nicht mehr als fünf Liter Milch oder ein Kilogramm Rahm und Butter einführen. Macht man es dennoch, ist ein Zuschlag von 16 Franken zu bezahlen. Obergrenzen bestehen auch für Kartoffelprodukte wie Chips oder Pommes frites (2,5 Kilogramm).rag

Österreich

Auch Vorarlberg profitiert vom starken Franken: Die Region verzeichnet mehr Touristen aus der Schweiz. Zudem fahren Tagesgäste zum Einkaufen über die Grenze nach Österreich und lassen mehr Geld als sonst liegen.

Für den Vorarlberger Tourismus, die Gastronomie und vor allem für den Detailhandel sei der starke Franken «eine sehr erfreuliche Geschichte», sagt Julius Moosbrugger, verantwortlich für den Bereich Lebensmittelhandel in der Vorarlberger Wirtschaftskammer (WKV).

Die Konsumenten gäben dank des günstigen Wechselkurses mehr aus. «Wenn sie sonst den Faktor 100 ausgeben, ist es derzeit eher der Faktor 110, 120», so Moosbrugger.
Im grössten Vorarlberger Einkaufszentrum, dem Messepark Dornbirn, bestätigt sich dieses Bild: Laut Marketingchefin Petra Walter verzeichnet man derzeit merklich mehr Schweizer Kunden. «Bisher lag ihr Anteil bei etwa 15 Prozent, derzeit sind es eher 20 Prozent.»

Sämtliche Branchen profitierten, besonders aber der Lebensmittelhandel, wo die Schweizer vor den Wochenenden jeweils Grosseinkäufe tätigen. Die Konjunkturforschungsstelle BAK Basel Economics errechnete kürzlich, dass die Schweizer Haushalte im laufenden Jahr rund 310 Millionen Franken mehr für Lebensmittel im grenznahen Ausland ausgeben werden als im Vorjahr.

Die Hotellerie profitiert ebenfalls vom harten Franken. Von Mai bis Juni 2011 buchten rund 30500 Gäste aus der Schweiz und Liechtenstein fast 82000 Übernachtungen. Das ist gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Plus von 6,2 Prozent respektive 3,8 Prozent.
Besonders gut nützen konnte die Situation die Region Bodensee-Vorarlberg mit einem Zuwachs von Übernachtungen aus der Schweiz von 25,1 Prozent. Auch der Bregenzerwald (plus 5,6 Prozent) und das Kleinwalsertal (plus 15,2 Prozent) legten bei aus der Schweiz gebuchten Übernachtungen zu.

Laut Auskunft von Wolfgang Juri, Tourismus-Fachgruppengeschäftsführer der WKV, sind diese Zuwächse bei den Hotels durchwegs auf den Frankenkurs zurückzuführen. sda

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