Schweizer Liebesgrüsse aus der DDR

Ein deutscher Historiker hat die diplomatischen Beziehungen der Schweiz zur DDR untersucht. Dabei ist er auf wunderliche Depeschen des Schweizer Botschafters gestossen.

«Gross war der Alkoholkonsum»: Nüchterner Blick auf die historische Nacht auf den 3. Oktober 1990. Foto: Michael Pladeck (Interfoto)

«Gross war der Alkoholkonsum»: Nüchterner Blick auf die historische Nacht auf den 3. Oktober 1990. Foto: Michael Pladeck (Interfoto)

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Das Feuerwerk war teuer, die Musik laut, und natürlich wurde getrunken: In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 feierte Berlin das erste Fest der deutschen Einheit. Eine historische Nacht, könnte man meinen – doch am letzten Schweizer Botschafter in der DDR ging das irgendwie vorbei. «Von einer Feststimmung war kaum etwas zu spüren», schrieb Franz Birrer nach Bern. Er sei in privater Funktion durch Berlin flaniert und habe festgestellt: Gross war nicht die Euphorie, sondern «vor allem der Alkoholkonsum». Offenbar sei es nun auch im Osten üblich, schloss der Diplomat, dass sich die Männer an den Hauswänden erleichterten.

Birrers leicht griesgrämige Depesche aus Ostberlin ist Teil eines neuen Buchs des deutschen Historikers Bernd Haunfelder, das dieser Tage unter dem Titel «Die DDR aus Sicht schweizerischer Diplomaten» erschienen ist – und das zu einem kontroversen Artikel im «Spiegel» führte. Haunfelder lehrt an der Universität Münster und hat schon früher zur Schweizer Geschichte publiziert. Sein neues Buch enthält bisher unveröffentlichte Berichte der drei Botschafter, die die Schweiz von 1982 bis 1990 in der DDR vertraten – bis diese als Staat unterging. Die Dokumente stammen aus dem Eidgenössischen Aussendepartement.

Fehlende kritische Distanz

Einen grossen Teil seiner Publikation widmet Haunfelder Franz Birrer, dem letzten der drei Botschafter. Dafür gibt es gute Gründe: Birrer war ein erfahrener Diplomat mit Stationen in Europa und Afrika, als er im Herbst 1987 in die DDR versetzt wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Schweizer Vertreter die offenkundigen Schwächen ihres Gastlands blossgelegt, wie die von Haunfelder gesammelten Depeschen zeigen; sie hatten sich an den Widersprüchen der Staatsführung ebenso gestört wie anderen Versuchen, den Sozialismus schönzureden. Doch mit Birrers Antritt, schreibt Haunfelder, habe die Berichterstattung nach Bern «an kritischer Distanz» verloren.

Für Birrer waren DDR-Bürger, die sich nach Westen absetzten, keine echten Flüchtlinge.

Tatsächlich zeigte Birrer nicht erst in der Nacht der Einheitsfeier eine eigenwillige Einschätzung der Lage. Mehr als einmal übernahm der Diplomat die politischen Anschauungen der DDR-Führung «unbeanstandet», wie es Haunfelder nennt. In den Depeschen zeigt sich das laut Haunfelder zum Beispiel dort, wo Birrer die Mauer mit den wirtschaftlichen Argumenten der DDR-Führung erklärt. Diese seien «nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen», denn Tatsache sei nun einmal, dass in West- und Ostdeutschland unterschiedliche Lohn- und Preisniveaus gälten.

Wenn Birrer, ein promovierter Jurist, von der Mauer schrieb, setzte er sie oft in Anführungszeichen. Dasselbe tat er, wenn es um den Schiessbefehl der DDR-Grenzwachen gegen Fluchtwillige ging. Die von ihm selbst gestellte rhetorische Frage, ob es den Schiessbefehl überhaupt gebe, beantwortete er mit formaljuristischen Verweisen auf das DDR-Gesetz (alleine in Berlin starben bis 1989 mindestens 136 Menschen bei Fluchtversuchen an der Mauer).

Überhaupt waren für Birrer DDR-Bürger, die sich nach Westen absetzten, keine echten Flüchtlinge: Die geltende völkerrechtliche Definition erfüllten sie nicht, weil es sich dabei um Leute handle, die ihr Land primär wegen des grösseren Wohlstands im Westen verliessen. Darin würden sie von der Bundesrepublik noch ermutigt. Der Schweizer Botschafter habe die immensen Probleme der DDR in seinen Berichten weitgehend ausgeblendet, schreibt Haunfelder – und für ihren Untergang vor allem die Bundesrepublik verantwortlich gemacht mit ihrem verfassungsmässigen Anspruch, die Wiedervereinigung Deutschlands herbeizuführen.

Auf Hasenjagd mit Honecker

Der Vertreter der Schweiz, die sich trotz Neutralität zum Westblock zählte, als DDR-Versteher? Wahrscheinlich ist das verkürzt: In Birrers Berichten finden sich auch viele Passagen, in denen er sich kritisch zu den Vorgängen in der DDR äussert. Er habe seine Berichte nach bestem Wissen und Gewissen verfasst, sagt der heute 84-Jährige, und Historiker Haunfelder die Erlaubnis für die vorzeitige Aufhebung der Schutzfrist gegeben. «Als Diplomat war es nicht meine Aufgabe, in das allgegenwärtige DDR-Bashing einzustimmen.»

Und doch unterschied sich Birrer im Ton von seinen Vorgängern.

Es möge sein, dass die eine oder andere Beurteilung rückblickend falsch gewesen sei. In seinem Schlussbericht habe er aber seine Grundhaltung gegenüber der DDR klar zum Ausdruck gebracht – etwa mit der Betonung, dass sich der Staat bis zuletzt durch «stalinistische Strukturen und Verhaltensweisen» ausgezeichnet habe.

Und doch unterschied sich Birrer im Ton von seinen Vorgängern. Deutlich wird das in einem Bericht von Peter Dietschi, Botschafter von 1982 bis 1987. Dietschi begleitete eine Hasenjagd von Staatschef Erich Honecker – und schrieb darüber einen beissenden Kommentar. 500 «als Volk verkleidete Stasi-Beamte» hätten dem Sonderzug des Regimes auf dem Weg ins Jagdgebiet zugejubelt. Fazit von Honeckers Treibjagd: 1003 erlegte Hasen, 3 Füchse und ein wildernder Hund. «23 Hasen liefen, selbstverständlich rein zufällig, dem schiessfreudigen und trotz seiner 71 Jahre offenbar noch immer recht treffsicheren SED-Chef vor die Flinte», notierte Dietschi.

Das Botschafterleben in der DDR: Es konnte ziemlich unterhaltsam sein.

Bernd Haunfelder (Hrsg.): Die DDR aus Sicht schweizerischer Diplomaten 1982 - 1990. Aschendorff, Münster 2017. 358 S., ca. 40 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2017, 18:50 Uhr

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