Schweizer Muslime sind wütend, enttäuscht und vor den Kopf gestossen
Von Maurice Thiriet. Aktualisiert am 01.12.2009
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Das Minarettverbot hat seine symbolische Wirkung nicht verfehlt. Vier prominente Schweizer Muslime sind tief getroffen. Der irakischstämmige Schweizer Filmemacher Samir macht aus seiner Enttäuschung über den Abstimmungsausgang keinen Hehl. Das Ergebnis sei eine «Ohrfeige für die Schweizer Bourgeoisie und die Quittung für den Regierungsstil der Verdrängung», sagt Samir und vermutet hinter der Missstimmung gegenüber den Muslimen den Frust über die wirtschaftliche Öffnung der Schweiz, die nicht allen mehr Wohlstand gebracht habe. «Die nicht integrierten Schweizer Unterschichten, Opfer der Globalisierung, stimmen Ja und trampeln damit auf ihren angepassten Kollegen aus dem Balkan und der Türkei herum, meinen aber eigentlich die Politik ihrer Chefs», sagt Samir.
Und: «Die studierten Kleinbürger aus den Fachhochschulen stimmten Ja, weil sie irgendwie ihren Unmut loswerden wollten über die hochqualifizierte Konkurrenz aus den EU-Ländern», sagt Samir. Markige Worte hat er auch für die ländliche Bevölkerung parat, die er für das Abstimmungsresultat verantwortlich macht: «Die Appenzeller haben massiv Ja gestimmt, weil sie in ihren Krachen noch nie einen Muslim entdeckt, dafür in Libyen gesehen haben, wie ein verrückter Oberst ihren Bundesrat unanständig behandelt.» Samir ortet in dem Votum einen stillen Protest gegen die Elite.
Ohne Gemeinschaftsgedanken
Adel Abdel-Latif, Arzt und ehemaliger Mister Schweiz, bezeichnet das Abstimmungsresultat als «Schweizer Tragödie». Er will laut aussprechen, was viele seiner Meinung nach nur zu denken wagen. «Das ist Rassismus in seiner Reinstform. Eine Religionsgemeinschaft wird ganz bewusst von einem sozialen Gemeinschaftsgedanken ausgeschlossen», sagt Abdel-Latif. Die Stimmbürger seien auf die Methoden der Befürworter im Abstimmungskampf hereingefallen: «Das Resultat kam anhand von islamophoben Parolen zustande, die an den Haaren herbeigezogen waren. Das hat mich erstaunt und beängstigt.»
Soul-Sängerin Emel, Schweizerin mit türkischen Wurzeln, äusserte sich im Interview mit «20 Minuten online» ähnlich pointiert. «Ich bin total frustriert; diese Ohrfeige brennt noch immer auf meiner Backe», sagte Emel. Es sei enttäuschend, dass «so viele den Lügen der Initianten Glauben geschenkt haben» und besonders für die integrierten Muslime ein Schlag ins Gesicht. Denn diese hätten sich ein Leben lang um ihre Integration in der Schweiz bemüht. Mit den Befürwortern der Initiative geht sie unmissverständlich hart ins Gericht: «Die sollen das selbst im Gebet mit Gott ausmachen, ob sie richtig gehandelt haben oder nicht.»
Gefühl des Ausgegrenztseins
Etwas zurückhaltender drückt sich Sibel Arslan aus. Die 29-jährige türkischstämmige Basler Grossrätin sagt, sie sei von der «Klarheit des Resultats überrascht worden». Arslan, Juristin und Vorstandsmitglied von Secondos Plus, ist in ihren Grundfesten erschüttert worden. «Ich hatte ein grosses Vertrauen in die Schweiz als demokratisches Land, das allen Menschen verfassungsmässige Rechte garantiert. Dieses Vertrauen ist in Frage gestellt und einer tiefen Enttäuschung gewichen», sagt Arslan. Das Abstimmungsergebnis werfe für sie die Frage auf, ob die Verfassung für alle Menschen gelte oder ob nun eine Zweiklassengesellschaft Einzug halte. Insbesondere für diejenigen Muslime, die sich um eine Integration bemüht hätten, stellen sich laut Arslan nun grundlegende Fragen zum Verhältnis gegenüber ihrem Gastland. «Da fragt man sich doch. Bin ich noch willkommen? Bin ich erwünscht? Gehöre ich dazu?», sagt Arslan. Dieses Gefühl des Ausgegrenztseins mache jahrelange Integrationsarbeit zunichte.
Arslan geht mit Adel Abdel-Latif einig, dass die Initianten geschickt am eigentlichen Thema vorbei argumentiert hätten, um Stimmen zu gewinnen. Und sie sagt, dass wohl viele Frauen islamfeindlichen Reflexen nachgegeben hätten. «Der Abstimmungskampf hat sich auf Nebenschauplätzen abgespielt. Permanent vorgebrachten Schlagworten wie ‹Scharia› und ‹Burka› sind wohl insbesondere auch viele Frauen aufgesessen», sagt Arslan. Diese symbolische Debatte habe mit Minaretten aber gar nichts mehr zu tun gehabt: «Für die meisten islamischen Vereine ist ein Minarett gar kein Thema und war auch nie eins», sagt Arslan. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.12.2009, 06:17 Uhr
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