Schweiz

Sein Kapital sind sein Einsatz und seine Glaubwürdigkeit

Von Hannes Nussbaumer. Aktualisiert am 28.11.2011 96 Kommentare

Gewerkschafts-Boss Paul Rechsteiner, der den SVP-Präsidenten Toni Brunner bodigte und nun in den Ständerat einzieht, kämpft für Arbeiter und Kleinverdiener. Der St. Galler stammt selbst aus einfachen Verhältnissen.

1/5 Seine Wahl ist eine Sensation: Dass der SP-Nationalrat Paul Rechsteiner den Sprung in den St. Galler Ständerat schaffen würde, hätte zu Beginn des Wahlkampfs niemand gedacht.
Bild: Keystone

   

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Als Paul Rechsteiner im Frühjahr seine Ständeratskandidatur bekannt gab, galt diese als aussichtslos. Dass er beteuerte, er sehe eine Chance, klang nach Zweckoptimismus. Liest man die damaligen Analysen des gestern Gewählten wieder, erscheinen diese nun in ganz neuem Licht: Offenbar hat der St. Galler Politiker etwas kommen sehen, was kaum jemand sonst gesehen hat.

Er spüre, wie sehr die soziale Frage die Leute beschäftige, sagte Rechsteiner im Februar. Dutzende von Gesprächen hätten ihm klar gemacht, «wie stark das Bedürfnis nach einem Aufbruch ist». «Die gewerkschaftlichen Themen gehören ins Zentrum der Debatte.»

Ein bisschen widerborstig

Es sind dies Paul Rechsteiners politische Lebensthemen. Er – laut Parlamentarierrating einer der am weitesten links stehenden SP-Nationalräte – kämpft seit 25 Jahren in Bern für anständige Löhne und gegen Rentenkürzungen. Seit 1998 tut er dies sogar in doppelter Funktion: als Nationalrat, inzwischen als amtsältester, und als Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds.

Rechsteiner kam 1952 im Osten der Stadt St. Gallen zur Welt. Zusammen mit drei Geschwistern wuchs er in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Der Vater war Hilfsarbeiter, die Mutter Putzfrau. Rechsteiner kennt das Leben ganz unten aus eigener Erfahrung. Diese sei sein «Treibstoff, etwas verändern zu wollen». Gleichzeitig verschafft sie ihm Glaubwürdigkeit – und dies in einem Mass, dass er jetzt sogar eine Mehrheitswahl zu gewinnen vermochte.

Er kennt das Leben ganz unten

Das ist umso erstaunlicher, als Rechsteiner weder ein guter Rhetoriker noch ein Charismatiker ist. Dazu kommt, dass er sich gern ein bisschen widerborstig gibt. Über sein Privatleben ist wenig bekannt, Homestorys meidet er. Das Kapital von Politiker Rechsteiner ist sein Einsatz, seine Hartnäckigkeit, seine Geradlinigkeit.

Rechsteiner ist kein Mitte-links-Politiker wie seine künftige Aargauer Ratskollegin Pascale Bruderer, kein breit abgestützter Sozialdemokrat mit Exekutiverfahrung wie der Berner Neo-Ständerat Hans Stöckli. Dass der St. Galler gleichwohl stets mit gutem Ergebnis in den Nationalrat gewählt wurde, hängt auch damit zusammen, dass er als Rechtsanwalt einen hervorragenden Ruf besitzt. Dieser reicht weit über den Kreis der SP-Stammwähler hinaus.

Rechsteiner eröffnete nach dem Jura-Studium ein Anwaltsbüro in St. Gallen. Fortan nahm er sich vor allem des Arbeits-, Sozialversicherungs- und Strafrechts an. «Vor allem in diesen Bereichen spiegeln sich die Machtverhältnisse», erklärt er. Namentlich als Strafverteidiger erwarb sich der Sozialdemokrat ein exzellentes Renommee. Bis heute vertritt er regelmässig unspektakuläre Kleinkriminelle vor Gericht.

Keine halben Sachen

Rechsteiner ist freilich auch jener St. Galler Anwalt, der es schaffte, die Weltpresse in das St. Galler Bezirksgericht zu locken. Dies, indem er erfolgreich die Rehabilitierung des St. Galler Polizeihauptmanns Paul Grüninger anstrebte, der kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Tausenden von jüdischen Flüchtlingen die Einreise in die Schweiz ermöglichte. Weil er Vorschriften verletzt hatte, wurde er entlassen und verurteilt.

Mit seiner Ständeratswahl hat Rechsteiner der SP einen spektakulären Triumph beschert. Es ist ihm gelungen, was er Ende Februar angekündigt hatte: In seinen Kreisen herrsche «grosser Pessimismus», sagte er damals. Doch es blieben sieben Monate, um dies zu ändern. Er wolle dazu beitragen – «und wenn ich etwas mache, dann mache ich es nicht halbherzig». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.11.2011, 07:23 Uhr

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96 Kommentare

Mike Glarner

28.11.2011, 08:12 Uhr
Melden 114 Empfehlung

Herzliche Gratulation, Paul Rechsteiner. Ein Sieg für einen Politiker, der sich tatsächlich für das Volk einsetzt, anstatt nur im Wahlkampf dies vorzugaukeln. Antworten


martin tschuemperlin

28.11.2011, 08:04 Uhr
Melden 100 Empfehlung

Das ist ja eine totale Überraschung - alle haben ihn für den
Steigbügel von Toni Brunner angesehen und nun das!
Ich mag es ihm von Herzen gönnen - er ist Don Quijjote gegen
die unhaltbaren Windmühlen des Kapitalismus!
Aber ich wünsche der Ostschweiz, dass er viele Arbeitsplätze
erhalten kann.
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