Selbst geschiedene Väter werden zu Priestern geweiht

In den Bistümern Chur und Basel werden neuerdings geschiedene Männer zu Priestern geweiht. Die Kirchenleitung tabuisiert das Thema und spricht von Ausnahmefällen.

Der angehende Priester Rolf Zimmermann-Köhler ist geschieden und Vater von fünf Kindern. Ein Novum.

Der angehende Priester Rolf Zimmermann-Köhler ist geschieden und Vater von fünf Kindern. Ein Novum.
Bild: Nicola Pitaro

Die Pfarrei Alpnach in Obwalden hat seit kurzem einen geschiedenen Priester als Pfarrer: Den 55-jährigen Oskar Planzer. Der gelernte Elektromonteur und spätere Reallehrer ist ein Spätberufener und wurde 2005 zum Priester geweiht.

Dabei sind die Vorgaben des Kirchenrechts klar: Das Priesteramt ist an den Zölibat gebunden. Priester, die in einer festen Beziehung leben, müssen ihren Beruf aufgeben. Verheiratete Männer können gar nicht erst Priester werden. Geschiedene jetzt offenbar sehr wohl – obwohl die Kirche auf der Unauflöslichkeit der Ehe besteht. Für sie war Panzers Ehe aber gar nie gültig, weil er nie kirchlich verheiratet war. Dies musste Planzer mit einer «administrativen Eheungültigkeitserklärung» bescheinigen.

Für den Kirchgemeindepräsidenten von Alpnach, Daniel Albert, ist Planzers Zivilstand Privatsache und seine Weihe Sache des Bischofs. Planzer selber fühlt sich in Alpnach akzeptiert. Opposition habe er nie gespürt. Allerdings sorge sein Zivilstand «geschieden» bisweilen für Verwirrung. Der Zölibat ist für ihn eine mögliche Lebensform, die aber freiwillig sein sollte. Er findet es mutig vom Bistum Chur, einen Geschiedenen zu weihen. Glaubt aber nicht, dass das Schule machen wird: «Ich bin mit meinem Status im Bistum ein Unikum». Auch Josef Annen, der als Leiter des Churer Priesterseminars dem Bischof die Priesterweihe von Planzer empfohlen hat, kennt «unter den Priestern sonst niemanden in dieser Situation».

Kirche annulliert Ehen grosszügig

Das zeigt, wie sehr die Kirche das Thema tabuisiert. Denn weitere Priester, die einmal verheiratet waren, sind leicht zu finden. Gerade hat eine Pfarrei im Kanton Zürich vom Churer Bischof Huonder einen geschiedenen Priester erhalten – ohne deren Wissen. Der Pfarrer möchte nicht mit Namen genannt werden, weil das, wie er sagt, grosses Leid über ihn und die Pfarrei bringen würde. Bei ihm ist die Situation auch etwas schwieriger als bei Planzer. Er war kirchlich verheiratet und musste seine Ehe annullieren lassen. Doch die Kirche zeigte sich bei Laientheologen in den letzten Jahren grosszügig, wenn es darum ging, die Ehe annulieren zu lassen. Ebenso grosszügig weihte sie verwitwete Männer zu Priestern. Geschiedene im Priesteramt sind jedoch ein Novum.

Ein umstrittenes Novum: Das zeigt der Fall des geschiedenen Theologen Stephan Schmitt, Gemeindeleiter von Zeihen und Hornussen im Aargau. Auch er ist geschieden und will sich nächstes Jahr zum Diakon und später zum Priester weihen lassen. Er wisse um die Problematik; in der Gemeinde gebe es dazu ganz unterschiedliche Stimmen. So komme es vielen absurd vor, wenn ein geschiedener Priester wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion verweigern müsse, weil sie gemäss Kirchenrecht in Sünde lebten.

Ein Schreiben an die Gemeinde

Der Leiter des Luzerner Priesterseminars Christoph Sterkman versuchte, solch unbequemen Fragen mit einer Mitteilung an Schmitts Gemeinde zuvorzukommen: «Etliche Gläubige werden fragen: Wie ist das möglich, dass ein Mann, der verheiratet war und dessen Ehe geschieden wurde, zum Priester geweiht werden kann?» Vor vier Jahren habe das kirchliche Ehegericht die Ungültigkeit von Schmitts Ehe festgestellt, «was zur Folge hat, dass die sakramentale Ehe nicht gültig zustande kam und die Partner kirchlich als ledig zu betrachten sind». Auch Sterkman betont, er kenne sonst keinen Fall von angehenden Priestern, die zivilrechtlich geschieden seien. Für ihn sei die Situation von Stephan Schmitt neu, und er habe sie gründlich geprüft. Er könne nicht sagen, ob künftig geschiedene Männer leichter Zugang zum Priesteramt hätten. Sterkman zufolge geht es jedenfalls nicht an, eine Ehe zu annullieren, um Priester werden zu können.

Schmitt versichert denn auch, dass er seine Ehe nicht mit Blick aufs Priestertum habe annullieren lassen. Damals habe er gar nicht an die Priesterweihe gedacht. Er ist ferner überzeugt, dass dieser Weg vom Basler Bischof Kurt Koch nicht empfohlen werde. So wisse er von keinem anderen Priester mit Zivilstand «geschieden».

Allerdings will sich ausgerechnet in der Nachbarpfarrei Herznach Schmitts geschiedener Kollege Rolf Zimmermann-Köhler zum Priester weihen lassen. Der Gemeindeleiter von Herznach ist bereits Diakon und war 25 Jahre lang verheiratet, ehe er sich vor drei Jahren scheiden liess. Der fünffache Vater hilft mit, das Kind seiner 18jährigen Tochter aufzuziehen.

Kirche soll Reglement überarbeiten

Für ihn ist das Annulationsfahren klar Mittel zum Zweck – er tut es, um Priester zu werden. Er stehe deswegen in direktem Kontakt mit Bischof Koch, sagt Zimmermann-Köhler. Der Bischofsrat sei ohnehin der Ansicht, dass die geschiedenen kirchlichen Mitarbeiter, sofern möglich, ihre Ehe annullieren lassen sollten, um saubere Verhältnisse zu schaffen. Tatsächlich hat das Ehegericht der Diözese Basel erstinstanzlich Zimmermanns Ehe aufgelöst. Die Annulation ist jetzt in zweiter Instanz beim Schweizerischen Kirchlichen Gericht in Freiburg hängig – so wie es das Verfahren vorschreibt.

Zimmermann weiss, wie gross der Widerstand gegen die Weihe von Geschiedenen ist. Deshalb fordert er die Kirche auf, die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt generell zu überarbeiten. «Auch Frauen und verheiratete Männer sollen Priester werden dürfen. Für mich ist die Weihe nicht ans Geschlecht oder den Zivilstand gebunden. Sie ist eine Berufung». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2008, 07:09 Uhr

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