«Sie haben grosse Angst, dass sie wieder entführt werden»
Von Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 13.11.2009
Seit 16 Monaten wartet Bruna Hamdani auf ihren Mann, der in Libyen festgehalten wird. Rachid Hamdani und Max Göldi, die zweite Schweizer Geisel, befinden sich seit Montag wieder in der Schweizer Botschaft in Tripolis. Am Donnerstag gaben die libyschen Behörden bekannt, dass die beiden Schweizer vor Gericht gestellt werden - wegen Visa-Vergehen und neuerdings wegen Steuerdelikten.
In einem ausführlichen Interview mit der Westschweizer Zeitung «Le Matin» geht nun Bruna Hamdani in die Offensive - und sie appelliert an die Familie des libyschen Revolutionsführers. Die Frau der schweizerisch-tunesischen Geisel hofft, dass die Familie Ghadhafi ihre menschliche Seite zeigt. «Wenn uns jemand noch helfen kann, ist es die Familie Ghadhafi.» Sie denkt vor allem an einen Sohn Ghadhafis, «Seine Exzellenz Saif al-Islam», der eine humanitäre Stiftung führt. Sie wisse nicht, was in dieser Geschichte gespielt werde. Sie frage sich: «Wer soll hier eigentlich bestraft werden?»
Ghadhafi soll Grossherzigkeit zeigen
Bruno Hamdani würde sich nicht fürchten vor einem persönlichen Treffen mit Ghadhafi. «Ich würde ihn höflich fragen, ob er sich im Klaren sei, was in den letzten 16 Monaten passiert ist. Ob er die Briefe von mir und der Frau von Max Göldi erhalten und gelesen hat. Mein Oberst Ghadhafi, es ist der Moment gekommen, Grossherzigkeit zu zeigen.» Ghadhafi sei ein Mann wie jeder andere, sagt Hamdani. «Sein Familiensinn muss aber sehr stark sein. Er macht alles, um seine Kinder zu beschützen. Die Ghadhafis fühlen sich in ihrer Ehre verletzt. Sie haben das Recht, zornig zu sein.» Aber: Warum seien ihre Männer, die nichts Schlechtes getan hätten, festgenommen worden, sagt Bruna Hamdani. Sie könne darin keinen Sinn erkennen.
Ihr Mann und der zweite in Libyen festgehaltene Schweizer hätten die Zeit von Mitte September bis am letzten Montag, in der sie als verschwunden galten, in einer bewachten Villa zugebracht, sagte die Frau weiter. Die beiden Männer hätten zwar genug zu essen und Zugang zu Medikamenten gehabt, aber in zwei separaten, abgesperrten Zimmern gelebt: «Sie konnten nicht miteinander sprechen und wurden dauernd überwacht.» Sie sei beinahe in Ohnmacht gefallen, als nach 53 Tagen erstmals wieder die Stimme ihres Mannes am Telefon gehört habe. «Für einen kurzen Moment waren wir beide emotional sehr überwältigt, wir haben uns aber rasch wieder gefangen.» Sie habe ihren Gatten ängstlich und verunsichert erlebt, sagt die Frau. «Mein Mann und Max Göldi würden die Schweizer Botschaft am liebsten nicht mehr verlassen. Sie haben sehr gross eAngst, dass sie wieder entführt werden.» Laut Bruna Hamdani leben die beiden Geiseln in der Schweizer Botschaft auf einer eigenen Etage. Sie arrangieren sich, machen gemeinsam den Haushalt. Und sie schauen zusammen TV5.
Weder Medikament noch Psychotherapie
Bruna Hamdani macht seit mehr als einem Jahr eine sehr schwierige Zeit durch. In dieser Zeit habe sie gelernt, dass sie viele persönliche Ressourcen habe, um die Situation einigermassen zu bewältigen. Sie leide zwar regelmässig an Magenproblemen. Dennoch nehme sie keine Medikamente und habe auch keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen. «Ich habe gelernt, dass man Vertrauen haben muss in seine eigenen Fähigkeiten, schwierige Prüfungen zu meistern.» Bruna Hamdani macht sich selber Mut: «Ich sage mir immer wieder, dass er irgendwann zurückkommt.»
Rachid Hamdani und Max Göldi werden seit Beginn der so genannten Affäre Ghadhafi von den libyschen Behörden festgehalten. Diese begann mit der Verhaftung eines Sohnes des libyschen Staatschefs Muammar Ghadhafi, Hannibal, und dessen Frau am 15. Juli 2008 in Genf. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.11.2009, 10:24 Uhr
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