Hintergrund

Sie sind randvoll, wenn «es» passiert

Bei fast jedem zweiten Fall von häuslicher Gewalt spielt Alkohol eine Rolle. So lautet der Befund einer Studie im Auftrag des Bundes. Eine schweizweite Notrufnummer soll die Opfer besser schützen.

Alkohol gilt oft als Entschuldigung für Gewalt gegen die Ehefrau: Ehepaar (gestellte Aufnahme).

Alkohol gilt oft als Entschuldigung für Gewalt gegen die Ehefrau: Ehepaar (gestellte Aufnahme). Bild: Keystone

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Männer, die ihre Frauen schlagen, vergewaltigen oder bedrohen, tun dies häufig im Alkoholrausch. Eine gestern veröffentlichte Studie im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) hat erstmals den Zusammenhang zwischen Alkohol und häuslicher Gewalt untersucht. Von rund 1200 befragten Frauen, die sich im vergangenen Jahr an eine Opferberatungsstelle wandten, berichtete fast die Hälfte von Alkoholproblemen in der Beziehung. «Wenn Alkohol im Spiel ist, braucht es nur eine, zwei Bemerkungen, bis ein Mann ausrastet», sagt Christine von Salis, Psychologin und Präsidentin des Fachverbandes Gewaltberatung Schweiz (FVGS). Sie betreut im Kanton Baselland Männer, die bereits zugeschlagen haben.

Die Männer besuchen das Training freiwillig oder auf Anweisung der Behörden. In dem Lernprogramm gegen häusliche Gewalt sei Alkohol immer wieder ein Thema, sagt von Salis. Viele Männer berichteten, sie seien randvoll gewesen, als «es» passierte. «Es», das sind unter anderem Schläge, sexuelle Gewalt, Drohungen, Stalking. Im Jahr 2012 zählte das Bundesamt für Statistik 15'810 Straftaten im häuslichen Bereich. Dies dürfte nur einen Bruchteil der Gewalt abbilden: Bloss 20 Prozent der Frauen zeigen ihre Partner an, das sagt die Schweizerische Kriminalprävention, die von der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz (KKJPD) getragen wird. Gemäss BAG hat jede fünfte Person den Alkoholkonsum nicht im Griff. Jeder vierte Mann habe zudem einmal im Monat einen Alkoholrausch. In wie vielen Fällen von häuslicher Gewalt Alkohol tatsächlich eine Rolle spielt, lässt sich wegen der Dunkelziffern nicht berechnen.

«Vier Promille oder mehr»

Auch Frederik Gut* hatte daheim mehrmals zugeschlagen, bevor er an der BAG-Studie teilnahm. Nach einer Fasnachtsparty, bei der der Alkohol in Strömen geflossen war, brachte ihn die Aufforderung seiner Frau, er solle nun doch ins Bett kommen, um zu schlafen, zum Ausrasten. «In meinem Kopf war ein Durcheinander. Ich habe ihr die Faust gegeben. Als ich am Morgen nach dem Vorfall ihr blaues Auge sah, habe ich gefragt, woher das komme», schildert er die Tat. Mit dem Alkohol habe er es übertrieben «Ich hatte fast vier Promille oder mehr, ich weiss nicht mehr, wie viel.»

Gut macht nun einen Alkoholentzug und besucht eine Gruppentherapie. Mit seiner Einsicht ist er eine Ausnahme. «Viele Männer entschuldigen ihre Tat auf bequeme Art mit dem Alkoholkonsum», sagt von Salis. Den Satz «Ich wusste nicht, was ich tat» höre sie häufig. Auch die Opfer nähmen den Alkohol als Entschuldigung an. «So erhalten sich diese Frauen einen Hoffnungsschimmer, dass alles gut wird, sobald der Mann mit dem Trinken aufhört», sagt von Salis.

«Oft geht es um Macht»

Dies sei ein Irrtum. Die gewalttätigen Männer hätten auch ohne Alkohol ein Problem mit den Frauen oder der Beziehung. «Oft geht es um Macht», sagt von Salis. Viele patriarchalisch denkende Männer hätten Angst, die Kontrolle über ihre Frau zu verlieren, fühlten sich hilflos in der Beziehung, weil sie ihre Gefühle nicht ausdrücken könnten.

Zum Beispiel Karl Neumann*. Seine Frau wurde während der Ehe immer selbstständiger, begann ausser Haus zu arbeiten und Haushaltsgeld einzufordern. Karl Neumann fühlte sich in seiner Vormachtstellung beschränkt. «Meine Lösung war es, in den Ausgang zu gehen und erst am Morgen heimzukommen», sagt er im Rahmen der BAG-Studie. Ein paarmal habe er sich auch im Schlafzimmer eingeschlossen und nur die Kinder hereingelassen. Seine Frau habe ihn auch geschlagen. «Es war immer das gleiche System, kein Respekt, und ich musste alles im Haushalt bezahlen», fasst er seine Situation zusammen.

Die BAG-Studie untersucht nur häusliche Gewalt von Männern gegen Frauen. Diese betrifft 80 Prozent aller Fälle. Weiter gibt die Erhebung Auskunft über die soziale Stellung der gewalttätigen Männer. In über 66 Prozent der untersuchten Fälle war der Mann erwerbstätig. Jeder Fünfte bezog Sozialhilfe, eine IV- oder AHV-Rente. Rund 56 Prozent der Täter sind nicht in der Schweiz geboren. Häusliche Gewalt komme in allen Schichten vor, betont von Salis. Reiche Manager seien genauso gewalttätig wie Hilfsarbeiter. Die Gewalt sei in tieferen sozialen Schichten häufig besser sichtbar – etwa wegen der Wohnsituation. Wenn ein Mann betrunken nach Hause komme und die Frau schreie, dann hörten dies die Nachbarn in einem Mehrfamilienhaus eher als in einer Villa.

Schweizweite Notrufnummer

Künftig sollen alle Opfer die Möglichkeit haben, rasch gehört zu werden: Die Schweizerische Kriminalprävention plant die Einrichtung einer nationalen Notrufnummer. Das Telefon soll rund um die Uhr betrieben werden und die Anrufenden an die kantonalen Anlaufstellen verweisen. Heute sei das Beratungsangebot unübersichtlich, sagt Martin Boess, Geschäftsleiter der Kriminalprävention. In einzelnen Kantonen gebe es über 50 Telefonnummern, an die sich Opfer häuslicher Gewalt wenden könnten. Die KKJPD entscheidet im Herbst über das Projekt, das pro Jahr bis zu drei Millionen Franken kosten soll.

* Namen geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2013, 07:04 Uhr

In einer Studie hat das BAG den Zusammenhang zwischen Alkohol und Gewalt untersucht. (Video: Keystone )

Häusliche Gewalt und Alkohol

Männer schätzen Lage anders ein
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat im Rahmen des Nationalen Programms Alkohol (NPA) untersuchen lassen, wie stark Alkoholkonsum und häusliche Gewalt zusammenhängen. Von 1200 befragten Frauen, die sich im vergangenen Jahr an eine Opferberatungsstelle wandten, gaben 43 Prozent an, dass ihr Partner ein Alkoholproblem hat. Vier Prozent der Frauen räumten ein, selber zu viel zu trinken. In jeder vierten Gewaltsituation waren der Mann oder die Frau zum Zeitpunkt des Vorfalls betrunken.

Im Kanton St. Gallen hat die Polizei ihre Einsätze wegen häuslicher Gewalt in den vergangenen zehn Jahren dokumentiert. Fast jedes dritte Mal trafen die Polizisten auf einen offensichtlich betrunkenen Täter. Bei jedem zehnten Einsatz war das Opfer stark alkoholisiert.

Die Männer, die daheim zuschlagen, schätzen ihren Alkoholkonsum weniger dramatisch ein: Gemäss der BAG-Studie gaben von 459 befragten Tätern 70 Prozent an, in ihrer Beziehung gebe es kein Alkoholproblem. Das BAG und das Eidgenössische Gleichstellungsbüro wollen den Austausch zwischen den Fachstellen der Gewalt- und Suchtberatung, der Polizei und den Spitälern fördern. Ab 2014 ist vorgesehen, Präventionsprojekte mit Geldern aus dem NPA zu unterstützen. (bua)

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