Sie sind wieder da

2002 wurde die Abtreibung mit der Fristenlösung gesetzlich geregelt. Doch die Gegner von damals lassen nicht locker und haben eine neue Initiative lanciert.

Abtreibungsgegner beim «Marsch für s Läbe» am 18. September 2010 auf dem Zürcher Helvetiaplatz.

Abtreibungsgegner beim «Marsch für s Läbe» am 18. September 2010 auf dem Zürcher Helvetiaplatz. Bild: Hartmut vom Bey

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Das Plakat hing Anfang September in der Nähe des Zürcher Stauffacher. «Bitte, lasst mich leben!» stand da, und man sah einen Fötus in einem Bauch, hell angestrahlt wie ein Engel. Gleichzeitig wurde zum «Marsch für s Läbe» aufgerufen. Der fand am 18. September in Zürich statt, und an dessen Ende forderte die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann auf dem Helvetiaplatz die Abschaffung der Fristenlösung. Obschon diese 2002 vom Stimmvolk mit einem Jastimmenanteil von 72 Prozent angenommen und gleichzeitig die Abtreibungsverbots-Initiative «Für Mutter und Kind» mit 82 Prozent Neinstimmenanteil wuchtig verworfen worden war.

Man dachte damals, das Thema sei erledigt. Es herrschte Einigkeit darüber, dass ein Schwangerschaftsabbruch nichts Erfreuliches ist, aber dennoch eine gesellschaftliche Realität, und dass für diese, frei von moralischen Verurteilungen, eine Lösung gesucht werden muss. Dass Frauen nicht mehr gezwungen sein sollten, ins Ausland zu reisen oder sich gesundheitlichen Risiken auszusetzen, weil der Eingriff von einem Pfuscher vorgenommen wird oder weil sie es in ihrer Verzweiflung selbst versuchen. Die klare juristische Regelung befreite die Abtreibenden auch von einem Stigma; die Frauen taten nichts Illegales mehr. Das alles erfüllt die Fristenlösung: Wer eine Notsituation geltend machen kann, darf in den ersten 12 Wochen die Schwangerschaft abbrechen, und die Krankenkassen kommen dafür auf.

Krankenkassen sollen nicht mehr zahlen

Umso mehr reibt man sich jetzt, acht Jahre später, die Augen, denn tatsächlich: Sie sind wieder auf dem Vormarsch, die Abtreibungsgegner. Seit Januar werden Unterschriften gesammelt für die Volksinitiative «Abtreibungs-Finanzierung ist Privatsache». Diese fordert, dass die Abtreibung nicht mehr von der Krankenkasse übernommen werden soll. Das Initiativkomitee setzt sich zusammen aus Parlamentariern der SVP (u. a. die Nationalräte Bortoluzzi, Föhn, Freysinger, die bereits erwähnte Nationalrätin Estermann und 5 weitere), CVP (die Nationalrätin Bader, die Nationalräte Segmüller, Nussbaumer und 4 weitere), EVP (3), EDU (3) und der FDP (2) sowie dem Verein Mamma, dessen Präsident Dominik Müggler zugleich auch der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind (SHMK) vorsteht.

Dieser Verein wiederum setzte sich 2002 für ein totales Abtreibungsverbot ein – selbst nach einer Vergewaltigung sollte ein Abbruch nicht erlaubt sein. Die Initiative hatte damals nicht den Hauch einer Chance. Dennoch heisst es jetzt beim Verein Mamma auf Anfrage, man gebe zwar keine genauen Zahlen bekannt, habe aber schon mehr als die Hälfte der benötigten Unterschriften beisammen. Die Frist läuft im Januar 2011 ab.

Bevormundung der Frau

Dass die Diskussion jetzt neu aufflammt, ist nur auf den ersten Blick überraschend. Bereits unmittelbar nach der verlorenen Abstimmung hatte der Verein SHMK angekündigt, man werde dagegen vorgehen, dass die Kassen den Eingriff bezahlten. Wer sich auf www.mamma.ch umsieht, begreift rasch, dass es nur vordergründig um die Kosten geht. Es geht vielmehr um Ideologie. Anne-Marie Rey, Betreiberin der Schwangerschaftsabbruch-Infostelle und seit 30 Jahren Kämpferin für die Sache, sagt es so: «Es sind die immer gleichen Fundamentalisten, die sich hier wieder Gehör verschaffen wollen. Und es geht ihnen genauso wie früher nur um eines: Um die Bevormundung der Frau. Sie versuchen es jetzt einfach unter dem Deckmäntelchen der Kostenreduktion, weil sie denken, die Argumentation mit dem Portemonnaie verfange bei den Leuten besser.»

Die Initianten stellen sich auf den Standpunkt, dass Menschen, die Abtreibungen aus Gewissensgründen ablehnten, mit ihren Prämien diese Eingriffe mitfinanzierten – obschon sie das nicht wollten. Das ist eine einigermassen seltsame Begründung, denn das schweizerische Gesundheitswesen basiert auf dem Gedanken der Solidarität: Dünne bezahlen für die Kosten, die Übergewichtige verursachen, Unsportliche für die Unfälle von Hobbyfussballern an Grümpelturnieren, Junge für Alte, und die Behandlung von Geschlechts- oder Tropenkrankheiten berappt auch, wer treu ist oder zu Hause bleibt.

Unlogische Argumente

Ebenfalls wenig überzeugend ist die Feststellung, Abtreibungen seien «keine Krankheit und gehören deshalb nicht in die Grundversorgung der Krankenkassen». Einer Abtreibung geht, ebenso wie einer Geburt, eine Schwangerschaft voraus – folgt man der Logik der Initianten konsequent, so dürften auch die Kosten einer Geburt nicht von den Krankenkassen übernommen werden. Überhaupt hält das finanzielle Argument einer genaueren Prüfung der Fakten nicht stand. Erstens hat die Schweiz mit jährlich rund 10 000 Abtreibungen eine der tiefsten Abtreibungsraten der Welt, europaweit sogar die tiefste. Zweitens werden 57 Prozent aller Abbrüche medikamentös vorgenommen, wobei Kosten zwischen 500 und 1000 Franken anfallen. Bei chirurgischen Eingriffen sind es 1000 bis 2000 Franken. Zum Vergleich: Eine Geburt schlägt mit 2500 bis 10 000 Franken zu Buche. Drittens ergibt das Einsparungen in der Höhe von 10 Millionen Franken pro Jahr – verglichen mit den Gesamtgesundheitskosten von mittlerweile 55 Milliarden Franken sind das jährlich gerade mal 0,02 Prozent.

Der Verein Mamma widerspricht: Bei dieser Rechnung würden die jahrelangen psychologischen Behandlungen und die Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, die die traumatisierten Frauen danach benötigten, unterschlagen. Eine soeben in den USA veröffentlichte Studie hat indes ergeben, dass Teenager, die eine Abtreibung hinter sich haben, nicht häufiger unter depressiven Verstimmungen leiden als ihre Altersgenossinnen ohne Schwangerschaftsabbruch. Und internationale Studien bestätigen seit Jahren, dass psychisch gesunde Frauen den Eingriff ohne negative Spätfolgen zu verkraften vermögen.

Gratisabtreibung als Anreiz

Das aber ist nur wieder Wasser auf die Mühlen der Abtreibungsgegner. Der Verein Mamma schreibt nämlich auf seiner Website, man sei überzeugt, «dass bei einem Erfolg der Initiative die Zahl der Abtreibungen um mindestens 20 Prozent sinken wird, da der finanzielle Anreiz wegfällt, wenn die Krankenkassen die Kosten dafür nicht mehr übernehmen». Und spätestens da ist er unüberhörbar, der Unterton, der häufig mitschwingt, wenn es um Abtreibung geht: Es wird den betroffenen Frauen unterstellt, sie führten ein lasterhaftes Leben. Sie foutierten sich um Verhütung. Und sie würden leichtfertig einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen, erst recht, wenn er gratis sei.

Das entspricht indes nicht den Tatsachen. Obschon die Zahlen vor 2002 nicht so exakt erhoben werden konnten wie danach, ist schweizweit klar ein sinkender Trend zu beobachten: Seit 1970 ist die Zahl von etwas über 16 000 Eingriffen auf 10 000 gesunken. Und interessant ist, dass es einen markanten Rückgang gab nach Einführung der Fristenlösung. Dass die Übernahme der Kosten durch die Krankenkasse in irgendeiner Weise einen Einfluss auf den Entscheid der Frauen hätte, ist damit widerlegt.

«Rückschlag für die Gesundheit der Frauen»

Die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe SGGG bezeichnet die Initiative als «einen vollkommen unverständlichen Rückschritt und einen Rückschlag für die Gesundheit der Frauen, der ethisch nicht vertretbar» sei. Und vor allem würden die Kosten eben gerade nicht sinken: «Komplikationen von medizinisch unsicheren Schwangerschaftsabbrüchen führen zu hohen Kosten.»

Anne-Marie Rey glaubt nicht an den Erfolg der Initiative. Die Vorlage sei zu offensichtlich ideologisch und in sich zu widersprüchlich, als dass sie eine Mehrheit finden könnte: «Der Schwangerschaftsabbruch ist gesellschaftlich akzeptiert, weil die Gesellschaft in Sexualfragen toleranter geworden ist. Das betrifft nicht nur die Verhütungsmittel und die Abtreibung, sondern auch die gestiegene Akzeptanz gegenüber Homosexuellen.» Der Satz, den sie am häufigsten hört, lässt hoffen: «Ich weiss nicht, ob ich es machen würde. Aber wenn andere es tun, ist das deren Entscheidung, und die ist zu respektieren.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.10.2010, 19:52 Uhr)

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