Singen bis zum Gehtnichtmehr

Unsere aktuelle Nationalhymne ist erst 1981 definitiv eingeführt worden – obwohl wir uns wegen der alten schon im Mai 1952 blamierten.

Das Lied aus dem Jahr 1841: Heute ist das Lied seit 33 Jahren offizielle Schweizer Landeshymne. (Bild: www.schweizerpsalm.ch)

Das Lied aus dem Jahr 1841: Heute ist das Lied seit 33 Jahren offizielle Schweizer Landeshymne. (Bild: www.schweizerpsalm.ch)

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Das muss ein peinlicher Moment für die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft gewesen sein: Am 28. Mai 1952 wird im Zürcher Hardturmstadion bei einem Länderspiel gegen England die britische Nationalhymne «God Save the Queen» gespielt. Unmittelbar danach erklingt dieselbe Melodie ein zweites Mal – diesmal als Fundament für den Gesang unserer Fussball-Elf. Den 33'000 Zuschauern wird schlagartig klar, dass die Schweizer Landeshymne nicht uns allein gehört. Zwar stammt der Text von «Rufst du mein Vaterland» aus der Feder des Berner Philosophieprofessors Johann Rudolf Wyss. Doch die Melodie kupferten wir recht dreist von den Briten ab. Nicht nur wir, auch die Königreiche Sachsen, Bayern und Hannover nutzten dieselben Noten, ja sogar auf Island und Hawaii wurde die Melodie gespielt. Und Liechtenstein verwendet sie noch heute.

«Rufst du mein Vaterland» ist der Vorgänger der aktuellen Nationalhymne, des «Schweizerpsalms». Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Lied zu bodigen. Sie hält den Text für sperrig und sucht einen Nachfolger. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt aber, dass dieses Vorhaben einige Geduld erfordern dürfte. Seit dem ersten Vorstoss im Parlament bis zur definitiven Einführung des «Schweizerpsalms» vergingen 87 Jahre.

«Unangenehme und störende Missverständnisse»

1952 auf dem Hardturm verlor die Schweiz gegen England 0:3. In jener Zeit nahmen die Kontakte mit dem Ausland zu, und es kam immer häufiger vor, dass die Schweizer Nationalhymne neben der britischen gespielt und als Duplikat entlarvt wurde. 1954 erklärte der Luzerner Gotthard Egli, CVP-Ständerat und Vater des späteren Bundesrates Alphons: «Die Melodie des ‹Heil dir Helvetia› ist identisch mit der Melodie der englischen Nationalhymne und sicher nicht originelles Schweizergut. Bei internationalen Anlässen entstehen so unangenehme und störende Missverständnisse. Es gereicht unserm sängerfreudigen Land jedenfalls nicht zur besondern Ehre, die Melodie unserer angeblichen Landeshymne aus dem Ausland bezogen zu haben (…).» Auch der Text schien nicht mehr geeignet zu sein, um ihn aus Leibeskräften zu singen: Egli zitierte die Zeile: «Heil dir, Helvetia, hast noch der Söhne ja, freudvoll zum Streit!» Und kommentierte: «Wer singt das mit innerster Zustimmung?»

In der folgenden Debatte wurde Egli noch unterstützt. «Wir müssen mit den Kantonen Fühlung nehmen», erklärte ein Redner. Trotzdem wurde der Vorschlag, einen Wettbewerb zu veranstalten, in der Frühjahrssession 1955 abgelehnt. Doch der Wunsch nach einer neuen Nationalhymne blieb bestehen.

«Das kann nicht dekretiert werden»

Damals war der «Schweizerpsalm» vom P. Alberik Zwyssig schon seit über einem halben Jahrhundert so etwas wie die heimliche Nationalhymne. Der erste dokumentierte Versuch, ihn auf politischem Weg als offizielle Hymne zu etablieren, datiert auf den 4. Juni 1894. Doch der Bundesrat lehnte den Vorstoss des Genfer Gesangslehrers und Redaktors C. L. Romieux ab. Seine Begründung: «Die Einführung eines derartigen Gesanges kann nicht durch den Beschluss irgendeiner Staatsbehörde dekretiert werden.» Dieser müsse «dem Geschmacke des singenden Volkes anheimgestellt bleiben».

39 Jahre später, im Jahr 1933, empfiehlt auch der Eidgenössische Sängerverein den «Schweizerpsalm» als Nationalhymne, 1934 erlaubt das Militärdepartement das Abspielen des «Schweizerspsalms» bei Militärgottesdiensten. Und Ständerat Egli schrieb 1954 in seinem Postulat, der «Schweizerpsalm» dürfte bei der Suche nach einer neuen Nationalhymne «im Vordergrund stehen».

20 Jahre lang ein Provisorium

1961 führte der Bund das Lied als Nationalhymne ein. Zunächst mit einer dreijährigen Probezeit – doch der «Schweizerpsalm» sollte für die nächsten 20 Jahre ein Provisorium bleiben. Nach Ablauf der drei Probejahre befragte der Bund die Kantone, zwölf wollten die neue Hymne behalten, sechs waren dagegen, die übrigen wollten sich nicht festlegen. Der Bundesrat befand, die Zustimmung zum Lied sei deutlich, doch die Bedenken gegenüber dem Text «ohne Zweifel berechtigt». Also entschied er sich 1965, das Provisorium weiterzuführen. Diesmal unbefristet.

Es wurde still um das unbefristete Provisorium. Bis SVP-Nationalrat Rudolf Etter schliesslich der Kragen platzte. In einer kleinen Anfrage schrieb er 1972: «Nach dem letzten 1. August sind weit im Lande herum Klagen erhoben worden, wonach das Absingen der neuen Landeshymne direkt peinlich und zur eigentlichen Qual werde... So kann es sicher nicht weitergehen!»

Doch Etters Vorstoss bewirkte das Gegenteil dessen, was er im Sinn hatte. Der Bundesrat liess das Provisorium 1975 fallen. Allerdings nicht, ohne die Türe für ein späteres Zurückkommen offen zu lassen. So haftete ihm weiter etwas Behelfsmässiges an.

Sechs Jahre liess sich der Bundesrat Zeit, um sich entschieden hinter den «Schweizerpsalm» zu stellen. 1981 liess er verlauten, der «Schweizerpsalm» sei «ein rein schweizerisches Lied, würdig und feierlich, so wie es eine Grosszahl unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger sich für eine Landeshymne wünschen». Er erklärte jenes Lied zur offiziellen Schweizer Hymne, das er 87 Jahre nicht zur Hymne dekretieren wollte und vor 20 Jahren trotzdem einführte. Jenes Lied auch, das schon seit sechs Jahren nicht mehr provisorisch war. Als Datum für diese Zangengeburt suchte sich der Bundesrat ausgerechnet den 1. April aus. Ob man seinen Entscheid deshalb für einen Witz hielt, entzieht sich unserer Kenntnis.

Alle Bilder stammen vom Schweizerischen Bundesarchiv.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 31.07.2014, 18:30 Uhr)

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Die Sängerin Noemi Nadelmann singt die Nationalhymne zum Beginn der neuen Legislatur 5. Dezember 2011 im Bundeshaus in Bern. (Bild: Keystone Peter Klaunzer)

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Schweizerpsalm

Erste Strophe
Trittst im Morgenrot daher,
Seh’ ich dich im Strahlenmeer,
Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Wenn der Alpenfirn sich rötet,
Betet, freie Schweizer, betet!
Eure fromme Seele ahnt
Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Zweite Strophe
Kommst im Abendglühn daher,
Find’ ich dich im Sternenheer,
Dich, du Menschenfreundlicher, Liebender!
In des Himmels lichten Räumen
Kann ich froh und selig träumen!
Denn die fromme Seele ahnt,
Denn die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Dritte Strophe
Ziehst im Nebelflor daher,
Such’ ich dich im Wolkenmeer,
Dich, du Unergründlicher, Ewiger!
Aus dem grauen Luftgebilde
Tritt die Sonne klar und milde,
Und die fromme Seele ahnt
Und die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

Vierte Strophe
Fährst im wilden Sturm daher,
Bist du selbst uns Hort und Wehr,
Du, allmächtig Waltender, Rettender!
In Gewitternacht und Grauen
Lasst uns kindlich ihm vertrauen!
Ja, die fromme Seele ahnt,
Ja, die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland,
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.

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