Schweiz

So steigen die Mieten noch mehr

Von Santosh Brivio. Aktualisiert am 03.03.2011 81 Kommentare

Die Sozialdemokraten wollen den sozialen Wohnungsbau. Und erreichen damit das Gegenteil, sagt der Politwissenschaftler Santosh Brivio.

«Die Nachfrage erhöht sich, doch das Angebot wächst nur minimal»: Preisgünstige Stadtwohnungen.

«Die Nachfrage erhöht sich, doch das Angebot wächst nur minimal»: Preisgünstige Stadtwohnungen.
Bild: Keystone

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Die Schweiz ist als Arbeits- und Lebensort beliebt. Gut ausgebildete Arbeitskräfte aus Europa ziehen seit Jahren hierher und beleben die Wirtschaft. Doch sie verfügen nicht nur über wertvolles Wissen, sondern auch über genügend Geld, um sich eine der begehrten Stadtwohnungen zu leisten. Die wirtschaftliche Konsequenz: Die Nachfrage erhöht sich, doch das Angebot wächst nur minimal. Weshalb in den Städten die Mietpreise explodieren. In der Stadt Zürich etwa sind die Mieten in den vergangenen zehn Jahren um rund sechzig Prozent gestiegen. Das führt zu einer Verdrängung, auch der Mittelschicht.

Um diese Entwicklung zu stoppen, lancieren die Sozialdemokraten die Idee des sozialen Wohnungsbaus neu. In einem Arbeitspapier fordern sie vermehrt Sonderwohnzonen; darin soll die Miete eine festgelegte Marke nicht überschreiten dürfen. Auch sollen staatliche Betriebe Grundstücke nicht mehr über den freien Markt veräussern. Stattdessen müssen sie Gemeinden und Kantone berücksichtigen, die dann die Immobilien allenfalls an Genossenschaften weiterverkaufen dürfen.

Massiver Nachfrageüberschuss

Das klingt sinnvoll; aber die Idee ist nicht zielführend, sogar gefährlich. Denn die SP irrt in mehreren Punkten.

Erstens tragen nicht die Immobilienspekulanten die Hauptschuld an den hohen Mietpreisen für Stadtwohnungen. Die Ursache liegt in einem massiven Nachfrageüberschuss. Wie sonst liesse sich eine Leerwohnungsquote von nahe null wie in der Stadt Zürich erklären? Eine derartige Preisexplosion durch staatlich festgelegte Höchstpreise bekämpfen zu wollen, liefert keine Lösung. Denn wie immer bei künstlich tief gehaltenen Preisen kommt es zu illegalen oder zumindest undurchsichtigen Nebengeschäften. Wer schon einmal eine Stadtwohnung zur Vermietung ausgeschrieben hat, weiss um die Gefälligkeiten, die für den Zuschlag geboten werden. Wird der Mietzins plafoniert, führt das bloss dazu, dass der Marktpreis in einer anderen Form realisiert wird.

Flächenmässige Ausdehnung

Zweitens führt eine Maximalmiete sogar zu einer Verschärfung der Wohnungssituation. Schliesslich müssen aus dem Immobilienmarkt jene Liegenschaften ausgeschieden werden, die für günstige Wohnzonen vorgesehen sind. Dadurch verknappt sich das übrige Angebot in den Normalwohnzohnen, was die Mieten noch mehr in die Höhe treibt.

Drittens führen die Vorschläge der SP zu einer flächenmässigen Ausdehnung der Wohnprobleme. Wenn nämlich Kantone und Gemeinden bei jenen Immobilien ein Vorkaufsrecht besitzen, die von den Staatsbetrieben abgestossen werden, verdrängen sie die privaten Kaufinteressenten. Die Nachfrage konzentriert sich auf die verbleibenden privaten Angebote. Auch das bewirkt einen Preisanstieg – vor allem ausserhalb der Städte.

Viertens demonstriert die SP eine beachtliche Lernunfähigkeit, was staatliche Eingriffe betrifft. Man denke an die USA: Am Anfang der Immobilien- und späteren Finanzkrise stand die politische Überzeugung, dass ein Eigenheim allen Amerikanern zustehe. Das hatte die verhängnisvolle Folge, dass die staatsnahen Baufinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac weitgehend auf die finanziellen Sicherheiten verzichteten, die bei der Vergabe von Hypotheken nötig sind. Man hat gesehen, wozu das geführt hat.

Der Staat kann das nicht regeln

Die Idee der SP mit Wohnzonen und maximalen Mietzinsen gehen in eine ähnliche Richtung: Genossenschaften sollen in Liegenschaften investieren, deren effektiver Wert stetig zunimmt, während die Rendite gleichzeitig auf einem Niveau unterhalb des Marktpreises fixiert bleibt.

Wie man das Problem auch analysiert, klar bleibt: Wenn die Nachfrage übergross ist, steigen die Mieten so lange weiter, bis der Markt im Gleichgewicht ist. Das wiederum trifft dann ein, wenn die Nachfrage zurückgeht oder das Angebot zunimmt. Ändert sich weder das eine noch das andere, sollte der Staat lieber nicht in die Mechanismen des Marktes eingreifen.

Santosh Brivio studierte Politikwissenschaft und arbeitete lange Zeit als freischaffender Journalist. Heute ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei einer Privatbank angestellt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2011, 21:23 Uhr

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81 Kommentare

Alois Amrein

04.03.2011, 13:46 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Banken, Immobilienfirmen und Private benützen die PFZ, um die arbeitende Bevölkerung skrupellos auszubeuten. Was ist ein Lohn von Fr. 6000.-- wert, wenn die Wohnung allein über Fr. 2000.-- kostet? Das Rezept von Herrn Bivio ist unbrauchbar. Er hat wirklich nichts begriffen oder will nicht. Sein Ziel ist die Profitmaximierung auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung. Antworten


Pawel Silberring

03.03.2011, 08:38 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Dass ein Privatbanker gerne alles über den Preis geregelt sähe, ist wenig überraschend. Dass eine SP hier andere Prioritäten setzt, ist auch klar. Aber dass ein Privatbanker die Finanzkrise den Linken andrehen will, ist ein dicker Hund. Die Finanzkrise, Herr Brivio, haben Leute wie Sie ganz allein zu verantworten und daher stimmen Ihre Ratschläge von vorneherein skeptisch. Antworten



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