So viel kostet der Inländervorrang

Die Zuwanderung bremsen ohne Bruch mit der EU – dank einer besseren Rekrutierung inländischer Arbeitskräfte. Allein im Gesundheitswesen kostet das aber rund 200 Millionen Franken jährlich.

In den Schweizer Spitälern sind rund 24'000 Ärzte angestellt: 41,9 Prozent davon haben ein ausländisches Diplom. Foto: Keystone

In den Schweizer Spitälern sind rund 24'000 Ärzte angestellt: 41,9 Prozent davon haben ein ausländisches Diplom. Foto: Keystone

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Steht wie aktuell eine Beschränkung der Einwanderung zur Debatte, erreicht ein bekannter Hilfeschrei die Öffentlichkeit:

«Unsere Spitäler können ohne Ausländer nicht betrieben werden», hiess es bereits im Jahr 2000, als die 18-Prozent-Initiative die Zahl der Ausländer begrenzen wollte. Zwei Jahre später betrug der Anteil der ausländischen Pflegefachkräfte in den Schweizer Spitälern 33 Prozent. Er erhöhte sich auch als Folge des Personenfreizügigkeitsabkommens auf 36 Prozent im Jahr 2008. «Der akute Mangel an Pflegepersonal in den Schweizer Spitälern ist hausgemacht», sagt dazu der frühere SP-Nationalrat und Bildungspolitiker Rudolf Strahm.

Die Schweiz hat eine über ein Jahrzehnt dauernde Ausbildungslücke hinter sich. Von 1995 bis 2005 wurden jährlich 3000 bis 4000 Pflegefachleute ausgebildet. Dies entsprach aber nur der Hälfte des jährlichen Bedarfs. «Die kantonale Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK), die primär für das Gesundheitswesen und die Spitalversorgung zuständig ist, vernachlässigte jahrelang entsprechende Ausbildungsvorgaben für die Spitäler», so Strahm.

Doch seit 2006 steigt die Zahl der Abschlüsse im Pflegebereich. So gab es von 2006 bis 2014 im Schnitt 5000 bis 6000 Abschlüsse, was sich auf den Ausländeranteil ausgewirkt hat: 2013 sank dieser wieder auf 33 Prozent. Es gibt aber grosse regionale Unterschiede: In der Genferseeregion stammen 53,7 Prozent und im Tessin 49,4 Prozent aus dem Ausland. Am tiefsten ist die Ausländerquote in der Zentralschweiz (18,4 Prozent) und im Espace Mittelland (21 Prozent). Zürich liegt mit 39,4 Prozent im Mittelfeld.

Fortschritte im Pflegebereich

Die zunehmende Rekrutierung von inländischem Pflegepersonal ist auf die gesetzliche Ausbildungsverpflichtung für nicht universitäre Gesundheitsberufe zurückzuführen. Wenn in der Gesundheitsbranche die Rede von Lehre ist, ist die Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit, kurz Fage, gemeint. «Dank eines riesigen Efforts der Gesundheitsinstitutionen ist diese Ausbildung innert weniger Jahre zur dritthäufigsten Berufslehre geworden», sagt Annette Grünig, Projektleiterin bei der GDK. Und der Aufbau würde weiter voranschreiten: 2014 wurden 4047 neue Fage-Lehrstellen besetzt, was über der Zahl der Abschlüsse von 3430 im gleichen Jahr liegt. «Die verstärkte Förderung der Ausbildung ist also seit einigen Jahren ein Thema, nicht erst seit dem 9. Februar», betont Phi­lippe Perrenoud, Berner Gesundheitsdirektor (SP) und Präsident der GDK.

«Die Lücken und Rekrutierungsschwierigkeiten in den Spitälern bestehen heute aber nicht bei der beruflichen Grundausbildung Fage, sondern bei den Pflegefachpersonen mit Zusatzausbildung», sagt Bernhard Wegmüller, Direktor bei H+, dem Verband der Schweizer Spitäler. Die diplomierten Gesundheitsfachpersonen werden im Alter von 20 bis 25 Jahren an den Fachhochschulen oder Höheren Fachschulen ausgebildet. 2013 erlangten 2250Personen solch ein Pflegediplom. Zusammen mit den Fage-Abschlüssen ergibt dies 5650 neue Fachkräfte. Die GDK schätzt den jährlichen Bedarf für den Pflegebereich auf 9100 Personen. «Damit bildet das Schweizer Gesundheitswesen heute bereits rund zwei Drittel ihres Bedarfs aus», so Perrenoud. Zum Vergleich: 2009 war es bloss die Hälfte. Ausgehend von diesen Zahlen, fehlen jährlich 3450 Pflegefachpersonen. Rechnet man mit Ausbildungskosten von etwa 20 000 Franken pro Person und Jahr, so müsste die Schweiz jährlich über 70 Millionen Franken zusätzlich investieren, um den Inländervorrang im Pflegebereich umzusetzen. Rudolf Strahm ist der Meinung, dass trotz des «riesigen Efforts» das Inländerpotenzial bei weitem noch nicht ausgeschöpft sei: «Aufgrund des Lehrstellenbarometers weiss man, dass 2013 und 2014 je rund 4500 ausbildungswillige Schulabgängerinnen keine Lehrstelle im Gesundheits- und Sozialpflegebereich erhalten haben.» Gäbe es also mehr Lehrstellen, würden sich laut Strahm auch mehr Schweizer zu Gesundheitsfachpersonen weiterbilden.

Platzmangel als Kostentreiber

Auch bei den Ärzten würde es den Staat viel Geld kosten, das inländische Potenzial besser zu nutzen. Im letzten Jahr haben hierzulande rund 33'000 Ärzte gearbeitet, davon gegen 10'000 mit aus­ländischem Diplom. Noch höher war der Ausländeranteil bei jenen rund 24'000 Ärzten, die in einem Spital angestellt sind (41,9 Prozent).

Ebenfalls im letzten Jahr anerkannte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) 2846 ausländische Arztdiplome, während im Inland nur 836 Personen ihr Humanmedizinstudium abschlossen. Die rege Rekrutierung im Ausland steht im Kontrast zur Nachfrage im Inland. 2012 haben sich 4536 Personen dafür angemeldet, fast doppelt so viel wie 2006, dies bei bloss 1628 Ausbildungsplätzen an den Universitäten.

Um die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung langfristig sicherzustellen, sind laut Experten rund 1300 Abschlüsse pro Jahr notwendig – 500 mehr, als es 2013 waren. Ein Medizinstudent kostet den Staat während seiner sechsjährigen Ausbildung zwischen 500'000 und 700'000 Franken. Bei 500 zusätzlichen Plätzen ergibt dies zwischen 250 und 350 Millionen Franken, also 40 bis 60 Millionen pro Jahr. Hinzu kommen 100'000 Franken pro klinischem Weiterbildungsplatz, was bei 500 neuen Stellen weitere 50 Millionen Franken pro Jahr ausmacht. Die jährlichen Zusatzkosten belaufen sich damit insgesamt auf rund 100 Millionen Franken.

Kostentreibend wirkt zudem der Platzmangel. Bern etwa hat die Zahl der Ausbildungsplätze in den letzten vier Jahren von 150 auf 220 gesteigert. Notwendig dazu waren bloss «bescheidene» Infrastrukturinvestitionen von wenigen Millionen Franken in bestehende Gebäude, wie der zuständige Berner Regierungsrat Bernhard Pulver (Grüne) sagt. «Für einen weiteren Ausbau brauchen wir aber neue Gebäude und neue Professuren, ansonsten können wir die Ausbildungsqualität nicht halten.» Dies werde entsprechend teurer. Zu den 100 Millionen Franken kommen demnach einmalige Baukosten im Millionenbereich sowie jährliche Unterhaltskosten dazu.

Bund in der Pflicht?

Dass Handlungsbedarf besteht, bestreitet kaum jemand. Die Universitäten haben die Zahl der Studienplätze in den letzten Jahren denn auch erhöht. An den Deutschschweizer Universitäten, welche den Numerus clausus anwenden, seit 2006 um 45 Prozent. Der Bundesrat empfiehlt den Trägerkantonen, die Abschlüsse in Humanmedizin bis 2017/18 weiterzusteigern: von rund 800 auf 1100. Doch Basel, Bern, Fribourg, Genf, Lausanne und Zürich erwarten, dass sich der Bund an den Mehrkosten beteiligt. Zwar hat der Bund diesen Schritt im Rahmen der nächsten Bildungsbotschaft 2017 bis 2020 in Aussicht gestellt, die Kantone bleiben aber gleichwohl skeptisch: «Es muss sich erst weisen, ob dies effektiv und ohne Belastung anderer Bildungspositionen geschieht», sagt Basels Bildungsdirektor Christoph Eymann (LDP).

Kein Thema ist es an den Deutschschweizer Universitäten, den Numerus clausus abzuschaffen (Genf und Lausanne kennen diese Art der Zulassungsbeschränkung nicht). «Der Weg zu mehr inländischen Medizinern führt über eine Erhöhung der Studienplätze», sagt die Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP). Der Test, der dem Numerus clausus in der Medizin zugrunde liege, beschränke nicht nur die Zahl der Studierenden, sondern verringere die Zahl jener, die das Studium abbrächen, so Aeppli. Dieser positive Effekt habe sich in der Vergangenheit gezeigt.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.01.2015, 23:39 Uhr)

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