So viele Organspenden wie nie

Weil eine umstrittene Spendenart – die Entnahme nach Herzstillstand – wieder eingeführt wurde, steigen die Zahlen.

So viele Organspenden wie nie: Fast alle Transplantationszentren wollen die umstrittene Organspende nach Herzstillstand durchführen.

So viele Organspenden wie nie: Fast alle Transplantationszentren wollen die umstrittene Organspende nach Herzstillstand durchführen. Bild: Felix Schaad/Tages-Anzeiger

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2013 war für Schweizer Transplantationsmediziner ein Rekordjahr. 110 verstorbene Personen haben ihre Organe gespendet – dies sind fast 15 Prozent mehr als etwa im Vorjahr, so viele wie noch nie. Zu verdanken ist die Bestmarke allerdings nicht in erster Linie einer erhöhten Spendebereitschaft in der Bevölkerung oder einer besseren Organisation in den Spitälern. Der Grund liegt darin, dass die Kriterien so erweitert wurden, dass mehr Personen als Spender infrage kommen.

Die Rede ist von der Organspende nach Herzstillstand. Fachleute sprechen von sogenannten Non-Heart-Beating-Donors (NHBD) oder Donors After Circulatory Death (DCD). Bei diesen galt in der Schweiz die Organentnahme ab 2007 wegen des damals neu eingeführten Transplantationsgesetzes als verboten. Im Herbst 2011 führte sie das Universitätsspital Zürich (USZ) jedoch wieder ein.

Ein Rechtsgutachten des Bundesamts für Gesundheit und neue Richtlinien der Akademie für medizinische Wissenschaften (SAMW) hatte dies als zulässig erklärt. In Grossbritannien, den USA oder den Niederlanden sind Transplantationen von NHBD schon länger üblich. Hierzulande kritisierten Patientenschützer und Ethiker die erneute Einführung jedoch teilweise heftig. Im Jahr 2013 transplantierten Mediziner die Organe von insgesamt 12 NHBD – davon neun Spender am Universitätsspital in Zürich, zwei am Kantonsspital St. Gallen und einer am Universitätsspital Genf. Andere Schweizer Spitäler könnten schon bald hinzukommen.

Standort Zürich profitiert

«Diese Spender nach Herzstillstand werden uns helfen, die Spenderzahlen künftig deutlich zu erhöhen», sagt Pierre-Alain Clavien, Präsident der Schweizerischen Transplantationsgesellschaft und Direktor der Klinik für Viszeral- und Transplantationsmedizin am USZ. Das Ziel des Bundesrates, bis 2018 die Spenderate in der Schweiz mithilfe des nun genehmigten Aktionsplans um die Hälfte zu erhöhen, könnte nicht zuletzt dank dieser Organspender nach Herzstillstand gelingen.

Heute stammen die meisten Organe von hirntoten Patienten. Bei diesen schlägt das Herz dank künstlicher Beatmung jeweils noch. Bei NHBD entnehmen die Transplantationsmediziner die Organe hingegen erst, wenn der Kreislauf stillsteht.

Als solche Spender kommen in der Regel schwer hirnverletzte Patienten auf der Intensivstation infrage, bei denen Angehörige entschieden haben, die lebenserhaltenden Massnahmen zu stoppen. Nach dem Ausschalten des Beatmungsgeräts warten die Ärzte so lange, bis der Kreislauf zusammengebrochen und das Herz zehn Minuten stillgestanden ist. Als Folge davon tritt auch der Hirntod ein.

Besonders der Standort Zürich profitiert von der Einführung des NHBD-Programms. Im Netzwerk des Universitätsspitals war 2013 bereits ein grosser Teil aller Spender NHBD – 9 von 24.

Wie bei den herkömmlichen Spendern werden die Organe von Verstorbenen nach Herzstillstand gesetzeskonform über die nationale Warteliste der Stiftung für Organspende und Transplantation (Swisstransplant) verteilt. Anfänglich blieben sie aber dennoch in Zürich: «Unser Programm ist noch neu und mit Risiken behaftet», sagt Pierre-Alain Clavien. Das war nicht nur für Zürich ein Vorteil. «Wenn jemand bei uns die entsprechenden Organe erhält, entlastet er auch die nationale Warteliste», so der Klinikdirektor.

Bislang können Transplantationsmediziner bei NHBD meist nur die Niere verwenden. Die anderen Organe werden durch den Kreislaufzusammenbruch und -stillstand meist zu stark geschädigt. Allerdings können zunehmend auch Lunge, Leber und Bauchspeicheldrüse verwendet werden. «Das Transplantationszentrum in Zürich ist in diesem Bereich international ganz vorne mit dabei», sagt Franz Immer, Direktor der Stiftung Swisstransplant.

Kritik ist nicht verstummt

So ist das Team von Pierre-Alain Clavien dabei, für die Leber ein Verfahren zu etablieren, welches schädliche Ablagerungen reduziert. Bei der Methode namens Hope (Hypothermic Oxygenated Machine Perfusion) wird das Organ nach der Entnahme eine Stunde mit einer kalten, sauerstoffreichen Lösung gespült, bevor sie dem Empfänger eingepflanzt wird.

Inzwischen haben laut Clavien 15 schwerkranke Patienten eine auf diese Weise behandelte Leber erhalten. «Mit guten Resultaten», wie er versichert. Eine grössere randomisierte Studie mit hirntoten Patienten soll nun die Resultate bestätigen. Dabei wollen die Ärzte den Erfolg der Lebertransplantation mit und ohne Spülbehandlung vergleichen. «Wir hoffen, dass die Hope-Methode auch bei der herkömmlichen Transplantation etwas bringt», so Clavien.

Doch nicht alle sind über die Erfolge der Transplantationsmediziner erfreut. Die Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle hatte die Wiedereinführung von NHBD-Transplantationen am Universitätsspital Zürich heftig kritisiert und bleibt bis heute dabei. «Die Situation finde ich nach wie vor sehr brisant», sagt sie. Für Baumann-Hölzle liegt das Hauptproblem darin, dass zu Lebzeiten über urteilsunfähige Patienten entschieden wird. Dies nicht zu ihrem Wohl, sondern über eine Fremdnutzung ihrer Organe durch Dritte.

Auch Patientenschützerin Margrit Kessler steht der Organspende nach Herzstillstand weiterhin skeptisch gegenüber. Sie befürchtet, dass bei Spendern zu Lebzeiten künftig sogenannte Perfusionssonden in die Leistengefässe operativ eingeführt werden, diese ermöglichen ein schnelleres Kühlen der Organe nach dem Eintreten des Hirntods.

Für Kessler dürfen operative vorbereitende Massnahmen bei sterbenden Menschen, die nur dem Organempfänger dienen, nicht ohne Einverständnis des Spenders durchgeführt werden. «Die Ärzte behaupten, sie würden keine Perfusionssonden benutzen. Ich weiss aber aus Erfahrung, dass sie es tun werden, wenn wir ein Verbot nicht explizit ins Gesetz bringen», erklärt die GLP-Nationalrätin. Sie wird ihr Anliegen bei der zurzeit im Parlament hängigen Revision des Transplantationsgesetzes einbringen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.03.2014, 06:26 Uhr)

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Entwicklung Organspender in der Schweiz. (Bild: TA-Grafik)

Lebertumore

Ein neues Organ als Krebstherapie
Zürcher Mediziner prüfen die Organverpflanzung als Behandlungsoption bei Leberkrebs.

Nicht nur der Mangel an Organspenden führt zu längeren Wartelisten. Dank besserer Behandlungsmöglichkeiten wird die Organverpflanzung neu bei Krankheiten zu einer Option, die vorher nicht dafür infrage kamen, insbesondere bei Leber- und Gallengangtumoren. «Wir werden künftig wahrscheinlich generell bei viel mehr Patienten mit Krebs transplantieren», sagt Pierre-Alain Clavien, Präsident der Schweizerischen Transplantationsgesellschaft.

Lange Zeit waren Medikamente, die Transplantierte gegen die Organabstossung einnehmen müssen, ein Hindernis für solche Transplantationen. Weil diese Behandlung das Immunsystem unterdrückt, kommt der Krebs innert kürzester Zeit zurück, wenn er nicht vollständig entfernt wurde. Doch inzwischen lässt sich das Problem dank vorgängiger Bestrahlung und Chemotherapie wahrscheinlich umgehen. «Wenn wir uns genau an das Behandlungsprotokoll halten, erreichen wir sehr gute Resultate», sagt Clavien.

Im besten Fall könnten die Transplantationspatienten mit einer guten Lebensqualität nach drei bis sechs Monaten rechnen, sagt der Leberspezialist. «Unser Ziel ist, dass 70 bis 80 Prozent der Patienten ein Jahr überleben.»

Weil die Krebspatienten wegen der fortschreitenden Erkrankung meist nicht lang auf ein Organ warten können, stammen bei ihnen die Lebern zum Teil von Lebendspendern. Was bei der Niere Routine mit geringer Komplikationsrate ist, ist bei der Leber heikel. Für die Spender bedeutet es eine grosse Operation, die in einem von 200 Fällen sogar tödlich verlaufen kann. «In Zürich haben wir in den letzten zehn Jahren 43 solcher Lebendtransplantationen von Lebern gemacht, zum Glück, ohne dass es zu Todesfällen gekommen wäre», sagt Clavien.

Die gesunden Spender, meist Freunde oder Familienangehörige, müssen 60 bis 65 Prozent ihrer Leber hergeben. Mehr dürfen es nicht sein, sonst regeneriert sich das Organ nicht mehr. In der Regel dauert es nur vier Wochen, bis es wieder auf die ursprüngliche Grösse gewachsen ist. Auch beim Empfänger darf das Leberstück nicht zu klein sein. «Wir können genau berechnen, wie gross das transplantierte Stück sein muss, damit es auf die ursprüngliche Grösse wachsen kann», so Clavien. Warum und wie das Nachwachsen funktioniert, wissen die Mediziner nicht genau. «Daran forschen wir zurzeit», sagt Clavien. (fes)

Aktionsplan

Über Spendenwillen informieren
Die Warteliste wird jedes Jahr länger. 2013 benötigten 1274 Personen ein Organ – fast 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Um die Spendenrate zu erhöhen, hat der Bundesrat vor einem Jahr den Ak­tions­plan «Mehr Organe für Transplanta­tionen» lanciert. Das Ziel ist es, bis 2018 die Zahl von derzeit rund 13 auf 20 Spender pro Million Einwohner zu steigern. Es wird ge­schätzt, dass bei den verstorbenen Spendern das Potenzial eigentlich dreimal höher wäre als die heutige Spendenrate. Ende Februar verabschiedeten nun Bund und Kantone konkrete Massnahmen, die man in den nächsten vier Jahren umsetzen will. So soll durch Kampagnen und Öffentlichkeitsarbeit erreicht werden, dass mehr als 30 Prozent der Bevölkerung über eine ausgefüllte Spenderkarte verfügen, und dass über die Hälfte ihre Angehörigen über ihren Spendenwillen informiert hat. Weitere Massnahmen betreffen die Ausbildung von medizinischem Fachpersonal, Spitalstrukturen und -ressourcen sowie die Organisation unter anderem der Spenderdetektion. (fes)

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