So werden wir nicht glücklicher

Die Initiative für ein staatlich garantiertes Grundeinkommen verkennt das menschliche Wesen.

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Dass in der Schweiz alle von klein auf eine staatliche Rente erhalten sollen, ohne dafür etwas leisten zu müssen, passt laut Bundesrat nicht zu unserem Gesellschaftskonsens. Auch wirtschaftliche Gründe sprechen nach Meinung der meisten politischen Parteien gegen die Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen: Sinkende Leistungsbereitschaft und steigende Steuerlast könnten Wirtschaftswachstum verhindern.

Nun mag das alles stimmen. Aber nehmen wir einmal an, es wäre anders und die Initiative könnte ohne wirtschaftlichen Schaden umgesetzt werden. Wäre die Welt, die dem ehemaligen Bundesratssprecher Oswald Sigg und den anderen Initianten, unter ihnen viele Künstler, vorschwebt, nicht eine bessere Welt? Mehr Menschen sollen tun können, was sie wirklich tun möchten – dieses Ziel streben die Initianten mit dem garantierten Grundeinkommen an. Für sie ist der Mensch ein Reservoir an Talenten und Fähigkeiten, mit denen er sich und die anderen beglücken kann.

Doch nicht alle sind Künstler. Nicht alle können malen, musizieren, inszenieren oder dichten, und von denen, dies es können, interessieren sich nicht alle dafür. Von Selbstverwirklichung reden vor allem die Eliten. Vielen anderen macht die Idee, sich so viel Bedeutung zuzumessen, Angst oder sie bedeutet ihnen nichts. Wer keinen Drang zur Selbstverwirklichung verspürt, den verführt das Grund­einkommen womöglich zu einer ­ungesunden Lethargie.

Horror Vacui

Sich jenseits bezahlter Arbeit sinnstiftend zu beschäftigen, kann überfordern. Nicht grundlos beginnt heute für viele Menschen das Elend mit der Pensionierung. Die Zeit geht zwar vorbei, und frei von Termindruck zu sein, fühlt sich auch gut an. Aber selbst Pensionierte, die Sinnvolles tun, plagt manchmal der Frust. Die leere Agenda und Mailbox lassen sie hadern, dass sie weniger gefragt sind als früher.

Die Lohnabrechnung am Ende des Monats ist mehr als eine Geld­über­weisung. Wer arbeitslos wird, erfährt besonders schmerzlich, wie wichtig das verdiente Geld als Ausdruck der Anerkennung für erbrachte Leistung ist. Arbeit ist für viele Menschen mehr als ein Zeitvertreib. Zwar wünschen fast alle mehr Freizeit, aber hat man sie, kann sie zum Problem werden. Mancher stürzt schon nach zwei Wochen Ferien in eine Sinnkrise.

Am meisten Familiendramen und Beziehungsdelikte ereignen sich an Wochenenden und Feiertagen. Mehr Zeit für sich zu haben, bedeutet auch, während längerer Zeit in die eigenen Abgründe zu blicken und persönliche Probleme zu wälzen. Was mit therapeutischer Hilfe nützlich ist, kann ohne Begleitung verheerend sein. Horror Vacui, Angst vor der Leere, nennen Psychologen den Wunsch nach Verdrängung. Auf Dauer hilft das nicht, doch in gewissen Situationen wirkt es Wunder, sich mit Arbeit abzulenken. Arbeit kann psychisch entspannen und den Weg aus der Dunkelheit zurück ins Leben weisen.

Dass Arbeit und Lohn für uns so wichtig sind, mag man erbärmlich finden. Doch wir sind nun einmal eine Arbeitsgesellschaft, das ist kulturell bedingt, Protestantismus und Kapitalismus haben dazu beigetragen. Vielen Menschen wäre nicht gedient, wollte man sie mit einem garantierten Grundeinkommen ändern.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.08.2014, 07:45 Uhr)

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