Spillmann und der deutsche Digitalcrack

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Zum Abgang des NZZ-Chefs kam es, weil er teilweise entmachtet werden sollte.

Es war ein vielsagender Satz, mit dem sich Markus Spillmann am Dienstag von der «Neuen Zürcher Zeitung» verabschiedete: «Tragt der NZZ Sorge, da schaue ich Etienne vor allem an, und tragt dieser so speziellen Publizistik Sorge.» Eben dieser Etienne Jornod, Verwal­tungsratspräsident der Mediengruppe, hatte kurz zuvor der verdutzten Belegschaft den Bruch mit Spillmann verkündet. Als erster Chefredaktor in der 234-jährigen Geschichte des Blatts räumte er den Posten vorzeitig.

Wie kam es zum Abgang? Spillmann stand offenbar zuletzt als Verlierer eines Prozesses da, den er selbst angestossen hatte. Der 47-Jährige, der in dieser Funktion direkt dem Verwaltungsrat rapportiert, regte an, die Rolle des Leiters ­Publizistik neu zu definieren, um damit auf die schwierigen Herausforderungen des Medienhauses zu reagieren: digitaler Wandel, wegbrechende Printerlöse, Expansion nach Österreich und Deutschland. Es wurde fleissig verhandelt – auch über die redaktionelle Ausrichtung. Zur Einigung kam es nicht. Jornod sagte vor der Belegschaft: «Wir hatten einen Konflikt bezüglich der neuen Organisation.»

Über die genauen Streitpunkte gehen die Versionen auseinander. Die wahrscheinlichste ist, dass Spillmann entmachtet werden und den Sitz in der Unternehmensleitung verlieren sollte. Weil der Chefredaktor die Erwartungen in diesen Bereichen nicht erfüllt hat, ist der NZZ-Verwaltungsrat schon seit einiger Zeit auf der Suche nach einem neuen, starken Mann für die Chefetage, der das Geschäft der Zukunft beherrscht und die Auslandabenteuer vorantreibt. Es sollte deshalb ein «Digitalcrack aus Deutschland» her, berichten NZZ-Kreise. Als Wunschkandidat wird Mathias Müller von Blumencron genannt, der zurzeit den digitalen Auftritt der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» verantwortet. CEO Veit Dengler und Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod sollen bereits Gespräche geführt haben. Hans Hofmann, namhafter Medienheadhunter, könnte sich – «spontan und rein hypothetisch» – Müller von Blumencron durchaus bei der NZZ vorstellen. «Er gilt als publizistischer Leuchtturm und hat vom ‹Spiegel› bis zur FAZ bei Publika­tionen von internationalem Format ­gearbeitet. Zudem war er auch schon in Zürich tätig und geniesst fachlich wie menschlich einen guten Ruf.»

Eine Allianz mit Blocher?

Seit Spillmanns Abgang kursieren wilde Gerüchte in der Branche. Unter dem ­Titel «Christoph Blochers Griff nach der ‹alten Tante›» spekulierten «Aargauer Zeitung» und «Südostschweiz» sogar, der reiche SVP-Chefstratege und «Basler Zeitung»-Miteigentümer könnte der NZZ das «St. Galler Tagblatt» und die «Neue Luzerner Zeitung» abkaufen oder anderweitig beim FDP-dominierten Medienhaus einsteigen – was der Politiker auf «Teleblocher» umgehend als «dummes Zeug» abtat. Gleichzeitig wird von PR-Beratern kolportiert, der Blocher-nahe Markus Somm (Verleger und Chef der «Basler Zeitung») sei als neuer NZZ-Chefredaktor im Gespräch.

Tatsache ist: Der Name Blocher könnte bei der NZZ doch noch ins Spiel kommen, wenn deren Regionalmedien aus Luzern und St. Gallen inskünftig mit der BaZ kooperieren. Der Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass derzeit über eine solche Allianz verhandelt wird. Die BaZ erhoffe sich davon einen Ausweg aus ihrer Isolation, die NZZ-Gruppe neue Synergien und damit Kosteneinsparungen. Sogar von einem ­möglichen VR-Sitz für Markus Somm bei den NZZ-Regionalmedien ist die Rede. Über die Achse Basel-Luzern-Ostschweiz wurde auch schon an einem Kaderanlass des «St. Galler Tagblatts» diskutiert. ­Offiziell dementierte die NZZ-Sprecherin gestern, dass eine Kooperation mit der BaZ in Vorbereitung sei. Zu hypothetischen Gedankenspielen wolle sie sich nicht äussern, teilte sie mit.

Von Christian Lüscher (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.12.2014, 21:10 Uhr)

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