Steuerparadies Appenzell verärgert Deutsche

Von Markus Rohner. Aktualisiert am 26.02.2009

Seit einem Jahr ist Appenzell Ausserrhoden ein Steuerparadies für Unternehmen. Promotionstouren von Appenzeller Regierungsräten nach Deutschland sorgen bei den dortigen Behörden für Ärger.

Paul Müller ist ein friedliebender Mensch, der sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen lässt. Als der Chef des Finanzamtes im süddeutschen Rottweil vor vier Wochen nach Tuttlingen reiste, war seine Stimmungslage allerdings nicht die beste. Die Regierung von Appenzell Ausserrhoden hatte in die Stadthalle geladen, um Unternehmer über das neue «Steuerparadies» zu informieren. «Das machen wir mehrmals im Jahr», sagt Gildo Da Ros, Sekretär im Ausserrhoder Volkswirtschaftsdepartement. In München und Stuttgart waren die Appenzeller schon, im März findet eine nächste Veranstaltung in Köln statt.

Während 90 Minuten erfahren die Deutschen alles über die Steueroase in den Schweizer Bergen, wo Kapitalgesellschaften dem Fiskus dreimal weniger abgeben müssen als zu Hause in Deutschland. Schon mancher Unternehmer soll Augenwasser bekommen haben, wenn er von den Steuersätzen am Fusse des Säntis gehört hat, erzählt Da Ros. Bei ihren Auftritten in Deutschland versprechen die Appenzeller Behörden, «unbürokratisch, flexibel und kundenorientiert», wie sie es nennen, Rundum-Beratungen inklusive die Vermittlung von gewieften Steuerberatern.

Bauernschlau agieren die Appenzeller, und am Schluss der Veranstaltung fahren sie das grosse Büfett mit ihren zahlreichen Spezialitäten auf. «Dabei ist schon mancher Unternehmer, der von seinem Finanzamt noch nie einen Kaffee spendiert bekommen hat, ins Staunen gekommen», sagt Volkswirtschaftsdirektorin Marianne Koller-Bohl.

Dass die Appenzeller im Januar ausgerechnet in der Stadthalle von Tuttlingen, einem mit deutschen Steuern finanzierten Haus, potente Steuerzahler vom Exodus in die Schweiz zu überzeugen versuchten, hatte schon im Vorfeld zu reden gegeben. Als sich dort dann auch noch Paul Müller als Chef der Steuerfahndung zu Wort meldete, war im Saal das Gegrummel unüberhörbar. Ein paar der 80 Interessierten verliessen demonstrativ den Saal.

«Dabei habe ich nichts anderes als den Standpunkt eines deutschen Staatsbürgers vertreten, der bei den Finanzbehörden arbeitet», sagt Müller. Mit den Steuergeldern, die er einziehe, würden Schulen, Spitäler und Strassen gebaut, der öffentliche Verkehr und vieles mehr finanziert. Wenn jetzt ein Kleinkanton ohne Universität, Zentrumsspital und Theater mit zwei Regierungsräten ins Schwabenland kommt und dort nach potenten Steuerzahlern Ausschau hält, lässt das den Rottweiler Finanzamtschef nicht kalt. «Ihr Appenzeller zehrt von der Infrastruktur anderer», rief er in den Saal und fügte maliziös an, «in Kongo haben sie auch null Infrastruktur und deshalb auch null Steuern.» Er nimmt das Wort «Moral» in den Mund und zieht den Vergleich mit dem Nachbarn, «der die Äpfel aus meinem Garten klaut».

Unterstützung erhalten hat Müller vom Tuttlinger Oberbürgermeister Michael Beck. Dieser schrieb nach der Veranstaltung einen Brief an den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger. Er sieht hinter der Appenzeller Veranstaltung nichts anderes als einen «nur notdürftig kaschierten Aufruf zur Steuerflucht». Einem gutnachbarschaftlichen Verhältnis zur Schweiz sei dies alles andere als förderlich, schrieb Beck an Oettinger.

«Der Vergleich mit Kongo war arrogant und frech», sagt die Appenzeller Regierungsrätin Koller-Bohl. Ausserrhoden sei kein Trittbrettfahrer und bezahle seine Leistungen, die es von anderen Kantonen beziehe. «Wir haben in Tuttlingen nichts anderes getan als die Vorzüge des Wirtschaftsstandortes Appenzell Ausserrhoden gezeigt.» Umgekehrt würden deutsche Bundesländer in der Schweiz auch Standortwerbung machen.

Den grossen Erfolg hat die Werbeaktion der Appenzeller bislang noch nicht gebracht. Erst ein paar wenige Deutsche haben ihren Wohn- und Geschäftssitz von Deutschland ins Appenzellerland verlegt. Regierungsrätin Koller ist allerdings zuversichtlich, dass in Zukunft mehr kommen werden. «Nach der Veranstaltung in Tuttlingen habe ich mit vielen Unternehmern gute Gespräche führen können.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.02.2009, 07:14 Uhr

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