Stilles Drama in den Vox-Daten

Rudolf Strahm über die Personenfreizügigkeit, das Problem mit den akademischen Titeln und über einen allfälligen Erfolg der Bilateralen.

Der ehemalige Nationalrat und Preisüber­wacher wechselt sich 
mit Politgeograf Michael Hermann und mit der Autorin und Schauspielerin Laura de Weck ab: Rudolf Strahm. Bild: Keystone

Der ehemalige Nationalrat und Preisüber­wacher wechselt sich mit Politgeograf Michael Hermann und mit der Autorin und Schauspielerin Laura de Weck ab: Rudolf Strahm. Bild: Keystone

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Der Schock vom 9. Februar über die Masseneinwanderungsinitiative wirkt nach. Die vom Bund finanzierte Vox-Meinungsumfrage sollte eigentlich zu den untergründigen Motiven der Stimmbevölkerung Klarheit schaffen. Aber bisher hat man sich bloss mit Nebenpunkten auseinandergesetzt; etwa mit der Vergabepraxis des Bundes für diese lukrative Meinungsforschung oder mit der angeblichen, wohl falsch ermittelten Stimmfaulheit der Jungen.

Kaum jemand hat sich der Kleinarbeit unterzogen, die Vox-Resultate selber im Detail zu analysieren. Man verliess sich auf die eigenwillige Interpretation des Genfer Politologieprofessors Pascal Sciarini, der als Studienleiter dieser Vox-Umfrage das Interpretationsmonopol für sich beansprucht. Er las aus den GFS-Umfrageresultaten genau das heraus, was er schon immer «wusste»: dass die Schweiz wertebezogen gespalten sei in weltoffene Bildungsbürger und heimatorientierte Abschottungseidgenossen. Vor der Abstimmung schon hatte er aus dieser Optik den Rauswurf der SVP aus dem Bundesrat angeregt.

Es forderte mich einen Spiessrutenlauf, um als Bürger an den 58-seitigen, statistisch-technischen Auswertungsbericht heranzukommen; nur dank alter Beziehungen wurde mir der Zugang ermöglicht. Während eines Jahres sind nämlich die Detaildaten, monopolisiert durch den Verband Fors, nur den Sozialwissenschaftern zugänglich. Die Bundeskanzlei ist gut beraten, diese formale Sperre sofort aufzuheben und die Statistiken im Internet zugänglich zu machen.

50- bis 59-Jährige entscheidend

Ich fragte bei meiner Statistikanalyse nicht nach den ideologisch konstruierten «Werten», sondern nach der Betroffenheit der Abstimmenden. Ein erster Befund: Die Initiative gegen Masseneinwanderung wurde eindeutig durch die 50- bis 59-Jährigen entschieden! Bei dieser Altersgruppe war nämlich die Zustimmung mit 62 Prozent signifikant höher. Bei den zehn Jahre Jüngeren zwischen 40 und 49 Jahren war die Zustimmung nur 44 Prozent, also 18 Prozentpunkte tiefer. Bei den Älteren zwischen 60 und 69 Jahren blieb die Zustimmung auch deutlich tiefer, nämlich bei 48 Prozent, ebenso bei den über 70-Jährigen.

Was ist denn los mit den 50- bis 60-Jährigen, die so krass und signifikant stärker gegen die Einwanderung stimmten als alle andern Altersgruppen? Dem Politologen Sciarini war dies keinen Kommentar wert.

Wer indes den Arbeitsmarkt kennt, wer die Zuschriften und Gespräche ernst nimmt, weiss schon lange: Die Leute über 50 sind die Opfer des Verdrängungseffekts im Arbeitsmarkt und fühlen sich durch die Rekrutierung von jüngeren Fachkräften im Ausland besonders betroffen. Wer über 50 oder 55 Jahre alt ist, wird bei Schwankungen als Erster ausgegliedert und hat es schwer, noch eine feste Anstellung zu finden.

Im Februar 2014 waren allein bei der Arbeitslosenversicherung 27 000 ältere Arbeitslose zwischen 50 und 59 gemeldet, weitere 8000 bei den 60- bis 64-Jährigen; hinzuzuzählen wären die Tausenden von Ausgesteuerten.

Häufig sind es gerade auch Gutqualifizierte, Ingenieure, mittlere Kader, verdiente und erfahrene Mitarbeitende. Sie sind nicht häufiger «Abschottungsbürger» als andere und schon gar nicht SVP-Anhänger; sie haben einfach ihre existenzielle Situation in ihr Stimmverhalten umgesetzt. Am 9. Februar beteiligten sie sich auch überdurchschnittlich häufig an dieser Abstimmung. Dieses stille Drama wird von der Elite schlicht ignoriert. Aber an der Urne fand es seinen Ausdruck. Und es wird weiter andauern, wenn nicht eine Art Inländervorrang bei der Personalrekrutierung zum Tragen kommt.

Das Problem mit den Titeln

Ein zweiter statistischer Befund aus der Vox-Wählerbefragung: Die Absolventen der höheren Berufsbildung stimmten der Initiative mit 63 Prozent überdeutlich zu (in der deutschen Schweiz sind es einige Prozentpunkte mehr) – stärker sogar als die Personen mit einer Berufslehre.

Auch diesen statistischen Ausreisser können sich die Schreibtischgelehrten nicht erklären. Die da zu zwei Dritteln Ja stimmten, sind die mittleren Kader der Wirtschaft, die Meister, Techniker, Poliere, Teamchefs, die Absolventen der Höheren Fachschulen (nicht zu verwechseln mit den Fachhochschulen), der Berufsprüfungen und höheren Fachprüfungen.

Sie sind das Rückgrat der KMU-Wirtschaft. Sie haben teure, langjährige Weiterbildungen hinter sich, sind hoch spezialisiert und können mehr als die zugewanderten Hochschulabsolventen. Aber im Zeichen der Personenfreizügigkeit werden ihnen zu Tausenden Fachleute mit akademischen Titeln, deutsche «Bachelors», «Masters» und «Doktoren», vor die Nase gesetzt, nur weil in der Schweiz die Titeläquivalenz fehlt. Diese Frage der Titelaufwertung zum «Professional Master» und «Professional Bachelor» der Höheren Berufsbildung schiebt unser entscheidschwacher Wirtschafts- und Bildungsminister seit langem vor sich her.

Diese Leute mit höherer Berufsbildung – es sind übrigens zahlenmässig gleich viele wie alle Hochschulabsolventen zusammen – sind nicht xenophob. Sie haben keine «niederen Instinkte», wie ein Philosophieprofessor behauptete. Und sie sind keine Abschottungspatrioten. Sie haben bloss ihre beruflich-existenzielle Erfahrung in der Abstimmung ausgedrückt.

Bundesbern begreift es nicht

Markant und für mich als grundsätzlichen Befürworter der Bilateralen bedenklich ist der Vox-Befund, dass 63 Prozent aller Stimmenden auch in Zukunft bereit wären, die bilateralen Verträge notfalls preiszugeben, sollte sich dies für eine restriktivere Migrationspolitik gegenüber der EU als nötig erweisen.

Man kann das Abstimmungsresultat zusammenfassen mit dem Hilferuf aus der Bevölkerung: «Ich will nicht abgehängt werden!» So drückte sich die Winterthurer SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr nach der Abstimmung aus. Diese zutiefst existenzielle Betroffenheit haben die Europastrategen in Bundesbern nicht begriffen.

Wenn der Bundesrat jemals eine weitere Abstimmung über die Bilateralen gewinnen will, muss er sich vorgängig um die sozialen und arbeitsmarktmässigen Schutzmassnahmen bemühen, um einen Inländervorrang bei der Personalrekrutierung (den ich für wirksamer halte als eine Kontingentslösung) und um eine Aufwertung der schweizerischen Berufstitel. Denn die Personenfreizügigkeit schafft – neben unbestrittenen Vorteilen für die Arbeitgeber – auch existenziell Betroffene, Benachteiligte, Globalisierungsverlierer. In einer plebiszitären Demokratie kann man auf die Dauer die Rechnung nicht ohne sie machen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.05.2014, 06:43 Uhr)

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