Schweiz

Struplers Start lässt Politiker zweifeln

Von Daniel Friedli, Bern. Aktualisiert am 14.04.2010 11 Kommentare

Der neue BAG-Chef Pascal Strupler setzt auf Qualität. Von seiner eigenen hat er die Politiker indes noch nicht überzeugen können.

Durchzogene Bilanz nach 100 Tagen im Amt: BAG-Direktor Pascal Strupler gestern in Bern.

Durchzogene Bilanz nach 100 Tagen im Amt: BAG-Direktor Pascal Strupler gestern in Bern.
Bild: Keystone

Die Vorbehalte waren gross, als Pascal Strupler letzten Mai zum künftigen Chef des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) ernannt wurde. Hüben wie drüben vermuteten Politiker ein Beziehungsdelikt des damaligen Bundesrats Pascal Couchepin, der, so der Verdacht, noch kurz vor der eigenen Rücktrittsankündigung seinen langjährigen Generalsekretär mit einem Direktoren-Job belohnen wollte. Mittlerweile ist Strupler seit rund 100 Tagen im Amt, und zumindest bisher ist es ihm nicht gelungen, die damaligen Skeptiker umzustimmen.

Der Nachfolger von Thomas Zeltner, so ist zu hören, agiere passiv, unsicher und höchst verhalten. «Ich bin enttäuscht», sagt SP-Gesundheitspolitikerin Jacqueline Fehr. Sie hätte sich vom neuen BAG-Chef mehr Ideen, Initiativen und vor allem Antworten auf die drängenden Probleme im Gesundheitswesen erwartet. Doch dieser habe im Parlament dazu noch kaum ein Wort gesagt. Strupler sei bisher tatsächlich nicht gross aufgefallen, bestätigt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel, was ihr SVP-Kollege Toni Bortoluzzi wiederum so erklärt: «Ich habe das Gefühl, dass er die Dossiers noch nicht im Griff hat.»

Nicht auf alles eine Antwort

Dass er noch nicht auf alle Fachfragen bereits eine Antwort hat, räumte Strupler gestern anlässlich seiner 100-Tage-Bilanz auch selber ein. Und so trat der 51-jährige Walliser denn auch weniger mit neuen Vorschlägen gegen den Anstieg der Krankenkassenprämien vor die Medien als mit wohlbekannten Diagnosen: dass die Krankenkasse auch nächstes Jahr teurer wird, dass gegen das Kostenwachstum kein Patentrezept existiert, dass schmerzliche Reformen nötig sein werden.

Strupler selber will dabei bei der Qualität des Gesundheitswesens ansetzen. Er befürchtet, dass sie unter der Kostendiskussion leiden könnte, und will mit einer Qualitätsstrategie dagegenhalten. Konkret geht es ihm darum, die Leistungen transparent und messbar zu machen, sodass man letztlich weiss, «wie viel Nutzen man für einen Franken erhält». Die Basis für diese Arbeit bildet ein Bericht des Bundesrates vom letzten Herbst, in dem unter anderem differenzierte Tarife je nach Qualität der Leistung angeregt werden.

Kein «Gesundheitstalib»

Mit dieser Priorität machte Strupler implizit auch deutlich, dass er andere Akzente setzt als Vorgänger Zeltner, der wegen seiner Präventionsstrategien als «Gesundheitstalib» verschrien war. BAG-intern heisst es, Strupler habe bei diesem Thema vorderhand Zurückhaltung verordnet. Und in der Gesundheitskommission des Nationalrates liess er dem Vernehmen nach durchblicken, dass er sich das geplante Präventionsgesetz auch ohne das umstrittene nationale Institut vorstellen kann, das gemäss Couchepin und Zeltner nationale Präventionsprogramme erarbeiten soll.

Strupler selber liess den Eindruck eines Kurswechsels gestern nicht gelten. Er bestätigt allerdings, dass er die Ressourcenverteilung im BAG überprüfen lässt, «ergebnisoffen», wie er sagt, aber allenfalls mit dem Resultat, dass bei der Prävention etwas zurückgefahren wird. Denn der neue Amtschef möchte mehr Leute im Bereich der Krankenversicherung beschäftigen und weiss, dass er wegen der Sparprogramme beim Bund eher weniger als mehr Geld kriegt. Dieses Personal soll mithelfen, jene Massnahmen voranzutreiben, die sich Strupler in diesem Bereich gestern doch noch entlocken liess: tiefere Preise für Generika etwa, oder eine bessere Aufsicht über die Versicherer.

SP-Politikerin Fehr geht all dies indes zu wenig schnell. Strupler habe sich unter Couchepin so lange vorbereiten können, dass er nun kein langes Aufwärmen mehr benötige, sagt sie. Andere Beobachter gewähren dem Juristen mehr Zeit, um sich vom Diener Couchepins zum Amtschef unter Bundesrat Didier Burkhalter zu wandeln. Und FDP-Nationalrat Ignazio Cassis schliesslich attestiert Strupler einen guten Start. Er wertet dessen Schweigsamkeit nicht als Unsicherheit, sondern als vornehme Zurückhaltung eines Verwaltungsangestellten. Es müsse ja nicht jeder wie Zeltner selbst den grossen politischen Auftritt suchen. Dem pflichtet auch Ruth Humbel bei: Sie schätzt es, wenn in der Kommission jemand sitzt, der auch zuhören kann – und nicht alles immer schon besser weiss.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2010, 23:26 Uhr

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11 Kommentare

Jürg Schmid

14.04.2010, 09:56 Uhr
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Eine weitere Pendenz: Die Umsetzung des Verfassungsartikels über die Komplementärmedizin. Dieser ist von allen Ständen und einer erdrückenden Mehrheit der Stimmenden angenommen worden. Komplementärmedizin ist erwiesenermassen kostengünstiger als die technisiserte Medizin. Auch die Hausärzte müssten mehr Gewicht bekommen. Die Pharmaindustrie fördert nur jene Sparten bei denen sie mehr verdient. Antworten


Stefan Jost

14.04.2010, 08:50 Uhr
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Die Schweizer Bevölkerung isst zu viel, zu fettig, zu süss und zu chemisch-industiell bei zuwenig Bewegung und zuviel Stress. Das ist das Problem. Und solange wir uns selber so krankheitsfördernd und kostensteigernd verhalten, ist es insgesamt gesehen vernachlässigbar ob Herr Strupler, Herr Zeltner oder sonst wer BAG Chef ist. Antworten



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