Studenten im Stress: «Am Morgen Ritalin und abends Wein»
Interview: Claudio Habicht. Aktualisiert am 24.03.2009
«Wir leben in einer nervösen Welt»: Neuropsychologe Lutz Jäncke. (Bild: Keystone)
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Lutz Jäncke
Lutz Jäncke ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich.
Herr Jäncke, offenbar nehmen viele Studenten Ritalin, um sich vor Prüfungen wach zu halten. Wie erklären Sie das Phänomen?
Aus Studien wissen wir, dass Ritalin immer öfter von gesunden Leuten eingenommen wird. Das zeigt auch die Statistik: Der Ritalin-Absatz hat in der Schweiz dramatisch zugenommen – in den letzten 10 Jahren hat sich der Verkauf verachtfacht. Dass Studenten Ritalin schlucken, ist nachvollziehbar. Bei gesunden Personen ohne ADHS führt das Medikament zu erhöhter Aktivität, sie können sich damit besser konzentrieren.
Ritalin ist verschreibungspflichtig. Wie kommen Studenten an das Medikament ran?
Zum Beispiel über die Familie. Hat der Bruder ADHS und schluckt Ritalin, dann nimmt es der grosse Bruder mal vor Prüfungen. Oder die Mutter nimmt eine Pille, um fit zu werden.
Vereinfacht gesagt: Ritalin ist zur modernen Vitaminpille mutiert.
Ja. In unserer Gesellschaft nimmt diese Art von Hirndoping zu. Am Morgen Ritalin und abends Wein, an- und abstellen. Ritalin gibt ein gutes Gefühl, man ist erregter, konzentrierter und energiegeladener. Für Prüfungen ist das durchaus positiv: So können die Studenten das Leistungsniveau aufrechterhalten.
Ist Leistung ohne Aufputschmittel wie Ritalin nicht mehr möglich?
Nein, das stimmt überhaupt nicht. Es ist vielmehr so, dass man sich durch die Einnahme von Ritalin oder anderen Drogen eher von der «Aussensteuerung» abhängig macht. Besser wäre es, wenn man kognitive Strategien lernen würde, um sich selbst zu kontrollieren und zu organisieren.
Wo liegen die Gefahren des Medikaments?
Man macht sich abhängig von Einflüssen von Aussen. Eigentlich müsste man lernen, sich selbst zu organisieren.
Sie unterrichten auch an der Universität. Nehmen Ihre Studenten auch Ritalin?
In meiner Einführungsvorlesung spreche ich über Drogen und Psychopharmaka – auch Ritalin ist ein Thema. Aufgrund der Rückmeldungen der Studenten habe ich den Eindruck, dass einigen Studenten die Verwendung von Ritalin als Aufputschmittel nicht unbekannt ist.
Ist Ritalin weitverbreitet an den Universitäten?
In den USA sind es laut Studien 7 bis 25 Prozent der Studenten. Diese Zahlen gelten wohl auch für die Schweiz. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass Ritalin nur eine Variante ist, das Hirn zu dopen.
Welche Möglichkeiten gibt es noch?
Kaffee und Red Bull gehören sicher dazu. Auch einige frei verkäufliche Energy-Drinks haben es in sich: Sie enthalten viel Koffein. Es gibt ja mittlerweile auch Fruchtsäfte mit extrem starken Koffeindosen.
Kann der Mensch nicht mehr ohne dieses Doping?
Das ist eine gute Frage. Tatsache ist: Wir leben in einer nervösen Welt, die mit Reizen überflutet ist. Zudem sind wir nicht mehr gefährdet in unserem Leben wie der Urmensch oder ein Mensch vor 200 Jahren. Damals ging es hauptsächlich um die Gesundheit, um das Überleben. Heute haben wir jedoch Tausende Möglichkeiten und viele Entscheidungsprobleme. Für viele Menschen ist das manchmal schwer zu bewältigen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.03.2009, 15:25 Uhr
































