Suizidproblemland Schweiz

Das Wissen über Suizid ist bei vielen Schweizern mangelhaft. So überrascht es die meisten, dass sich jährlich mehr Leute selber töten als es Verkehrstote gibt. Dies zeigt eine Umfrage.

Der Berner Professor und Psychiater Konrad Michel erklärt die neuste Suiziduntersuchung.
Video: Keystone

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Viele Schweizer unterschätzen die Häufigkeit von Suiziden und Suizidversuchen, und ein Grossteil hält die Selbsttötung fälschlicherweise für eine lang geplante Handlung. Dies ergab eine Umfrage im Auftrag einer europaweiten Initiative zur Depressionsaufklärung. Jährlich versuchen in der Schweiz zwischen 15'000 und 25'000 Menschen, sich das Leben zu nehmen. Über 1000 Personen sterben dabei – das sind dreimal so viel wie Verkehrstote. Dies ist den meisten Schweizern nicht bewusst, wie die Meinungsumfrage zum Thema Depression und Suizid zeigt.

Bei der Frage «Was glauben Sie, durch was sterben in der Schweiz mehr Menschen: durch Verkehrsunfälle oder durch Suizide?» tippte nur jeder Zweite auf Suizid. Die andere Hälfte glaubt, dass Verkehrsunfälle gleich viele oder gar mehr Menschenleben fordern.

Das Marktforschungsinstitut Isopublic hatte im April 2012 insgesamt 1001 Deutsch- und Westschweizer im Alter von 18 bis 74 Jahren befragt. Auftraggeber war die Initiative «Lean on Me», die von der Europäischen Depressionsgesellschaft unterstützt und mehrheitlich von der Pharmafirma Lundbeck finanziert wird.

Keine geplante Handlung

Eine Mehrheit der Befragten glaubt weiter, dass ein Suizid gut überlegt und von langer Hand geplant ist. Der Suizidexperte und Psychiater Konrad Michel aus Bern widerspricht: «Ein Suizid ist eine Verzweiflungstat, die der Betroffene in einer anderen Situation nicht begangen hätte», sagte er gemäss Mitteilung von «Lean on Me».

Für vier von fünf Personen, die einen Suizid oder Suizidversuch im Bekanntenkreis erlebten, kam dieser dennoch überraschend. «Das grösste Problem ist, dass viele Menschen Suizidgedanken für sich behalten», sagte Michel. Jedermann sollte wissen, dass diese ein Warnzeichen sind und professionelle Hilfe erfordern.

Als ein positives Resultat der Umfrage wertet es Michel, dass die Mehrheit der Befragten richtig reagieren würde: Sie würden einen guten Freund oder eine gute Freundin in einer Krisensituation ansprechen und ihm oder ihr empfehlen, professionelle Hilfe zu suchen oder selbst zu helfen versuchen.

Depressionen werden verkannt

Zu wenig bewusst ist der Bevölkerung laut der Umfrage dagegen die Tatsache, dass hinter 70 Prozent der Suizide eine Depression steckt. Falsch ist auch die Annahme von fast zwei Dritteln der Befragten, dass ein Suizid mit genügend Zuwendung und Aufmerksamkeit durch das Umfeld verhindert werden könnte. «Zuwendung alleine genügt in den wenigsten Fällen», sagte der Psychiater. Grössere Lebenskrisen und Depression müssten ganzheitlich und auf die Person angepasst behandelt werden.

Diese verbreiteten Fehleinschätzungen über Suizid überraschen, denn gemäss der Umfrage kennt jede zweite Person in der Schweiz Menschen, die durch Suizid gestorben sind. So erachtet die grosse Mehrheit der Befragten Suizid als ein «schwerwiegendes» oder «eher schwerwiegendes Problem» für die Schweiz.

Viele der Befragten halten Aufklärungskampagnen für sinnvoll - eine Einschätzung, die Barbara Weil von der Ipsilon-Initiative zur Suizidprävention in der Schweiz, teilt: «Gerade die Medien können viel zur Aufklärung und Entstigmatisierung beitragen.» Für eine erfolgreiche Prävention müsse mehr über Ursachen und Folgen von Depressionen und Tipps zu Auswegen aus Krisensituationen berichtet werden. (bru/sda)

(Erstellt: 22.05.2012, 14:07 Uhr)

Suizidprävention: Arbeiter montieren auf der Tobelbrücke über die Lorze zwischen Zug und Menzingen Glassicherheitswände. (25. Oktober 2006) (Bild: Keystone )

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