Swiss streicht alle Sonntags-Flüge
Doris Leuthard
Keine Polen-Reise
Doris Leuthard reist nicht zum Staatsbegräbnis in Polen. Wegen der Sperrung des Schweizer Flugraums kann die Bundespräsidentin nicht an der Trauerfeier für Polens Staatspräsidenten Lech Kaczynski teilnehmen. Leuthards Sprecher Christophe Hans bestätigte auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA einen Bericht von Radio Top. Der Entscheid, die Reise abzusagen, sei am frühen Samstagabend gefallen, nachdem das Bundesamt für Zivilluftfahrt wegen der Vulkanasche das Flugverbot bis Sonntag 14 Uhr verlängert hatte. (sda)
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Obwohl das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) bislang nur ein Flugverbot bis morgen Sonntag um 14 Uhr verfügt hat, streicht die Fluggesellschaft Swiss alle Flüge für Sonntag. Für die Flüge ab Montag warte die Swiss die neuen Entscheide des Bazl ab, die am Sonntagmorgen gefällt werden, sagte Swiss-Sprecher Jean-Claude Donzel am Samstag gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Damit geht die Gesellschaft weiter als von der Behörde verlangt.
Warum Swiss über die Vorgaben des BAZL hinaus geht, erklärte Donzel mit der Unsicherheit über die weitere Entwicklung. Mit dem Entscheid der Swiss herrschten für die Passagiere klare Verhältnisse. Zudem benötige eine Fluggesellschaft stets eine gewisse Vorlaufzeit, um Flüge auf die Beine zu stellen. Unter anderem müsse das Personal aufgeboten oder das Essen organisiert werden.
Vulkanasche bleibt länger über der Schweiz
Die Lage der Wolke habe sich im Tagesverlauf kaum verändert und werde gemäss Wettervorhersage länger über der Schweiz verharren, sagte BAZL-Sprecher Daniel Göring gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Bislang hatte eine Luftraumsperre über der Schweiz bis heute Samstagabend um 20 Uhr gegolten.
Das Flugverbot bis morgen Sonntag 14 Uhr gilt nach Angaben des Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) für Flüge nach Instrumentenflugregeln. Davon betroffen ist vor allem die kommerzielle Luftfahrt.
Nicht der ganze Luftraum über der Schweiz ist jedoch gesperrt, da die für Flugzeuge gefährliche Wolke aus feinen Stein- und Glasteilchen nur in einer begrenzten Höhe liegt. In grosser Höhe hingegen können Flugzeuge die Schweiz überqueren.
Staubschicht liegt tiefer
Die Wolke sei im Tagesverlauf zudem abgesunken, sagte Göring. Deshalb konnte das BAZL am Samstag den Luftraum ab einer Höhe von rund 6000 Metern über Meer wieder freigegeben. Bis anhin lag diese Grenze bei rund 11'000 Metern.
Gleichzeitig untersagte das BAZL für die Nacht die am Tage erlaubten Flüge auf Sicht. Das BAZL will nach eigenen Angaben am Sonntagmorgen nach Rücksprache mit Meteo Schweiz, Skyguide und ausländischen Behörden die Situation neu beurteilen und über die getroffenen Entscheide informieren. Deutschland, Grossbritannien und andere Länder sprachen Flugverbote bis Sonntagmorgen aus; Frankreich und Italien gar bis Montagmorgen.
Hilflose Behörden
Die Aschewolke hängt wie eine gespreizte Zange über Skandinavien und Mitteleuropa. Nur über Litauen, Lettland und Weissrussland war noch eine Lücke. In 17 Ländern war der Luftraum gesperrt. Grösstenteils verschont blieb bislang der Süden des Kontinents. Für die Luftfahrt wie auch für Meteorologen und Behörden stellt die Wolke eine noch nie gekannte Herausforderung dar.
Vor den Medien in Bern zeigten sich die Behörden am Samstag hilflos. «Der Ausbruch (...) ist ein Ereignis, das in der Neuzeit in Europa noch nie passiert ist», sagte Marcel Haefliger, Chef des Flugwetterdienstes von Meteo Schweiz. Es fehlten wissenschaftliche Daten zur idealen Verdünnung einer Vulkanaschewolke - und zwar weltweit, sagte der Vizedirektor des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (BAZL), Werner Bösch. Ohne genaue Kriterien seien genaue Prognosen unmöglich.
Drei Viertel aller Flüge gestrichen
Im europäischen Luftraum wurden gemäss Eurocontrol am Samstag nur drei Viertel aller 22'000 Flüge bedient. Die deutsche Gesellschaft Lufthansa erklärte am Samstag, sie streiche bis Sonntag 14 Uhr sämtliche Flüge weltweit.
Auch in der Schweiz fielen am Freitag und Samstag Hunderte Flüge aus. Nachdem am Freitag nur der Europaverkehr betroffen war, ging am Samstag auch auf der Langstrecke nichts mehr. Die Lufthansa-Tochter Swiss und die Billig-Airline Easyjet strichen für Samstag alle Flüge ab der Schweiz.
Schwerer Rückschlag für die Luftfahrt
Ob der Ausbruch die Erholung der Wirtschaft in Europa wieder abwürgen wird, war noch nicht absehbar. Schwer getroffen ist die Luftfahrt: Jeder Tag kostet die Branche laut Weltflugverband IATA etwa 200 Millionen Dollar. Schäden durch Naturgewalten sind zudem nicht versicherbar.
Die Frage ist, wie lange die Wolke Europa im Griff hat. Der Ausbruch des Gletscher-Vulkans Eyjafjalla schien abzuflauen, könnte aber noch über Tage und sogar Monate andauern. Sollte dies der Fall sein, würden unter anderem Lieferketten unterbrochen.
Für Eisenbahnen, Auto-Vermietungen, Taxi-Unternehmen und viele Hotels erwies sich das Chaos hingegen als Segen, weil viele Zehntausende umdisponieren mussten.
SBB erhöht Kapazität
Einen Ansturm erlebte auch die SBB. Sie setzte bei den internationalen Verbindungen so viele Züge auf die Schiene wie sie konnte. So wurden in Richtung Italien und Paris die Züge doppelt geführt.
Profitieren vom Grounding konnten auch die Hotels in der Nähe des grössten Schweizer Flughafens Zürich: Die meisten waren ausgebucht. Von Freitag auf Samstag mussten zudem etwa 300 Gestrandete im Flughafen übernachten. Sie wurden vom Zivilschutz versorgt. (vin/sda)
Erstellt: 17.04.2010, 18:17 Uhr
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