Tausende Jugendliche lassen jährlich die obligatorische Schule sausen

Nicht alle Schulabbrecher kommen aus zerrütteten Familien.

Tausende verlassen sie vorzeitig: Die Volksschule.

Tausende verlassen sie vorzeitig: Die Volksschule. Bild: Keystone

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Die Schulpflicht in der Schweiz beträgt (ohne Kindergarten) neun Jahre. Doch jedes Jahr verlassen rund 5000 Jugendliche die Volksschule früher. Diese Erkenntnisse aus einer langjährigen Studie präsentierte gestern Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm an der Universität Freiburg.

Die mehrjährige Studie führte Stamm zusammen mit einem Forscherteam im Auftrag der Gerbert-Rüf-Stiftung durch. Erst wurden Schülerinnen und Schüler aus elf Kantonen im 8. und 9. Schuljahr befragt. Ein Jahr später ermittelten die Wissenschaftler, wie viele von ihnen die Schule frühzeitig verlassen haben, aus welchen Gründen und mit welchen Folgen.

Ein Drittel ist «schulmüde»

Die Studie räumt dabei gleich mit mehreren Vorurteilen auf. Die Schulabbrecher kommen nicht nur aus bildungsfernen Schichten, aus Realschulen oder Sekundarschulen C, wo schulschwache Jugendliche unterrichtet werden. Sie kommen ebenso häufig aus ambitionierten Elternhäusern und aus Progymnasien.

Es wird unterschieden zwischen fünf Typen von Aussteigern: Am häufigsten (30 Prozent) sind «die Schulmüden», die unter problematischen Lehrerbeziehungen und hohem Elterndruck gelitten haben. «Die Hänger» (20 Prozent) werden als selbstbewusste Anführer mit Disziplinarproblemen beschrieben. Sie konsumieren viel Alkohol oder Cannabis. Die «familiär Belasteten» (18 Prozent) konnten die Schule wegen ihrer Probleme zu Hause nicht bewältigen. Die Gemobbten (16 Prozent) sind gezeichnet von Konflikten mit Gleichaltrigen. Am problematischsten beurteilt Stamm die Gruppe «der Delinquenten» (16 Prozent). Sie fallen durch teilweise schweres rechtswidriges Verhalten und durch Gewaltbereitschaft auf.

Von Lehrern «rausgeekelt»

Weiter widerlegt die Studie die verbreitete Ansicht, die Schüler seien allein für den Abbruch verantwortlich. Denn fast die Hälfte verlässt die Schulen nicht freiwillig. Sie werden oft zum Austritt gedrängt – passiv oder auch repressiv. Entweder reagiert die Schule nicht aufs Schwänzen oder andere Rückzugszeichen und lässt die Jugendlichen gewähren, bis sie nicht mehr erscheinen. Oder dann werden die Schulabbrecher in der Schule als «hoffnungslose Fälle» abgestempelt. «Manchmal werden die nicht pflegeleichten Schülerinnen und Schüler von ihren Lehrern regelrecht hinausgeekelt», schreibt Margrit Stamm in ihrem Bericht.

Meist werde der Schulaustritt von den Jugendlichen als Befreiung und nicht als Versagen empfunden – allerdings nur am Anfang, später setzten dann Reue und Bedauern ein.

«Die Delinquenten»

Die Studie macht aber auch Hoffnung. Denn längst nicht alle Schulabbrecher erleben ein berufliches Desaster. Drei Jahre nach dem Austritt sind zwei Drittel von ihnen entweder in die Schule zurückgekehrt, oder sie haben eine Berufsausbildung begonnen. Ein Drittel hingegen hatte nach drei Jahren den Weg zurück noch nicht gefunden – unter ihnen vorwiegend «die Delinquenten».

Die Forschergruppe hat unter dem Titel «Stop-Drop» ein Programm für Lehrpersonen und Schulen erarbeitet, wie das Problem angepackt werden könnte. Es baut auf vier Fragen auf: 1. Wie diagnostiziert man einen potenziellen Schulausstieg? 2. Wie sollte man mit derart gefährdeten Schülern im Unterricht arbeiten? 3. Welches sind die präventiven Möglichkeiten der Schulen? 4. Wie kann man desintegrativem Verhalten schon im Vorschulbereich entgegentreten? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2011, 07:59 Uhr

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