Teuer eingekauftes Tamiflu wird nun als Sondermüll verbrannt

Aus Angst vor der Vogel- und der Schweinegrippe haben Bund und Kantone Tamiflu eingekauft – für rund 4 Millionen Franken. Nun läuft dessen Haltbarkeit ab. Ersetzt wird es wohl nicht.

Der «Tamifluch»: 30'000 Packungen des Antivirenmedikaments müssen nächstes Jahr verbrannt werden.

Der «Tamifluch»: 30'000 Packungen des Antivirenmedikaments müssen nächstes Jahr verbrannt werden.

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Wenigstens als Beruhigungsmittel für Politiker, Medien und Verängstigte hat es gewirkt. Gedacht war das Tamiflu in den Notfalllagern von Bund und Kantonen allerdings als Antivirenmedikament gegen eine drohende Pandemie. Es hätte im Ernstfall mithelfen sollen, die Vogelgrippe (2005) und die Schweinegrippe (2009) zu bekämpfen. Dazu ist es bekanntlich nicht gekommen. Und so liegen fast alle Tamiflu-Packungen unangetastet in ihren Lagern.

Inzwischen neigt sich die Haltbarkeit ihrem Ende entgegen. Im Sommer wird der Kanton Zürich eine erste Ladung von 210 Packungen Tamiflu entsorgen – «bei einer Kehrichtverbrennungsanlage mit Sonderabfallannahme», wie Daniel Winter von der Gesundheitsdirektion sagt. Der Rest der gut 1000 Packungen, welche die Zürcher Kantonsapotheke an Lager hat, wird Ende Jahr oder 2013 verbrannt.

Haltbarkeit bereits verlängert

Insgesamt haben Bund und Kantone bei der Herstellerin Roche etwa 150'000 Packungen Tamiflu gekauft und dafür rund 4 Millionen Franken ausgegeben. Allein im Armeelager des Bundes in Ittigen bei Bern lagern wohltemperiert 70'000 Packungen des Antigrippemittels. 30'000 davon werden im nächsten Jahr verbrannt – die übrigen 2016.

Bereits berücksichtigt ist bei diesen Daten eine Verlängerung der Haltbarkeit durch Roche. Im Normalfall darf Tamiflu nämlich nur fünf Jahre lang verwendet werden. Für den Einsatz in einem Pandemiefall hingegen hat der Pharmakonzern die Laufzeit in Absprache mit den Behörden auf sieben Jahre erhöht. Einzig der Kanton Genf mochte diese zwei zusätzlichen Jahre nicht abwarten und hat seinen Tamiflu-Notvorrat bereits im letzten Jahr verbrannt. Alle übrigen vom TA angefragten Kantone nutzen die verlängerte Haltbarkeit dagegen aus.

Pharma-Kanton Basel war spendabel

Grosse Unterschiede zeigen sich beim Ausmass des Notvorrats, den sich die Kantone angelegt haben. Während Zürich und Bern mit gut 1000 respektive 3000 Packungen Tamiflu relativ zurückhaltend waren, kaufte Basel-Stadt gleich 14'000 Packungen ein. Dies, obwohl in Basel siebenmal weniger Menschen leben als im Kanton Zürich. Auch beim Preis zeigte sich der Pharma-Kanton spendabel. Laut der stellvertretenden Kantonsärztin Anja Oswald überwies man Roche 40 Franken pro Packung, insgesamt also über eine halbe Million Franken. Die Basler Regierung hatte dafür eigens einen Sonderkredit gesprochen. Andere Kantone haben zu deutlich vorteilhafteren Konditionen eingekauft. Der Bund zum Beispiel zahlte pro Packung 25 Franken.

Ein grosses Lager legte sich mit 21'000 Packungen auch der Kanton Neuenburg an. Der Aargau hingegen verzichtete ganz auf einen Tamiflu-Notvorrat. Der Bund verfüge ja bereits über ein Lager, das reiche, meint die Aargauer Kantonsapothekerin Muriel Sponagel. Rückblickend habe sich diese Haltung «nicht als gravierender Fehler» erwiesen. Man habe jetzt, so Sponagel, «etwas weniger zu entsorgen».

Kontroverse um Wirksamkeit

Die Aargauer Kantonsapothekerin verweist auch auf die Kontroverse um die Wirksamkeit von Tamiflu, die in Fachkreisen bereits 2009 stattgefunden habe. Inzwischen sind die Kritiker nicht leiser geworden. Im Gegenteil. Ihnen zufolge ist die Wirkung von Tamiflu nicht erwiesen. Und sie werfen Roche vor, entscheidende Daten zurückzuhalten (TA vom 20. 1.). Der Berner Immunologe Beda Stadler wiederum betont, Tamiflu müsse man rasch nach den ersten Symptomen einnehmen, wenn es etwas nützen solle. Da mache die Rezeptpflicht keinen Sinn, weil durch sie zu viel Zeit verloren gehe. Stattdessen stecke man beim Gang zum Arzt und in die Apotheke nur weitere Leute an.

Auch die Behörden stehen Tamiflu kritischer gegenüber als auch schon. Basel-Stadt jedenfalls wird die demnächst zu entsorgenden Packungen nicht ersetzen. Dasselbe gilt für Bern. Und viele Kantonsapotheker lassen unter dem Siegel der Verschwiegenheit durchblicken, sie hätten die Tamiflu-Notvorräte 2005 und 2009 nicht aus Überzeugung angeschafft, sondern aufgrund des politischen und medialen Drucks.

Und der Bund? Wird er sein abgelaufenes Tamiflu ersetzen? Die Antwort des Bundesamts für Gesundheit deutet eher auf ein Nein hin: «Im Rahmen der Überarbeitung des Pandemieplans wird auch die Tamiflu-Strategie überarbeitet.» Entschieden sei aber noch nichts. Vorderhand hält der Bund auch am Tamiflu-Pflichtlager fest, das Roche halten muss – als Ergänzung zur Notreserve in der Armeeapotheke.

Roche will nicht neu abfüllen

Theoretisch liesse sich Tamiflu nach dem Ablaufdatum noch verwenden. Kritisch ist nämlich nicht der Wirkstoff Oseltamivir – kritisch sind vielmehr die Kapseln an sich. Roche hat sich daher überlegt, die abgelaufenen Tamiflu-Packungen à jeweils 10 Kapseln zurückzunehmen und den Wirkstoff zu rezyklieren. Dies habe man aber verworfen. «Es entsprach nicht den üblichen standardisierten Herstellungsverfahren und hätte höchstwahrscheinlich nicht den regulatorischen Anforderungen genügt», sagt Sprecherin Silvia Dobry.

So bleibt dem einst teuer eingekauften Tamiflu nur die Verbrennung als Sondermüll. Auf demselben Weg liess der Bund bereits den übrig gebliebenen Impfstoff gegen die Schweinegrippe vernichten. Er hatte einst 56 Millionen Franken gekostet. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.02.2012, 18:16 Uhr)

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